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Beruf

„Der Durchschnittsleser wird im Dunkeln gehalten“

Von Astrid Kuffner

Katharine Sarikakis, seit Februar 2011 Professorin für Media Governance an der Uni Wien, über ihren ersten Eindruck von der heimischen Medienlandschaft, den Stand von Media Governance in Österreich und die Schwierigkeit von Politikberatung.

Was führt Sie an die Uni Wien?

Katharine Sarikakis: Das Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaften ist ein inspirierender Platz zum Arbeiten. Die Entscheidung, England zu verlassen, war sehr schwer für mich. Aber Wien ist sowohl strategisch als auch zum Leben ein guter Platz. Für mich ähnelt die Kaffeehauskultur der Athener Lebensart, damit kann ich gut umgehen und das Thema Governance ist unauflöslich mit der politisch-kulturellen Landschaft verbunden. Die Uni Wien und das Department haben mir Unterstützung für meine Forschung zugesichert, weil ihre Aktualität erkannt wurde, und ich kann zur gewünschten internationalen Ausrichtung beitragen.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Media Governance, Media Policy und Medienpolitik?

Im Englischen bezeichnet Policy die Rechtsvorschriften und den administrativen Teil der Gesetzgebung. Governance sieht eine Fülle von Akteuren in Politik und Politik-Entstehung und deutet eine Demokratisierung und Öffnung des Prozesses für die breitere Öffentlichkeit an. In der deutschen Fachsprache schließt Medienpolitik bereits den Prozess ein, in dem Entscheidungen getroffen werden. Das Studium der Akteure wohnt dem Studium der Medienpolitik inne. Im Alltag und in den Medien wird Medienpolitik meist als Gestaltung in Form von Gesetzen oder mittels Selbstregulation verstanden.

Ich sehe den Media-Governance-Begriff kritisch: Er ist keine Demokratisierung-Kraft als solche, sondern hängt vielmehr von den Bedingungen ab, wie zerstreute, nicht konzentrierte Interessen vertreten werden. Es geht um Fragen wie: Welche Ideen und Ideologien formen die Position dominanter Akteure und Akteurinnen in der Medienpolitik? Was ist die Quelle der Verhandlungsmacht, die sie haben, und repräsentiert sie eine breite Palette von öffentlichen Interessen? Welchen Einfluss haben Politik-Gestaltung und Politik-Nichtgestaltung für Betroffene und Bürger und Bürgerinnen an sich?

Wie verschaffen Sie sich Einblick in die österreichische Medienlandschaft?

Ich studiere nationale und internationale Berichte zum Thema, aber auch die Selbstdarstellung der beziehungsweise Berichterstattung über relevante Körperschaften – wie etwa die Medienbehörde. Auch zivilgesellschaftliche Organisationen wie die Gewerkschaft oder die European Federation of Journalists habe ich im Blick. Die Biografien der Leute in den Komitees sind wichtig, um zu sehen, wodurch ihr Standpunkt geprägt ist. Mich interessiert, inwieweit die Interessen und Stimmen von Bürgern und Bürgerinnen in diesen Körperschaften repräsentiert werden und wo sie sich in die Entstehung von Politik einklinken können. Ich mache Ländervergleiche und bekomme ein Gefühl dafür, wie oft sich Vertretungen erneuern. Der Pool von Menschen, die für Repräsentationsfunktionen infrage kommen, ist oft sehr klein. Das führt zum Recycling von Ideen und Zugängen.

Hat denn die Zivilgesellschaft ein Interesse an Politikgestaltung?

Die Medien berichten nicht über Medienpolitik. Sie schreiben über Pressefreiheit, oder was sie als Zensur empfinden. Im Finanzteil wird über Fusionen und Übernahmen berichtet. Den lesen meistens Menschen mit Interesse an den Medienmärkten. Der Durchschnittsleser oder die Durchschnittsleserin wird im Dunkeln gehalten über die Bandbreite von Medienpolitik. Es ist leicht zu behaupten, dass Leser und Leserinnen nur unterhalten, informiert oder gebildet werden wollen. Kein Interesse an Politikgestaltung haben. Es gibt einfach zu wenig Feedback zu einzelnen Bürgern und Bürgerinnen und wenig Debattenkultur. Sogar Studierende sind es nicht gewohnt, sich für Media Governance zu interessieren. Erst wenn es auf der Uni ein Thema ist, bemerken sie, wie zentral das im Alltag ist.

Was ist das Ergebnis Ihrer ersten Analyse der hiesigen Medienlandschaft?

Soweit ich das bisher beurteilen kann, ist der ORF sehr präsent, zudem deutsche Privatsender und ein Presse-Oligopol. Österreich hat die Charakteristik eines kleinen Landes mit einem großen, gleichsprachigen, benachbarten Markt. Ganz typisch ist die Sorge um die nationale kulturelle Identität. Die Dominanz des ORF könnte die beste Antwort auf diese Ängste sein. Gleichzeitig imitieren öffentlich-rechtliche die kommerziellen Medien und unterstützen kulturelle Haltungen einer Innenorientierung mit Vorbehalten gegenüber dem „Fremden“. Ich bin eine Befürworterin öffentlich-rechtlicher Medien mit einer größeren Unabhängigkeit von der Politik, aber besonderem Schutz, weil sie Gemeinschaften und Gesellschaften umfassender dienen als andere.

Der erste Eindruck täuscht nicht. Für wie entwickelt halten Sie Media Governance hierzulande?

Ich bin mir nicht sicher, ob das eine Frage von Entwicklung ist oder vielmehr eine der Strukturen und inwieweit diese das Gedeihen von Pluralismus und Demokratie ermöglichen. Ich kann das System in Österreich in Hinblick darauf noch nicht beurteilen.

Inwieweit greift die Europäische Union Media Governance auf?

Die Arbeit der EU wird ja überall irreführend dargestellt. Die Nationalstaaten wirken auf allen Ebenen an den Entscheidungen mit, wollen aber zu Hause nichts damit zu tun haben. Die EU ist seit Anfang der 80er auf heikler Mission. Anfangs ging es um Konzentration bei den Medieneigentümern und was das mit der Vielfalt der Geschichten macht. Die Richtlinie „Television without frontiers“ aus 1989 behandelte Medien als Produkte und Services im einheitlichen europäischen Markt. Inzwischen gibt es nationale Regulierungsbehörden, die Medienkonvergenz, Technologien und Transparenz im Auge behalten. Seit drei Dekaden geht es darum, ob die öffentlich-rechtlichen Medien zu viel Unterstützung bekommen und gegenüber privat geführten der Markt verzerrt wird.

Haben Sie eine Vorstellung, wie es besser laufen könnte?

Policy- und Governance-Forschung hat eine normative Dimension, da müssen wir uns nichts vormachen. Ich war beratend tätig für das UK Home Office, das Europäische Parlament, das Council of Europe oder die „Campaign on Press and Broadcasting freedom“. Ich rede gerne mit allen, die sich für meine Arbeit interessieren und mir zuhören wollen (lacht). Mein Team ist startbereit. Politiker und Politikerinnen suchen wohl oft Leute, die ihnen genehme Antworten geben, damit sie nicht von ihrer Flugbahn abweichen müssen oder weil sie wenig Spezialkenntnisse haben oder zu wenig Zeit.

Der österreichische Ex-Bundeskanzler Fred Sinowatz wird gerne so zitiert: Es ist alles sehr kompliziert.

Und er hat recht! Als Akademikerin habe ich eine Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit, mit der Komplexität umzugehen und sie darüber zu informieren. Wie auch Herr Sinowatz als Politiker.

Welches europäische Land gibt denn ein Beispiel?

Das britische System ist in Bezug auf die Raffinesse der Media Governance beispielhaft. Ich behaupte nicht, dass es das demokratischste System ist, aber bei der BBC ist die Achtung von Diversität und Marginalität in Beschäftigung und Programmierung verankert. Die britische Medienbehörde arbeitet unabhängig und versorgt Fachleute und Öffentlichkeit mit Informationen und Studien, die eine öffentliche Debatte unterstützen. Außerdem ist England Heimat aktiver zivilgesellschaftlicher Organisationen, die eng mit der akademischen Community zusammenarbeiten. Auf diese Art wird die Repräsentation zerstreuter Interessen effektiver, professioneller und informierter verfolgt als anderswo.

Und was empfehlen Sie den Öffentlich-Rechtlichen?

Um es ganz kurz zu sagen: „shine don’t conquer.“ Es braucht frische Luft im System. Zum Beispiel könnte der ORF seine Advisory Boards erweitern, damit er nicht an wiederverwerteten Ideen erstickt und die großen Player doch nicht einholt. Mit „glänzen“ meine ich: offen der Welt gegenüber bleiben, Österreich selbstbewusst mit seinen Traditionen präsentieren, seine kulturellen Besonderheiten, nicht nur Klimt und Schiele, sondern auch zeit
genössische, populäre. Nicht introvertiert und ängstlich, sondern offen für Newcomer und Umbrüche. So ist die Welt heute und so bringt man sich auch ins Gespräch. Es ist eine Zeit der Neudefinition, nicht nur hier.

Erschienen in Ausgabe 06+07/2011 in der Rubrik „Beruf“ auf Seite 72 bis 72 Autor/en: Astrid Kuffner. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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