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ARCHIV » 2011 » Ausgabe 06+07/2011 »

Medien

Endlich eine Zeitung für die jüngsten Leser

Von Engelbert Washietl

Der Styria-Verlag wirft die „Kleine Kinderzeitung“ auf den Markt und rückte eine Woche vor Pfingsten mit ihr sogar nach Wien vor.

Was ist typisch für Erwachsene? „Sich gegenseitig tausendmal küssen“, schreibt die neunjährige Daniela, „reden, reden, reden“, meint die gleichaltrige Constanze, und „sie wissen auf jede Frage eine Antwort“, hat der neunjährige Stefan längst beobachtet. Achtung Erwachsene – ihr steht ab sofort unter scharfer Kontrolle von Leuten, deren Wahrnehmungskraft durch keinerlei Konvention getrübt ist. Die „Zielgruppe“ der Sechs- bis Elfjährigen ist ausgesprochen lieb, kann aber auch unbarmherzig sein. Die drei zitierten Kinder haben auf einen Fragebogen geantwortet, der jeder Nummer der in der Steiermark und Kärnten sowie seit 4. Juni auch in Wien erscheinenden „Kleinen Kinderzeitung“ beiliegt.

Die „Kleine Kinderzeitung“ existiert erst seit 22. Jänner dieses Jahres. Sie ist eine wichtige Innovation auf Österreichs Medienmarkt. Die „Kleine Zeitung“ des Styria-Konzerns hat sich an dieses ehrgeizige Projekt gewagt und unter der Leitung der Journalistin Petra Prascsaics ein kleines Ressort gebildet, das wöchentlich 16 bunte Seiten für den kindlichen Bedarf zustande bringt. Die Wiener Ausgabe wird durch Achim Schneyder, Mitglied der Wien-Redaktion der „Kleinen Zeitung“, für den lokalen Bedarf adaptiert. Es handelt sich um eine Pionierarbeit und eine höchst sensible Aufgabe, wie Prascsaics gesteht. Sie hatte zuvor im Chronikressort der „Kleinen Zeitung“ und auch für die Gesundheits- und Wissenschaftsseiten gearbeitet und bezeichnet die Kinderzeitung als die bisher spannendste, aber auch extrem schwierige Herausforderung. „Ich muss mein journalistisches Handwerk richtig auf den Prüfstand stellen.“

Der pädagogische Anspruch ist hoch. Das „Kleine Zeitung“-Team hat sich, um schwere Fehler zu vermeiden, mit einer Reihe von Experten zusammengetan und lässt sich von ihnen beraten. Dazu gehören Kinderbuchautoren, das „Kinderbüro Steiermark“, der Wiener Stadtschulrat, Entwicklungspsychologen, Pädagogen und sogar die Polizei, weil es manchmal ja auch um spannende Sicherheitsthemen geht. Die jungen Leserinnen und Leser werden aktiv eingebunden. Sie dürfen Prominente interviewen, sie veranstalten auch Redaktionssitzungen, bei deren Vorbereitung Pädagogen mitwirken. Bei Schulbesuchen stellen sich die Redakteure mit dem jeweils neuesten Heft der Diskussion mit den Kindern. Auf diese Weise ergibt sich jede Menge Feedback – die Produzenten der „Kleinen Kinderzeitung“ wollen ja erfahren, was ihr Publikum schätzt und was nicht.

Solche Rückmeldungen beziehen sich sogar auf den technischen Teil des Produktes. Weil Kinder gerne malen und ausfüllen, würden sie sich ärgern, wenn sich der Stift auf die Rückseite des Papiers durchdrückt, also die geliebte Kinderzeitung beschädigt. Ausweg: Das Zeitungspapier ist mit 120 Gramm wesentlich strapazfähiger als das übliche Rotationspapier. Statt dass Erwachsene den Kindern Kinderbücher vorstellen, dürfen Kinder ihre Lieblingsbücher präsentieren, sodass Kommunikation auf gleicher Ebene entsteht.

Prascsaics, die sich wöchentlich mit ihrem Vornamen Petra und Foto in ein paar persönlichen Zeilen an die jungen Leser wendet, füllt mit ihren paar Mitarbeitern praktisch das ganze Heft. Die Themen werden auf den kindlichen Bedarf heruntergebrochen und umso präziser ausgearbeitet. Da gehe es um genaue Formulierung, Vermeidung von Fremdwörtern und Schachtelsätzen. Wenn aus dem aktuellen Geschehen doch einmal ein Fremdwort auftaucht, wird es erklärt. „Aber versuchen Sie einmal, den Begriff Plagiat in fünf Druckzeilen für Zehnjährige verständlich und richtig zu definieren. Da kann man sehr schnell danebenliegen“, sagt Prascsaics.

Ihr ist bewusst, dass die Kinder jeden Satz, den sie lesen, für bare Münze nehmen, ohne ihn überprüfen zu können. Der Gerechtigkeitssinn ihrer jungen Leser ist außerordentlich ausgeprägt, sodass sie oft unbeabsichtigt bei der moralischen Dimension landet. „Aber ich erhebe nicht den pädagogischen Zeigefinger.“ Die Buchtipps kommen vom „Institut für Kinder- und Jugendliteratur“, im „Kinderbüro Steiermark“ wird jedes Heft genau analysiert und mit Feedback gewürdigt.

Stars wie die Fußballer Lionel Andrés Messi und Diego Maradona, die Song-Contest-Bewerberin Nadine Beiler oder auch bloß der Osterhase faszinieren die jungen Leser. Sie verschlingen, wie die Redaktion inzwischen herausgefunden hat, mit Freude auch die aktuelle Berichterstattung, die weder den Ortstafel-Kompromiss, die AKW-Katastrophe in Japan, den Rücktritt Josef Prölls noch den Tod Osama bin Ladens ausgespart hat. Tiere, Umweltschutz, Rätsel, Spaß und – mehr unterschwellig als dozierend – Bildung machen das Wesen der neuen Kinderzeitung aus. „In kindergerechter Sprache, mit einfachen Worten und vielen Bildern wird erklärt, was in der Welt passiert, was im Sport wichtig ist, was man unbedingt wissen sollte, was wo los ist“, umreißt der Verlag sein Programm. „Es geht ums Lesen, Lernen, Informieren, Rätseln, Malen, Zeichnen, Basteln und Gewinnen.“ Und um die Förderung der Lesefähigkeit.

Wozu der Aufwand, der zwar durch eine Kooperation mit dem Unterrichtsministerium und dem „Kinderbüro Steiermark“ erleichtert wurde, aber durch den bewussten Verzicht auf Werbung und somit Werbeeinnahmen hoch ist? Hubert Patterer, Chefredakteur der „Kleinen Zeitung“, nennt zwei Motive. Das eine entspricht dem Verlagsinteresse: „Die jungen Menschen werden frühzeitig an das Medium Zeitung herangeführt.“ Das zweite sei mindestens so wichtig und ideeller Natur: „Wir verfolgen bildungspolitische Ziele.“

Abonnenten der „Kleinen Zeitung“ beziehen die „Kinderzeitung“ zu einem monatlichen Aufpreis von 4,90 Euro, Nichtabonnenten zahlen 6,90. Das Heft wird jeden Samstagmorgen ins Haus zugestellt. Mit einer Startauflage von 6.000 Stück hatte der Verlag ursprünglich gerechnet, aber ehe die erste Nummer gedruckt war, waren bereits 9.000 Bestellungen eingelaufen. Inzwischen gibt es mehr als 12.000 Abonnenten in der Steiermark und Kärnten, Tendenz steigend, und der Wiener Markt kommt ab sofort hinzu. Die Eltern sind für die literarische Entlastung am Wochenende dankbar, weiß Patterer nach 18 erschienenen Heften. „Es gab keine Stornos.“ In der Sonntagsausgabe der „Kleinen Zeitung“ lässt Patterer auf der Seite „Kinderwissen“ nachlegen, wodurch sich der Kreis zwischen Kinderzeitung und Hauptblatt schließt. „Die Kinderzeitung lädt die Zeitung der Erwachsenen auf.“ Über einen Vorstoß der in der Steiermark und Kärnten dominierenden „Kleinen Zeitung“ nach Wien ist schon oft spekuliert worden. Dass sie den Weg nun über die Kinderzeitung nimmt, ist eine unerwartete Wendung.

Kinderzeitung auch in Innsbruck

Möglicherweise ist das Projekt Kinderzeitung ansteckend. Die „Tiroler Tageszeitung“ verkündete vor Kurzem einen Kinderschwerpunkt: Das derzeit im Aufbau befindliche „TT“-Kinderportal werde als crossmediales Zeitungsprojekt angelegt. Es umfasst monatlich eine 24-seitige „TT“-Kinderbeilage namens „Toni Times“, eine wöchentliche Kinderseite in der „TT am Sonntag“ sowie einen eigenen Kinderkanal auf tt.com. „Wir wollen Kindern Lust auf Medien machen und ihre Bindung zur Marke, TT‘ auf allen Ebenen fördern“, erläutert Verlagsvorstand Hermann Petz das Kinderprojekt. Eine Kooperation mit der „Kleinen Zeitung“ ist offenbar nicht zustande gekommen oder wurde gar nicht versucht. Diesbezügliche Anfragen gibt es aber laut „Kleine“-Chefredakteur Patterer vom Springer Verlag und der „Süddeutschen Zeitung“, die auf das steirische Produkt aufmerksam geworden sind.

Ein Rätsel bleibt. Seit vielen Jahren wird in den Verlagshäusern über den mangelnden Nachwuchs jugendlicher Leser geklagt, der auf die Dauer geradezu existenzbedrohend für das Zeitungsgewerbe wäre. Warum kommt erst jetzt ein Verlag drauf, dass man der negativen Tendenz aktiv entgegenarbeiten muss, indem man den jüngsten aller Leser etwas zu lesen gibt?

Aber seien wir froh, dass jetzt endlich der Groschen gefallen ist.

Erschienen in Ausgabe 06+07/2011 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 62 bis 63 Autor/en: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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