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Medien

Diener zweier Herren? Medien für Austro-Türken

Von Hermine Schreiberhuber

Die türkischsprachige Community in Österreich umfasst mehr als 250.000 Menschen, ein Teil besitzt die österreichische Staatsbürgerschaft. In den vergangenen Jahren hat sich für diese stetig wachsende Bevölkerungsgruppe ein eigener Zeitungsmarkt entwickelt. Meist handelt es sich um Gratiszeitungen.

Ab Anfang der 1960er-Jahre wurden die namhaften türkischen Zeitungen in Frankfurt gedruckt und in ganz Europa vertrieben, um Gastarbeiter mit Heimat-News zu versorgen. „Türkischsprachige Medien in Österreich existieren erst seit circa zehn Jahren“, sagt Ali Yurtsever, Österreich- und Osteuropa-Korrespondent der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu Ajansi (AA), der seit fast 40 Jahren aus Wien in die alte Heimat berichtet. Also seit die konservativ-islamische AKP-Regierung an die Macht kam. Quereinsteiger wurden hergeschickt, um sich der hiesigen türkischen Klientel publizistisch anzunehmen. Am neu entstandenen Inseratenkuchen wollten viele mitnaschen, und die Österreicher wollten die türkische Community ansprechen.

Heute gibt es etwa ein Dutzend türkischsprachige Blätter. Einige sind professionell gestaltet, wie die Gratis- und Abo-Monatszeitung „Yeni Vatan Gazetesi“ (Neue Heimat Zeitung) und die Abo-Wochenzeitung „Zaman Avusturya“ (Zeit Österreich). Birol Kilic, der als Student aus Istanbul an die TU Wien kam und in der Türkisch-Österreichischen Gesellschaft aktiv war, gilt als Pionier. Er gründete 1999 die „Yeni Vatan“, die eine Auflage von 50.000 Stück erreicht und sich als „gesellschaftsliberale Zeitung für austro-türkische Mitbürger“ bezeichnet. Anzeigen machen etwa ein Drittel des Kleinformats aus. Seine Zeitung sei „Made in Austria“. Er habe bis jetzt „keine politischen Kooperationen und keine Förderung“ erhalten oder gefordert, betont Kilic.

Die „Zaman Avusturya“ ist ein Ableger einer mächtigen Mediengruppe mit islamischem Hintergrund, die in der Türkei mit „Zaman“ die auflagenstärkste Zeitung herausgibt. Anhänger des islamischen Predigers Fethullah Gülen betreiben dort neben Printmedien Radios, einen TV-Sender und eine Bank. „Zaman“ existiert in 28 Ländern und 15 Sprachen. Die österreichische „Zaman“ entstand 2008 als zweisprachiges Blatt, Franchise-Nehmer ist ein türkischer Geschäftsmann (Sürat Handels GesmbH), Chefredakteur ist Seyit Arslan. Mit 6.000 Abonnenten, das heißt Familien, erreiche man 20.000 türkische Leser, sagt er. Stückpreis: 2 Euro.

Zwei Fallstudien: „Yeni Vatan“ und „Zaman“

„Den Türken in Österreich fehlte etwas“, begründet Kilic, der sich neben dem Studium journalistisch betätigte, sein Interesse an den Medien. „Ich wollte, dass sich meine Mitbürger mit Österreich befassen.“ Schon 1990 habe er einen Beitrag der Frage gewidmet, warum nicht alle Türken hier Deutsch lernten, obwohl diese Sprache in ihrem Leben „wichtig ist wie Luft, Wasser und Brot“. Anlässlich des Staatsbesuchs von Präsident Abdullah Gül, der im Blatt groß gecovert wurde, stellte Kilic in der Körpersprache zwischen Gül und Kanzler Werner Faymann fest: „Sie schauten sich beim Handshake im Bundeskanzleramt nicht in die Augen – dieses Bild sagt mehr als tausend Worte.“ Das Fortbestehen gegenteiliger Vorurteile habe sich bei der Visite erahnen lassen.

Sein Blatt – Medieninhaber ist der Neue Welt Verlag – werde „von allen Seiten in der türkischen Community, ob links, rechts oder in der Mitte stehend, gelesen“, ist der „Yeni Vatan“-Herausgeber überzeugt. Zugleich unterstreicht Kilic: „Hinter uns steht keine politische Gruppierung oder Sekte.“ Bei der Durchsicht des Blattes findet sich auch AKP-Kritisches. Gefragt nach der „Kronen Zeitung“ sagt Kilic, mit Hans Dichand verbanden ihn „respektvolle Beziehungen“. Beim Layout habe man aus Marketing-Gründen das „Krone“-Format übernommen.

Förderungen, etwa aus dem Integrationsfonds, erhalte er keine und wolle er auch nicht, so Kilic. Anzeigen von Reisebüros, Fluglinien, Banken, Versicherungen, bisweilen auch von Gemeinden, Kammer und Wirtschaftsverbänden richteten sich an die türkische Zielgruppe. „Yeni Vatan“ publizierte auch Bücher: „Das große Bildwörterbuch“ (2010), eine Vokabelsammlung für Kinder, gesponsert unter anderem von der WKO, und eine reich bebilderte Broschüre mit Kochrezepten in Kooperation mit dem Gesundheitsministerium (2008). Er erwarb die Rechte an „EU for you“ (Autoren Böhm/Lahodinsky) und brachte das Buch auf Türkisch heraus.

„Wir schreiben über Themen, wo wir stark sind“, beschreibt „Zaman“-Chef Arslan seine Linie. Zuletzt analysierte er den Integrationsvergleich, bei dem Österreich gegenüber anderen Einwanderstaaten wie Schweden schlecht abschnitt. Österreich habe in Sachen Migranten-Bildung lange nicht reagiert und müsse sich dieser Frage stellen. Stolz ist Arslan auf die Interviews mit österreichischen Politikern: „Pro Monat ein Minister.“ Als einzige türkische Zeitung habe sein Blatt jüngst Fischer und nicht Gül interviewt. Man wolle auch deutschsprachige Leser gewinnen; das erste der vier Bücher der Wochenzeitung ist deutschsprachig.

Der Islam spiele inhaltlich eine große Rolle, betont Arslan, der keine journalistische Ausbildung hat. Zur islamischen Bewegung Gülens bekennt er sich nicht offen, er definiert sich als „überparteilich“. „Ich schätze ihn als großen Intellektuellen und Denker“, sagt er im „Zaman“-Büro mit Blick auf den Stephansdom. Ein Blick ins Blatt zeigt dennoch die Nähe zu Gülen und zur AKP. In der Vorwahl-Berichterstattung kommen Kemalisten und laizistische Medien schlecht weg, wird die Gefahr der Ergenekon-Putschpläne beschworen. Ein BBC-Bericht wird zitiert, der die in 130 Staaten präsente Gülen-Bewegung als Entwicklungs- und Bildungsfaktor preist. Immerhin: In Österreich erfreut sich „Zaman“ laut Insidern des Wohlwollens politischer Parteien, von ÖVP, SPÖ und Grünen gleichermaßen. Politiker (beispielsweise Michael Häupl, Alexander van der Bellen) und Publizisten (Michael Fleischhacker) ließen sich mit dem „Zaman“-Preis auszeichnen. Unwissende Instrumentalisierung?

„Zaman“ habe ein junges Team, zusätzlich einen Korrespondenten für Westösterreich in Innsbruck. „Kein Cent Sponsoring“, erklärt Arslan und verweist auf Kooperation mit dem Integrationsfonds bei Veranstaltungen. Gedruckt wird bei Mediaprint. 50 Prozent der Abonnenten leben in Wien, eine Abo-Kampagne sei im Gang. Eingeweihte Kreise kritisieren die Methode, dass solche türkische Zeitungen oft ungefragt an spezifische Adressen verschickt und hinterher die Abonnementkosten eingetrieben werden. In Deutschland existiert „Zaman“ laut Arslan übrigens sei 20 Jahren und erreiche eine Auflage von 30.000.

Finanzen und Ideologie – schwer durchschaubare Blättchen

Alle anderen Printmedien für Austro-Türken sind Gratisblätter, wie „Yeni Hareket“ (Neue Bewegung), „Ajans“, „Haber Aktuel“, „Turkuaz“, „Posta“, „Öneri“, „Medyatik“. Das Concordia-Mitglied Yurtsever äußert sich kritisch über die Neugründungen. Oft sind es Geschäfts- oder Lokalbesitzer, die diese Postillen nebenberuflich betreiben, mit Studenten als Mitarbeitern. Artikel türkischer und österreichischer Zeitungen würden einfach aus Online-Ausgaben kopiert. Er habe auch eigene Geschichten, über UNO-Behörden, Konferenzen sowie offizielle Besuche in Wien, dort entdeckt.

Yurtsever bezweifelt die Legitimation solcher „Journalisten“ vor den hiesigen Behörden. Allerdings sei es ziemlich leicht, sich Ausweise verschiedener Journalistenvereinigungen, die im Internet angeboten werden, zu beschaffen, meint der AA- und frühere „Milliyet“-Korrespondent. Für Österreichs Behörden stellt sich die Frage nach Finanzierung und Steuern. In der Tat ist die Transparenz oft mangelhaft. Wo immer man nachbohrt,
heißt es, man finanziere sich aus Inseraten, ohne Förderungen. Meist stehen türkisch-politische und islamische Partikulärinteressen dahinter – obgleich im Impressum durchwegs „Unabhängigkeit“ beteuert wird.

„Unabhängig“ nennt sich beispielsweise „Yeni Hareket“ (Neue Bewegung), doch nach Auskunft eines Szenekundigen gehört die Zeitung einer islamischen Sekte. Der AKP wohlgesinnt, propagiere sie einen strengen Islam. „Das ist kein Beitrag zur Integration, die österreichischen Behörden lassen sich übertölpeln.“ Davor warnte schon der grüne Bundesrat Efgani Dönmez: Gewisse Vereine fördern im Namen der Integration Parallelgesellschaften und importieren religiöse Ansichten. Dass ATIB, Vertreter des türkischen Staates, künftig in der Islamischen Glaubensgemeinschaft IGGiÖ mitmischt, sieht ein Islam-Experte positiv, als eine Art Versicherung gegen radikalen politischen Islam, dem viele Vereine huldigen.

Die bunten austro-türkischen Blätter werden in Märkten, Läden, Restaurants, wo Türken verkehren, aufgelegt. Mit einer 15.000-Stück-Auflage will „Yeni Hareket“ so an 50.000 Leser gelangen; der Onlinedienst bringt etliche Artikel auf Deutsch. An Themen mangelt es diesen Medien nicht. Vom Wien-Besuch Güls wurde in Wort und Bild berichtet, inklusive Wahlkampf-Abstecher zum Koranschulen-Absolventenverein „Wonder“. Die neuen Ausländergesetze, türkenfeindliche Aktionen, die Tiraden von Botschafter E. Tezcan, Türkisch-Matura und Türken-Dominanz bei den IGGiÖ-Wahlen sowie das OSZE-Veto gegen Ex-Außenministerin Ursula Plassnik sind Pflicht. Auch aus der österreichischen Presse wird zitiert, etwa wenn sich IGGiÖ-Favorit Fuat Sanac zu der vom deutschen Verfassungsschutz beobachteten „Milli Görüs“ bekennt.

Erschienen in Ausgabe 06+07/2011 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 76 bis 76 Autor/en: Hermine Schreiberhuber. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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