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Medien

Der letzte Mohikaner

Von Peter Plaikner

Die SPÖ Steiermark tut es. Die ÖVP Salzburg tut es. Die SPÖ Kärnten tut es. Nur die ÖVP Oberösterreich tut es nicht. Anders als die Volkspartei in Salzburg 2005 und die Sozialdemokraten in Kärnten 2010 behält sie ihre Parteitageszeitung. Das „Neue Volksblatt“ ist der einzige Überlebende dieses einst mächtigen Medienstammes. Der letzte Mohikaner am Marterpfahl von Internet, Gratiszeitungen und Multimediakonzernen.

„Die Formel ist einfach und gilt auch für uns: Nicht mehr ausgeben als man einnimmt. Das ist uns gerade in den letzten zehn Jahren sehr gut gelungen.“ So erklärt Landesgeschäftsführer Michael Strugl, warum die Oberösterreichische VP noch pflegt, was alle anderen Landesparteien nicht mehr haben – eine eigene Tageszeitung. 1869 gegründet, ist das „Neue Volksblatt“ heute der letzte Vertreter einer Gattung, die den Medienmarkt über Jahrzehnte mitgeprägt hat. Zum Jubiläum „200 Jahre Tageszeitung in Österreich 1783 bis 1983“ bestand die Tagespresse noch aus acht Parteigazetten neben zehn unabhängigen publizistischen Einheiten. In Titeln gerechnet hatten sie sogar die Mehrheit:

SPÖ (5): „Arbeiter-Zeitung“ (Wien), „Neue Zeit“ (Steiermark, bis 2001), „Tagblatt“ (Oberösterreich) inkl. „Salzburger Tagblatt“, „Kärntner Tageszeitung“.

ÖVP (5): „Südost-Tagespost“ (Steiermark), „Neues Volksblatt“ (Oberösterreich), „Neue Volkszeitung“ (Kärnten) inkl. „Salzburger Volkszeitung“ und „Neue Tiroler Zeitung“.

KPÖ (4): „Volksstimme“ (Wien) inkl. „Wahrheit“ (Steiermark), „Volkswille“ (Kärnten), „Neue Zeit“ (Oberösterreich).

Damit brachten es die Parteiblätter 1982 auf gleich viele regionale Ausgaben wie die unabhängigen Tageszeitungen, die damals erst durch drei deklarierte Bundesländervarianten der „Kronen Zeitung“ und die „Kärntner Kleine Zeitung“ auf insgesamt 14 kamen. Das Unentschieden spiegelte sich aber nicht in der Gesamtauflage wider, an der die 450.000 Stück von SP/VP/KP nur 17 Prozent hielten. Entsprechend schnell verringerte sich in der Parteipresse zuerst die Zahl der publizistischen Einheiten und letztlich das Titelangebot.

Salzburger (1984) und Linzer „Tagblatt“ (1987) wurden von der „AZ“ übernommen, die 1991 aufgeben musste. Die „Neue Zeit“ hielt sich zehn Jahre länger. Seit 2010 hat die SP auch ihre letzten Anteile an der „KTZ“ verkauft, die nun unabhängig weitermacht. „Totgesagte leben länger“, sagt Chefredakteur Ralf Mosser, der in einer Übergangsphase selbst 22,5 Prozent des Blattes besaß. „Wir glauben an die Nische für eine eigene Kärntner Regionalzeitung“, setzt er eine indirekte Spitze gegen „Krone“ und „Kleine“ mit ihren Zentralen in Wien und Graz.

„Große Inserenten wählen leider die beiden Platzhirschen“, bedauert sein Kollege Konnie Aistleitner, der die „Salzburger Volkszeitung“ schon länger unabhängig führt. Sein Bruder hat sie 2005 der ÖVP abgekauft. Deren einstige Blätter „Südost-Tagespost“ (bis 1987), „Neue Volkszeitung“ (1990) und „Neue Tiroler Zeitung“ (1990) gab es da längst schon nicht mehr. Auch die KPÖ hat ihre „Volksstimme“ bereits 1990 eingestellt (damit auch die Bundesländer-Mutationen „Wahrheit“, „Volkswille“, „Neue Zeit“).

Bundes- und Landesförderung

Die Unternehmen von Hansjörg Berger („KTZ“) und Martin Aistleitner („SVZ“) erhalten für die nun parteiunabhängigen Blätter aber ebenso weiterhin „besondere Förderung zur Erhaltung der regionalen Vielfalt der Tageszeitungen“ wie die Oberösterreichische VP für ihr „Volksblatt“: 2010 waren das gemeinsam immerhin 2,77 Millionen – 42 Prozent aus dem mit 6,65 Millionen Euro dotierten Bundestopf, von dem auch noch „Standard“, „Presse“, „Wirtschaftsblatt“ und „Neue Vorarlberger Tageszeitung“ zehren. Die Gesamtdotation dieser Förderungsschiene wurde aber von 1992 noch 13 Millionen inzwischen halbiert (inflationsbereinigt ist die Reduktion noch wesentlich deutlicher).

Das trägt zweifellos dazu bei, dass Konnie Aistleitner heute sagen kann: „Wir haben 2010 positiv abgeschlossen. Das war als Parteizeitung nie der Fall“, weiß er als ehemaliger langjähriger „SVZ“-Lokalchef. Mit der Einschätzung, die Bundespresseförderung sei „für uns so wichtig wie für alle österreichischen Tageszeitungen“, untertreibt er allerdings. Denn nur sieben der 16 Kauftitel erhalten Geld aus dem „besonderen“, dem bestdotierten Topf.

Ralf Mosser sieht das für die „Neue Kärntner Tageszeitung“ aber ähnlich: „Wir sind auf einem guten Weg zu wirtschaftlicher Überlebensfähigkeit. Es ist nicht so, dass wir ohne Presseförderung nicht existieren können.“ Die „KTZ“ musste sich soeben erst mit der Streichung der Mediensubvention des Landes – immerhin 300.000 Euro – abfinden. So etwas gibt es in Salzburg schon lange nicht mehr. In Oberösterreich schon, aber Michael Strugl will sie nicht überbewerten: „Die Presseförderung des Landes spielt eine untergeordnete Rolle, stärker ins Gewicht fallen Anzeigen.“ Ähnlich bewertet er die Geldspritze aus Wien: „Die Bundespresseförderung wurde schon in den letzten Jahren sukzessive eingeschränkt. Würde sie ganz wegfallen, müssten wir beim Produkt Einschränkungen machen und könnten nicht mehr den ganzen Umfang anbieten. In der Existenz würde es uns aber nicht gefährden.“

Wie es um diese Existenz bestellt ist, dafür gibt es kaum öffentliche Indikatoren. Das „Volksblatt“ nimmt seit 2006 nicht mehr an der Media-Analyse (MA) teil und meldet auch keine Daten an die Österreichische Auflagenkontrolle (ÖAK). „Rund 25.000 Exemplare“, lautet der Wikipedia-Eintrag. Laut MA 2006 waren es damals aber nur 44.000 Leser.

Die „SVZ“ beteiligte sich zuletzt 2002 an der ÖAK, die ihr eine verbreitete Auflage von 11.500 Stück attestierte. Bei ihrem letzten MA-Auftritt 1992 hatte sie 38.000 Leser. Konnie Aistleitner spricht heute von „16.500 verkauften Exemplaren inklusive E-Paper“. Das aber wird mangels Cross-Media-Erhebung noch von keiner Marktforschung gemeinsam erhoben. Auch an Online-Erhebungen wie der Österreichischen Web-Analyse (ÖWA) nimmt die „SVZ“ nicht teil. „Der Print-Abonnent ist ja infolge Druck und Vertrieb ein Defizitgeschäft“, pocht Aistleitner dennoch auf die Internet-Strategie der „Salzburger Volkszeitung“.

Für die „KTZ“ dagegen sieht Ralf Mosser im Onlinebereich durchaus noch Nachholbedarf: „Das ist natürlich eine Geldfrage“, sagt der Kärntner Chefredakteur, der sich allerdings mehr als seine Kollegen aus Linz und Salzburg in die Karten schauen lässt. Die „KTZ“ leistet sich weiterhin die Teilnahme an der Media-Analyse. Die MA weist ihr für 2010 immerhin 48.000 Leser aus, im Bundesland erreicht sie 9 Prozent der über 14-Jährigen. Damit ist sie wohl ungeachtet der Eigenangaben von „SVZ“ und „Volksblatt“ die größte unter den drei kleinsten Tageszeitungen Österreichs.

Die wahre Unbekannte in dieser Rechnung ist allerdings die „Wiener Zeitung“. Herausgegeben von der Republik, nimmt sie an ÖAK und MA längst nicht mehr teil: Diese letzten derart gesicherten Werte sahen sie bei einer verbreiteten Auflage von 16.000 Exemplaren (1999) und einer Reichweite von bundesweit 0,9 Prozent (1998) und 59.000 Lesern. Doch zumindest über den Online-Auftritt der 1703 gegründeten, ältesten noch erscheinenden Tageszeitung (als solche aber erst 1813) der Welt gibt es aktuelle vergleichbare Daten: Sie verzeichnete für ihr Internet-Angebot im Mai 2011 mehr als 300.000 Unique Clients.

Unterdessen kam es fast zur Fusion der einst roten „KTZ“ mit der früher schwarzen „SVZ“: Die oberösterreichische Aistleitner-Gruppe wollte auch die &
#x201E;Kärntner Tageszeitung“ kaufen. Konnie Aistleitner: „Das wären interessante Synergieeffekte gewesen, wirtschaftlich für beide zum Vorteil.“ Ralf Mosser weiß, dass vor allem der Personalerhalt ausschlaggebend war, dass es anders kam, und verzeichnet auch in der aktuellen Situation „mehr Inserate. Alle Zahlen gehen nach oben.“ Er schafft das mit „insgesamt fast 30 Leuten, darunter 19 Redakteure“. Aistleitner hat dafür „eine Handvoll fixe und noch einmal doppelt so viel freie Mitarbeiter“. Michael Strugl beziffert die Redaktionsgröße des „Volksblattes“ mit „55 Mitarbeitern inklusive Verlag“. Noch uneindeutiger und knapper wird der Landesgeschäftsführer der Oberösterreichischen Volkspartei bei der Frage, ob es Überlegungen gibt, sich von der ältesten Bundesländer-Tageszeitung Österreichs zu trennen: „Aktuell nicht.“

Erschienen in Ausgabe 06+07/2011 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 74 bis 75 Autor/en: Peter Plaikner. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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