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Special

Gratistest 2011

Der „Journalist“ hat die wichtigsten kostenlosen Zeitungen und Magazine des Landes verglichen – und dabei für Titelseiten, Inhalt und Layout Noten vergeben.

Immerhin 130 Gratiszeitungen mit einer wöchentlichen Auflage von 3,2 Millionen sind allein in der Regional Medien Austria (RMA) zusammengeschlossen. Styria und Moser Holding stehen hinter diesem Verbund. Dann gibt es noch einige Magazine, von denen viele zwar einen Preis auf ihre Titelseite drucken, in Wirklichkeit aber kostenlos verteilt werden. Einmal im Jahr, immer gegen Schulende, verteilt der „Journalist“ Noten. Wir beurteilen die Titelseite, den Inhalt und das Layout. 5 Punkte je Kategorie ist die Höchstnote. Die vergeben wir nur bei außergewöhnlichen Leistungen. Leider gibt es davon nur wenige. Immerhin leisten viele Medienmacher inzwischen gutes Mittelmaß, wenige sind überflüssig.

Was ist der „Journalist“-Jury beim Test 2011 aufgefallen? Die Guten der Vorjahre sind auch die Guten in diesem Jahr. Es gibt wenig Verschlechterung, auch wenig Verbesserung. Also alles beim Alten? Ja und nein. Oft sieht man Veränderungen im Kleinen. Die Sprache zum Beispiel. Einige, die besser geworden sind, andere, die in die entgegengesetzte Richtung marschiert sind.

Apropos Sprache. Da passieren die häufigsten Dummheiten. „LH Platter verschaffte sich Einblick im Bezirk Kufstein“, titelte eine Tiroler Gratiszeitung. Was will die Redaktion mit so einem Titel sagen? Hatte Platter bisher keinen Einblick in Kufstein? Und dann in derselben Zeitung einige Seiten weiter dieser Titel: „Änderungen und Perspektiven innerhalb der Kufsteiner Volkspartei“. Hey, da schlafen doch die Füße ein! Oder? Die kleinen Blätter können nun einwenden, dass sie chronisch unterbesetzt sind und einfach zu wenig Zeit fürs Nachdenken ist. Gut, geschenkt. Auch wenn solche Dummheiten eigentlich nicht verzeihbar sind. Solcher Ausreden kann sich ein Gratisblatt wie „Österreich“ nicht bedienen. Dort geht es in eine komplett andere Richtung. Von einem „Inzest-Monster“ (F.), einem „Sex-Banker“ (Strauss-Kahn), von „Irren“ (Rapid-Fans) oder „Sex-Sucht“ (Arnie) lesen wir hier. Aaaah – wer nicht Monster ist oder was nicht Sex ist, hat anscheinend gar keine Chance, in diese Zeitung zu kommen. Fragt dort jemand, welche Folgen diese Art der Darstellung hat? Okay, wir haben keinen Bildungsauftrag, aber woher nehmen wir die Berechtigung für geistige Verrohung?

Es gab beim Test 2011 auch Lichtblicke und Entdeckungen. „6020“ ist die wichtigste davon, eine monatliche Gratiszeitung der Moser Holding, die wir erstmals im Test hatten. „6020“ ist die Postleitzahl von Innsbruck und „6020“ klärt auch über das Erscheinungsgebiet auf. Die Zielgruppe sind junge, urbane Menschen in Tirol – vorwiegend Innsbrucker. Ein tolles Redaktionskonzept mit einer spannenden Themenmischung. Guter Journalismus, gute Präsentation. Wir haben uns gefragt, warum es dieses Magazin nicht für 5020, 4020 oder 8020 gibt. Synergien liegen auf der Hand. Und ein Hinweis für interessierte Verleger: Das Ding strotzt nur so vor Anzeigen!

Wenn wir nun schon „6020“ vor den Vorhang ziehen, dann müssen wir noch „Wien live“ und „Biber mit scharf“ erwähnen. Zwei Magazine, beide in Wien beheimatet, beide zählen zum Besten, was uns bei diesem Test untergekommen ist – wie übrigens bereits schon im Vorjahr. Für alle drei, die Innsbrucker Zeitschrift und die beiden Wiener, würden wir auch gerne Geld bezahlen. Das sind Titel, die einem nicht die kostbare Zeit rauben, sondern die das Leben schöner machen, es erklären, intelligent unterhalten und fit für Diskussionen machen, ohne den Oberlehrer raushängen zu lassen. Einfach super!

Erschienen in Ausgabe 06+07/2011 in der Rubrik „Special“ auf Seite 82 bis 83. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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