ARCHIV » 2011 » Ausgabe 06+07/2011 »

Beruf

Die Strandbadwirtin

Von Sophia-Therese Fielhauer-Resei

Einer Institution Leben einhauchen ist ein Knochenjob. Doch die Journalistin und Autorin Mella Waldstein liebt das Thayabad.

Zeitreise in die Sommerfrische. In Paris geboren, in der Nähe von Retz aufgewachsen, nach Wien abgewandert, lebt die freie Journalistin und Autorin Mella Waldstein, 46, seit 1996 in Drosendorf. Hoch im Norden des Waldviertels, nahe der tschechischen Grenze. Ihr Wohnhaus war eine romanische Kirche, später ein Schüttkasten und bis 1848 ein Gefängnis. Während Waldstein eine Zugereiste bleibt, sind Tochter Ernesta, 15, und Sohn Leander, zwölf, hier geboren. Von 1989 bis zum Umzug ins Waldviertel war Waldstein Redakteurin im „Freizeit-Kurier“, schreibt heute u. a. für „Standard“-Crossover, „Universum Magazin“, „Forum Museum“, hat 15 Bücher verfasst – zuletzt „Das Industrieviertel – Am Puls der Zeiten“ (Verlag Bibliothek der Provinz). Doch im Sommer ist Mella Waldstein vor allem eines: Strandbadwirtin vom Thayabad. „Dabei hat das Strandbad gar keinen Strand. Es hat eine grüne Wiesenkante mit Bäumen und dahinter liegt auch gar kein Bad, sondern ein dunkler Fluss.“ Erbaut 1926, ein Holzpavillon auf Stelzen, mit Kuppelbau und Seitenflügeln, die heute Raum für Sommer-Yoga und Erwachsenenbildung bieten (http://w3.drosendorf.at/kneippbad/kneippbad). In den 1970er-Jahren wurde ein Freibad mit Chlorbecken errichtet – das Flussbad, Sommerfrische der Jahrhundertwende, verfiel und wurde gerade noch gerettet. Kein Pächter blieb lange, bis Waldstein vor sieben Jahren gemeinsam mit der Volkskundlerin Susanne Meiringer die Pacht der städtischen Einrichtung übernahm. „Die Wiese ist nun gut belegt, von voll kann nicht gesprochen werden, dazu ist sie zu groß und das Wasser oft zu kalt. Wenn aber das weiche, durch den eisenhältigen Schlamm braun gefärbte Wasser warm ist, dann drängen sich auf der Holzleiter meine Badegäste. Gehen rein und raus. Es entsteht ein Stau. Die Bitte nach einem zweiten Einstieg hat unser Herr Bürgermeister abgelehnt: ‚Hier lernen sich die Leut kennen.‘ Er ist ein weiser Mann …“ (aus Waldstein-Text „Eine Loge am Fluss“). Reich kann die Journalistin als Strandbadwirtin nicht werden, doch „ich wollte den Geist dieser alten Sommerfrische erhalten, das Thayabad ist eine Liebe von mir“. Traditionell im Juli und August geöffnet, wissen die Drosendorfer: Auch bei Schönwetter im Juni ist Verlass auf ihre Mella. Sie kommt mit frisch gebackenen Marmeladekipferln, die Kinder im Schlepptau – die helfen bereitwillig mit. Ein Bayer, seit Jahren in Drosendorf heimisch, ist samt Schlauchboot schon da, lässt sich mitgebrachtes Bier einkühlen. Waldstein ist gutmütig. Keine Fertiggerichte, heißt ihre Philosophie, dafür Tagesgerichte wie rote Linsensuppe oder Fisolengulasch, köstliche Salate – dazu Kracherl, Waldviertler Wein und Bier. „Im Sommer ist es eine Knochenarbeit. Um 8 Uhr einkaufen, vorbereiten, kochen und um 20 Uhr verlasse ich das Bad.“ Im Thayabad finden Lesungen, Theater und Sommerkino ( www.sommerkinoe.at) statt. „Mella ist eine kulturelle Institution“, erklärt ein Badegast, denn Waldstein selbst ist weit davon entfernt, sich selbst zu loben. Dabei hat sich die Zugereiste seit jeher um Drosendorf als kulturelles Ziel bemüht. Seit der Nostalgiezug Reblaus Express an Wochenenden und Feiertagen zwischen Retz und Drosendorf verkehrt, drängen große Gruppen in den Ort. Waldstein ist auch eine von neun Stadtführerinnen, die etwa Österreichs einzig rundum erhaltene Stadtmauer mit Wissen und Herz präsentiert. Jeden Abend nach getaner Arbeit gönnt sich die Strandbadwirtin ein Bad im Fluss, doch „Urlaub kann ich hier nicht machen“. Dafür tauscht Waldstein den Fluss gegen das Meer.

Erschienen in Ausgabe 06+07/2011 in der Rubrik „Beruf“ auf Seite 68 bis 69 Autor/en: Sophia-Therese Fielhauer-Resei. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

;