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Praxis

Blasen und Phrasen

Das Brevier für mehr Klartext.

„Intensiv“

Wer „intensiv“ an einem Projekt gearbeitet, wer sich „intensiv“ mit einem Problem beschäftigt oder „intensiv“ trainiert hat und das anschließend verkündet, der denkt sich dabei etwas. Er denkt: Es reicht nicht, zu behaupten, das Projekt sei abgeschlossen, das Problem gelöst oder die Mannschaft auf das schwere Spiel vorbereitet. Nein, es muss außerdem betont werden, wie „intensiv“ die Arbeit war. Wobei das eine Phase von drei Jahren oder drei Stunden bedeuten kann. Maßgeblich ist die eigene Wahrnehmung („das war aber intensiv“) und die Zeit, die für andere Aufgaben nicht zur Verfügung stand („gegessen wurde nur im Stehen“). Der Gebrauch dieser Wortblase signalisiert, dass man anderen Personen nicht zutraut, sie könnten von alleine erkennen, wie viel Arbeit in einer Aufgabe steckt. Zur Vermarktung nach außen und als Selbstvergewisserung sagt man dann lieber, wie unglaublich anstrengend es zuging.

„Ich freue mich“

Ein eigentlich ganz unverdächtiger Satz: „Ich freue mich.“ Er kann von Herzen kommen oder auch nur eine einfache, etwas harmlose Floskel sein. Seit Angela Merkel sich darüber gefreut hat, dass Osama bin Laden von US-Militärs getötet wurde, droht dieser Satz allerdings auf der schwarzen Liste zu landen. Aber gemach – solange es nichts mit dem Ableben von Terrorfürsten zu tun hat, darf sich weiter öffentlich in Reden und Interviews gefreut werden. Über den neuen FDP-Chef, über die Fußballmeisterschaft für Dortmund, über die Arbeit der Ethikkommission zum Atomausstieg. Wer sich freut, der zeigt Emotionen oder behauptet zumindest, welche empfinden zu können. Das kommt meist vorzüglich an. Nur sollten Menschen, die öffentlich ihre Freude kundtun, dafür ausreichend Gründe parat haben. Falls Nachfragen kommen. Denn es ist so, dass Freude bei Journalisten Misstrauen hervorrufen kann. Den Satz: „Ich freue mich, dass ich heute Abend hier bei Ihnen in (Namen wie Salzgitter oder Cloppenburg einfügen) sein darf, um unser neues Klärwerk/die Pläne für die Umgehungsstraße/das 60. Jubiläum des Gesangsvereins feiern zu können“ haben sie schon zu oft so oder ähnlich gehört.

„Alternativlos“

Dieses Adjektiv wurde zum Unwort des Jahres 2010 gewählt. Die Begründung der Jury lautete folgendermaßen: „Das Wort suggeriert sachlich unangemessen, dass es bei einem Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gebe.“ Dennoch, bei aller Kritik am rhetorischen Determinismus: Führungspersönlichkeiten könnten es sich eigentlich rausnehmen, auch mal etwas „alternativlos“ zu finden. Sie demonstrierten damit zumindest, dass sie sich mit denkbaren Alternativen beschäftigt haben, auch wenn sie diese womöglich gleich wieder verwarfen, weil sie ihnen nicht in den Kram passten. Wer zu lange zwischen verschiedenen Möglichkeiten hin und her überlegt, der trifft am Ende vielleicht gar keine Entscheidung oder landet bei faulen Kompromissen. Die Crux ist nur: Findet sich eine signifikante Gruppe von Menschen zusammen, die nun doch eine gangbare Alternative gefunden hat, und setzt sich damit womöglich öffentlichkeitswirksam durch, dann war es das mit der Führungsposition. Das Risiko ist also nicht unbeträchtlich. Denn alternativlos ist letztlich nur der Tod.

„Weltoffen“

Das ZDF wirbt für sein „Auslandsjournal“ in diesen Tagen mit dem Slogan „Weltoffen“. So bezeichnen sich gerne Menschen oder Städte, die eine gute Meinung von sich haben. Sie wollen sagen: Schaut her, liebe Leute, ich bin der Welt zugewandt, mir sind alle Menschen willkommen, egal aus welchem Kulturkreis. Wer weltoffen ist, der reist selber vermutlich ziemlich viel in der Gegend umher. Der wartet nicht nur drauf, dass Chinesen, Kenianer und Argentinier zu ihm kommen, der zieht selber los. Schön also, wären alle Menschen weltoffen. Noch besser aber, wären die Menschen weltoffen, redeten aber weniger darüber. Über Weltoffenheit spricht man nicht, sie wird praktiziert. Ansonsten ist das ZDF-„Auslandsjournal“ eine sehr gute Sendung, die unverzichtbar ist.

„Unverzichtbar“

Sie erinnern sich noch an die vorletzte Wortblase „alternativlos“? Klasse, denn ähnlich verhält es sich mit der Behauptung, ein Mitarbeiter, ein Unternehmen oder eine Institution sei „unverzichtbar“. Zwar ist das Wort nicht so verpönt, aber es ist ähnlich aufgeblasen und falsch. Sicherlich: Ein Interview, in dem der Manager oder der Trainer einen Mitarbeiter oder Mitspieler als „unverzichtbar“ bezeichnet, lobt und motiviert. Es kann klug sein, „unverzichtbare“ Menschen um sich zu scharen. Damit festigt man schließlich seine eigene Stellung. Wer unverzichtbaren Personen huldigt, taktiert. Es sei nur die Frage erlaubt, was eigentlich unverzichtbar macht. Die große Kenntnis eines Menschen? Seine hervorragenden charakterlichen Eigenschaften? Die strategisch wichtige Funktion innerhalb des Unternehmens? Das kann alles möglich sein. Tatsache ist bedauerlicherweise nur, dass Unverzichtbarkeit immer auch eine temporäre Komponente hat. Ehrlicherweise sollte es heißen, dass der Kollege oder die Firma, um die es geht, in diesem Augenblick unverzichtbar ist. In zwei Jahren können die Karten schon neu gemischt sein.

Erschienen in Ausgabe 06+07/2011 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 138 bis 139. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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