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Medien

Aufregende Zeiten für Al Jazeera

Von Hermine Schreiberhuber

Mit den Revolutionen im arabischen Raum schlug für Al Jazeera die große Stunde. Durch seine Präsenz, aber vor allem auch durch die Pro- fessionalität seiner Mitarbeiter hat der arabische Nachrichten-sender internationales Ansehen erworben. Al Jazeera English wurde im „arabischen Frühling“ zu einer wichtigen Quelle für Nachrichten aus erster Hand auch in Europa und den USA.

Die großen TV-Networks, die nationalen Fernsehstationen schickten Teams und Krisenreporter los, im hektischen Bemühen, bei den politischen Umstürzen, die wie eine Lawine ein arabisches Land nach dem anderen erfassten, noch halbwegs rechtzeitig an Ort und Stelle zu sein. Al Jazeera war schon dort, ob in Tunis, in Kairo, in Sanaa, in Tripolis oder in Damaskus. Zumindest hatte der Sender auf ureigenstem Terrain überallhin einen heißen Draht.

„Al Jazeera war flächendeckend dabei, hatte besondere Hintergrundinformationen“, zieht Aktham Suliman eine Zwischenbilanz über die Berichterstattung seines Senders. Der Chef des Berliner Büros von Al Jazeera nennt aber auch noch andere Gründe für den Erfolg: „Al Jazeera schätzte die Ereignisse besser und schneller richtig ein.“ Im Bewusstsein der Europäer war Tunesien bis dahin nur ein Urlaubsland und Ägyptens Staatschef Hosni Mubarak wurde nicht als Diktator wahrgenommen.

Für die verstärkte Nutzung des arabischen Senders durch das europäische Fernsehpublikum am Höhepunkt der Arabien-Krise hat Suliman eine logische Erklärung: „Weil Al Jazeera einen englischsprachigen Dienst hat, wurde es besser und öfter zitiert. Und weil friedliche Revolutionen einen Nerv im Bewusstsein der westlichen Welt treffen.“ Bei den Europäern wurden Erinnerungen an die Revolutionen in Osteuropa wachgerufen.

Wie der Nachrichtensender mit Sitz in Doha, der Hauptstadt des Golf-Emirats Katar, diese Situation meisterte, das basiert laut Suliman auf einem klaren Konzept: „Wir haben konzentrierte Berichterstattung betrieben.“ Alle anderen Sendungen wurden sofort aus dem TV-Programm gestrichen. „Das Programm bestand nur aus Nachrichtensendungen und Reportagen“ über die aktuellen Entwicklungen in der arabischen Welt. Denn im Zentrum von Al Jazeera stehen per se die Geschehnisse in arabischen und anderen islamischen Staaten.

Einen Gesamtplan für die akute Arabien-Berichterstattung hatte die Zentrale am Golf nicht, sie konnte auch keinen haben, denn die Ereignisse überschlugen sich, die Protestwelle rollte von Land zu Land. Die Al-Jazeera-Zentrale machte auch keine Vorgaben, betont Suliman: „Wenn der Fokus auf Ägypten, Tunesien, Libyen liegt, konzentrieren sich alle Korrespondenten auf diese ihre Sache.“ Die Arbeit wurde einfach anders gewichtet. „Andere Geschichten verlieren an Bedeutung.“

Korrespondenten wurden an die Schauplätze der Proteste geschickt, Verstärkung zur Coverage der arabischen Aufstände wurde aus Al-Jazeera-Büros in aller Welt, auch aus Paris, London und Berlin, in den Nahen Osten beordert. Zusätzliche Mitarbeiter wurden nicht rekrutiert, sondern die erfahrenen eigenen Mitarbeiter umgruppiert. In der westlichen Welt galt es, zur Abrundung des Gesamtbildes die Nebenschauplätze im Blick zu behalten. „Demos von Jemeniten in Berlin oder von Ägyptern in New York begleiten, Bilder von Aktionen vor arabischen Botschaften liefern“, schildert Suliman.

Von Berlin undercover auf

den Tahrir-Platz

Der Mann von Al Jazeera in Berlin – in seinen Zuständigkeitsbereich fallen auch Österreich und praktisch ganz Osteuropa – wurde nach Ägypten entsandt. Aktham Suliman traf kurz vor dem Abgang Mubaraks in Kairo ein. Als dessen letzte Rede live auf dem Tahrir-Platz übertragen wurde, berichtete er bereits von dort. Der Staatschef wollte nur einen Teil seiner Befugnisse abgeben. „Plötzlich flogen Schuhe“, erzählt Suliman. „Morgen zum Palast“, riefen die Versammelten. Am nächsten Morgen vernahm der Reporter mitten unter Tausenden Demonstranten die Nachricht vom Machtverzicht Mubaraks. „Freude ohne Ende brach los.“

Der Einsatz in Ägypten war für den Al-Jazeera-Korrespondenten eine äußerst heikle Aufgabe. Denn der revolutionsengagierte Sender fiel bei etlichen Noch-Machthabern in Ungnade, so auch in Kairo. Das dortige Al-Jazeera-Büro war geschlossen worden. „Wir mussten unsere Identität verbergen und mit Touristenvisa einreisen.“ Das Team erlebte ein tägliches Spießrutenlaufen auf dem Weg vom Hotel zum Tahrir-Platz, mit versteckter TV-Kamera. Auf dem Platz griff die Staatsmacht nicht zu, aber im Hotel warnte ein Aufpasser: „Wir kennen Sie.“ Das musste Suliman als gefährliche Drohung verstehen.

Auf der anderen Seite war dieser Zustand „eine Art Befreiung“, sagt der arabische Journalist rückblickend. Wenn die ägyptischen Behörden das Büro schließen, „hat man die Möglichkeit, ohne Rücksichtnahme zu berichten“. Im anderen Fall habe man bei seiner Tätigkeit immer die Bedrohung im Rücken, dem Sender könnte die Lizenz entzogen werden. „So ist man frei“, kann Suliman diesem rechtlosen Zustand sogar noch Positives abgewinnen.

Interventionen erlebte Al Jazeera im Zuge der politischen Umwälzungen an mehreren Orten. Berichterstattern wurde die Einreise verweigert, Korrespondenten wurden der Anstachelung zur Revolution bezichtigt. In Syrien musste der Büroleiter auf Druck des Regimes zurücktreten. In Ägypten wurde ein Mitarbeiter Sulimans zusammengeschlagen, in Libyen ein Kollege erschossen, ein weiterer ist noch in Haft.

Wie es arabischen Journalisten ergehe, wenn sie plötzlich über „daheim“ berichten? „Natürlich ist man emotional gebunden“, meint der gebürtige Syrer, der in Berlin studierte und vor seinem Engagement für Al Jazeera für die Deutsche Welle arbeitete. Die meisten Kollegen waren auch auf Seite der Revolution. „Aber als professioneller Journalist kann man damit umgehen“, lässt Suliman keinen Zweifel am Prinzip ausgewogener Berichterstattung aufkommen.

Die ungefilterte Darstellung konträrer Meinungen gehöre zum Konzept von Al Jazeera, sagte Suliman in einem früheren Interview. In München bot ihm die Sicherheitspolitische Konferenz im Februar Gelegenheit, die Positionen namhafter Spitzenpolitiker zu den arabischen Konflikten einzuholen. Bei wichtigen außenpolitischen Themen werde versucht, Politiker aus den betreffenden Staaten live auf Sendung zu schalten, betont er. UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon, der britische Premier David Cameron, die Außenminister der USA und Russlands, Hillary Clinton und Sergej Lawrow, NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen, sie alle waren da.

Selbst die Amerikaner zollen Al Jazeera heute großes Lob. Al Jazeera English sende rund um die Uhr „richtige Nachrichten“, wurde Clinton im Zuge der Arabien-Berichterstattung mit anerkennenden Worten zitiert. Das war nicht immer so. Im Afghanistan-Krieg wurde der arabische Sender als „Bühne Bin Ladens“ gegeißelt, da die Taliban nur diesen Sender zugelassen hatten. Die Ereignisse in Ägypten hätten in der Einschätzung einen Meinungsumschwung gebracht, selbst im State Department, freute sich der Washingtoner Al-Jazeera-Bürochef auf der Website des Senders.

Das Nachrichtengeschäft –

und das Ende der Geschichte?

Sulimans Bilanz über seine Arbeit im TV-Nachrichtengeschäft stimmt nachdenklich. „Ein hochinteressanter Job, eine professionelle Erfahrung ohnegleichen.“ Allerdings lasse eine so „gewaltige Nachrichtenmaschinerie“ im Lauf der Zeit die Frage aufkommen, „ob Nachrichten ein Gesamtbild von einem Land, einer Realität wiedergeben können“. Man frage sich: Wo ist das Ende der Geschichte? Wenn er einen langen Urlaub hätte, „mit ruhigerem Schritt und offenerem Blick durch das Land reisen könnte“, aus dem er einmal berichtete, würde ihn interessieren: Was ist aus diesen Menschen geworden, deren Geschichte er damals schilderte? Sein Resümee: „Nachrichten mit schnellen Sätzen und kurzen Beiträgen beeinflussen schon das Fühlen der Menschen.“

In Österreich war Suliman mindestens 15 Mal. Meistens waren es wichtige Termine bei IAEO und OPEC, wo es um das iranische Atomprogramm oder Öl
förderquoten ging, die ihn nach Wien führten. Ein einziges Mal machte er einen Mozart-Bericht für die Kultur. Suliman ist überzeugt: „Dieses Land kann man nicht mit Nachrichten-Augen allein erfassen.“

Erschienen in Ausgabe 06+07/2011 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 80 bis 81 Autor/en: Hermine Schreiberhuber. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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