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Die Nachfolger - Der Österreichische Journalist - medien journalismus zeitung print magazin radio tv online

ARCHIV » 2011 » Ausgabe 06+07/2011 »

Special

Die Nachfolger

Von Elisabeth Horvath

Wie Österreichs Kulturjournalisten die Direktoren der zwei wichtigsten Bühnen Österreichs beurteilen, Staatsopernchef Dominique Meyer und Burgtheaterintendant Matthias Hartmann.Vergleiche mit den Vorgängern der Bühnenlenker drängen sich auf.

Dominique Meyer (55) ist von den österreichischen Kulturjournalisten höchst angetan. Besonders im Vergleich zu Frankreichs Kultur-Medienszene: „Hier ist die Presse viel lebendiger, die Kritik ist viel interessanter – allein schon weil man der Kultur viel mehr Platz einräumt.“ Im Gegensatz dazu würden in seinem Herkunftsland über Musik etwa nur noch zwei Zeitungen berichten, „Figaro“ und „Le Monde“. Und dann auch nur ein Mal pro Woche in einer Kolumne, bedauert der Staatsoperndirektor. Auch inhaltlich gebe es große Unterschiede in der Kulturberichterstattung. Während in Frankreich fast ausschließlich „über Probleme“ berichtet werde, stehe hier „hauptsächlich das Künstlerische“ im Vordergrund.

Und was dem Ioan-Holender-Nachfolger in Wien besonders gefällt, sei die Tatsache, dass Journalisten auch zu Repertoirevorstellungen kommen und nicht nur zu Premieren. „Das passiert in Paris nie.“ Dabei seien Repertoirevorstellungen nicht minder wichtig, „weil man da oft junge Sänger und Sängerinnen ausprobiert“.

So viel Lob und Sympathie für Journalisten? Das ist selten, fürwahr.

Im Fall Meyer, dem Diplomatensohn und Ex-Berater des ehemaligen französischen Kulturministers Jack Lang, beruht diese Zuneigung auf Gegenseitigkeit. Mit wem immer man in der Journalisten-Szene redet, jede und jeder ist von ihm angetan. „Mit Meyer ist es ein sehr entspannter Umgang“, attestiert denn auch die Kulturchefin des „Standards“, Andrea Schurian. Er sei offen, aber nicht offensiv. Wenn sich etwas ereignet, gebe er sofort eine nüchterne Meldung heraus, da werde nichts zurückgehalten. Sehr restriktiv hingegen sei er in Dingen, die nicht fix sind, so Heinz Sichrovsky, Leiter des Kulturressorts in „News“. Gernot Zimmermann, Radio-Kulturredakteur im ORF, schlägt in die gleiche Kerbe: „Meyer redet mit allen, er hat keine Berührungsängste, da gibt es keine Grenzen. Er ist immer zugänglich, Meyer ist ein Diplomat.“ Nachsatz: „Auch Franz Welser-Möst (Anm.: der Musikdirektor) ist extrem zugänglich.“

Und in der Tat: Bei jeder Premiere mischt sich Dominique Meyer in den Pausen unters Publikum und redet mit den Leuten. Nach der Aufführung, wenn die Fans am Bühnentürl warten, kommt Meyer oft heraus und plaudert mit ihnen. „Da kommt es schon vor, dass er in einem Gespräch einen Halbsatz fallen lässt, so ganz nebenbei, so en passant, der mich auf eine Spur setzt. Niemals würde er direkt etwas über eine andere Person sagen. Eben ganz Diplomat“, erzählt Sichrovsky, ein seit Jugend notorischer Bühnentürlsteher. „Ein Diplomat weiß genau, wie man eine Bombe zündet.“

Ein Diplomat weiß aber auch das Spiel zwischen sich rarmachen und präsent sein zu spielen. Meyer: „Man wird hier viel für Interviews angefragt. Da muss man aufpassen, es darf nicht zu viel, soll aber auch nicht zu wenig oft sein.“ Deshalb neben offiziellen Pressekonferenzen auch immer wieder mal Hintergrundgespräche mit ausgewählten Journalisten. Als vertrauensbildende Maßnahme. Und gleichfalls höchst diplomatisch verhielt sich der Opernchef in der Causa Thielemann – Salzburger Osterfestspiele ab 2013. Hat er doch schnell und ohne Spektakel seinen Lohengrin-Dirigenten aus dem Vertrag entlassen, dafür aber von Christian Thielemann das verpflichtende Versprechen bekommen, 2014 fünfmal „Ariadne auf Naxos“ und 2015/2016 eine Premiere zu dirigieren. „Da war Meyer der echte Problemlöser“, so sein Pressesprecher Andre Comploi, der schon unter Holender das Pressebüro leitete.

Mit einem Wort: Was Direktorenwechsel auf Österreichs Bühnen betrifft, so hat sich der größte Wandel in der Wiener Staatsoper vollzogen. Denn zwischen Ioan Holender und Dominique Meyer liegen Welten. So schildert Gernot Zimmermann das Klima in der Oper unter Holender von „vorauseilendem Gehorsam und Furcht“ geprägt. Auch er sei einmal Opfer einer Intervention von Holender bei ORF-Generaldirektor Wrabetz gewesen. Diese habe aber keine Wirkung gezeigt. Auslöser war ein Vergleich des in der Staatsoper herrschenden Repertoiresystems mit dem Stagionesystem im Theater an der Wien. Letzteres habe nämlich nach Meinung des Kulturjournalisten im internationalen Vergleich in Wien die viel wesentlicheren und mehr beachteten Premieren herausgebracht. Es sei eigentlich „ungeheuerlich“, so Zimmermann weiter, „dass ein Operndirektor glaubt, sich die Journalisten gefügig machen zu können. Denn auch der Umgang mit Pressekarten war einem internationalen Opernhaus nicht würdig. Um meinen Job gut machen zu können, muss ich mich auch über das Niveau von Aufführungen abseits der Premieren informieren. Das war in der Staatsoper oft nicht möglich, weil Pressekarten dazu verweigert wurden. In London und Paris bekomme ich problemlos Karten, auch wenn ich nicht aktuell berichte. Das ist lächerlich und provinziell.“ Nachsatz: „Dominique Meyer ist eine internationale Größe.“

Gewarnt vor Wiener Szene

Vielschichtiger indes wird von den KulturkollegInnen der Erste Mann in der Burg wahrgenommen und charakterisiert. Einerseits sind Matthias Hartmann (47), dem vorigen Schauspielchef in Zürich, bei seinem Antritt in Wien Vorschusslorbeeren entgegengebracht worden. „Er ist auffallend warmherzig aufgenommen worden“ (Burgtheater-Pressechefin Konstanze Schäfer). Dies, obwohl er vor der Wiener Szene gewarnt worden war. Andererseits wiederum eilte ihm auch der Ruf voraus, er sei arrogant.

Heute, zwei Saisonen später, sagen die heimischen Kulturjournalisten eigentlich vorwiegend Positives über den Burgtheater-Intendanten und Regisseur. In der Zwischenzeit hat sich Hartmann auch zusätzlich zur normalen Informationstätigkeit einen Kreis von Journalisten geschaffen, mit denen er Hintergrundgespräche führt. Hin und wieder freilich frage sich Hartmann allerdings schon, erzählt Gernot Zimmermann, „wieso die österreichische Presse deutsche Medien abkupfert“. Nach Meinung des ORF-Mannes „zu Recht“. Hartmann sei viel „sensibler, als er wirkt“, sagt Heinz Sichrovsky, ganz Psychologe. „Er hofft immer, dass alles zum Guten ausschlägt.“ Andrea Schurian wieder lobt seine „Professionalität“ im Umgang mit den Medien und seine – zumindest gegenüber Journalisten demonstrierte – Solidarität zu den Schauspielern. O-Ton: „Er versucht in Gesprächen, positive Aspekte der Aufführungen zu betonen. Das ist manchmal schon ein Schönreden – etwa als er nach der eher missglückten Premiere der, Geschichten aus dem Wienerwald‘ erklärte, der Regisseur sei krank geworden. Doch alle wussten, dass das Ensemble mit dem Regisseur und seinen Ideen total unglücklich und unzufrieden gewesen ist und quasi fast in Eigenregie zu retten versucht hat, was noch zu retten war. Aber Hartmann sucht ein relativ offenes Verhältnis zu den Journalisten.“

Vielleicht auch aufgrund der Erfahrung nach Birgit Minichmayrs Lulu-Absage hat er Schurian und einige andere Journalisten persönlich angerufen und sie informiert, dass die Zusammenarbeit zwischen Klaus Maria Brandauer und Alvis Hermanis (Regisseur) geplatzt ist, ehe sie noch begonnen hatte.Und wenn ihm was nicht passt, bei Schurians Glossen etwa – die Ressortchefin schreibt bewusst nur sehr selten Kritiken –, ruft er sie an, um ihr seine Meinung zu sagen. Da kann er auch heftig werden. Weshalb er zu Beginn eines solchen Gesprächs gerne vorausschickt: „Es könnte sein, dass ich im Laufe des Gesprächs laut werde, daher sage ich vorweg, dass ich Sie und Ihre Arbeit schätze“, erzählt die „Standard“-Frau. Es gebe also eine „professionelle Distanz von beiden Seiten. Das halte ich für nicht schlecht.“

Für Gernot Zimmermann ist Hartmann gar der &#x
201E;erste Burgtheaterdirektor, mit dem ich mich gerne in eine Kantine setzen würde“. So freundlich sei er, wiewohl er Distanz halte. Er habe enorm viel Humor und sei „wesentlich weniger von oben herab, als man ihm nachgesagt hat“. Ideologisch könne er Matthias Hartmann, von 68er-Eltern erzogen, allerdings nicht einordnen.

Wie gut Hartmann als Intendant ist, das hat erst vor ein paar Wochen Wolfgang Kralicek im „Falter“ in einer Zwischenbilanz analysiert: Auf den Bühnen des Burgtheaters „wurde nicht nur sehr gut besuchtes, sondern auch sehr gutes Theater gemacht“. Und: „Von anderen großen Schauspielhäusern hebt sich Hartmanns Burgtheater durch zwei Unterscheidungsmerkmale ab: Das eine heißt, Internationale Gäste‘, das andere, Matthias Hartmann‘.“ Guido Tartarotti vom „Kurier“ schlägt in die gleiche Kerbe: „An der Kasse ist das Burgtheater derzeit erfolgreicher denn je, auch die Kritiker nehmen das Haus als überaus relevant wahr.“

Was indes die Regiearbeit des Direktors angeht, so sind manche Kollegen und eben auch Kralicek nicht immer überzeugt davon: „Hartmanns Inszenierungen sind meistens gut gemacht, aber selten wirklich gut. Sie sind effektsicher und unterhaltsam, wirken aber auch unverbindlich und leer.“

„Wirklich gut“ jedenfalls ist auch das Pressebüro unter der Leitung von Konstanze Schäfer, die bereits unter Hartmanns Vorgänger, Klaus Bachler, ans Burgtheater kam. Dies attestieren die Kulturjournalisten unisono. Und auch das Marketing des Hauses am Ring ist professionell und bestechend durch seine Vielfalt. Wobei Konstanze Schäfer stets darauf bedacht ist, zwischen „Marketing und Hartmanns persönlichen Pressekontakten zu trennen“.

Da gibt es Kooperationen mit dem „Standard“ etwa, mit ORF Wien und Ö1, mit Hoanzl ebenso wie mit dem Deutschen Literaturfonds, der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia Römerquelle oder Sony. Einige davon, etwa die Matineen mit dem „Standard“, gab es schon zu Bachlers Zeiten. Weiters gibt es den Zyklus im „Kurier“-Club, ein eigenes Burgtheater-Magazin und eigene redaktionelle Beilagen in Printmedien. Insgesamt ist Matthias Hartmann, auch was seine Auftritte im Rahmen von Veranstaltungen etwa im Verbund mit „Standard“ oder „Kurier“ betrifft, viel präsenter, als es Bachler war. Erst jüngst, am Freitag, 17. Juni, sprach er als Regisseur und Burgtheaterdirektor im Rahmen eines IAA Business Communications Lunch im Restaurant Vestibül direkt zum Thema: „Darf es Marketing für die Kunst geben?“ Und über Hartmanns Redaktionsarbeit bei einer der „Presse“-Sonntagsausgaben vor einiger Zeit sagt Andrea Schurian lapidar: „Nicht unschlau.“

Die Kulturjournalisten des Landes vergleichen auch sehr gerne sowohl Opernchef Meyer mit seinem Vorgänger Holender als auch Hartmann mit dessen Vor-Vorgänger Claus Peymann. Beide Vergleiche drängen sich auf. Denn während der „Diplomat“ Meyer als geradezu der totale Gegenpol zu Holender erscheint – wie das Gernot Zimmermann schildert –, sind die Unterschiede zwischen Hartmann und Peymann nicht ganz so augenscheinlich. Immerhin suchen beide die Öffentlichkeit, haben beide gegenüber Journalisten keine Berührungsängste und sind mit einer gehörigen Portion Ehrgeiz ausgestattet. Beide sind keine „uneitlen Männer“ (Schurian).

Aber da enden auch schon die Ähnlichkeiten. Im Gegensatz zu Peymann verfüge Hartmann nämlich über „Selbstironie, ist experimentierfreudig und relativ entspannt“, urteilt ORF-Mann Zimmermann. „News“-Kulturchef Sichrovsky sieht es ähnlich: „Peymann war anfangs, als man ihn bejubelt hat, verzweifelt, weil es keine Kritik gab. Er provozierte Öffentlichkeit, er hat Wirbel gebraucht, er war immer in der Gegenoffensive. Hartmann hingegen kränken manche Dinge. Dann ist er grantig.“ Und Andrea Schurian bringt es nüchtern auf den Punkt. Hartmann agiere mitunter ähnlich wie Peymann, bei Letzterem freilich „war alles ein geniales Furioso“.

Erschienen in Ausgabe 06+07/2011 in der Rubrik „Special“ auf Seite 112 bis 117 Autor/en: Elisabeth Horvath. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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