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Medien

Mario Garcia legt Hand an das Layout der „Krone“

Von Engelbert Washietl

Der weltbekannte Zeitungsdesigner lieferte drei Vorschläge ab. Chefredakteur Christoph Dichand setzt manche sparsam und auf langer Zeitachse um. Die „Krone“ hat Nachholbedarf.

Der weltweit einmalige Markterfolg der 1959 von Hans Dichand wiedergegründeten „Neuen Kronen Zeitung“ baute auch darauf auf, dass die „Krone“ vieles von dem nicht machte, womit sich die Konkurrenz die Lungen ausblies und Sohlen wund lief: keine Blattreformen, kein Hecheln um die Aktualität, keine Nachrichtenagentur als praktischer, aber auch uniformierender Unterbau der journalistischen Tagesarbeit, keine wie immer geartete Öffentlichkeitsarbeit modernen Stils. Die „Krone“ ist bis heute und in der zweiten Generation eine mediale Raumkapsel – sehr groß, scheinbar sehr einfach, aber auch störungsanfällig wie jede Raumkapsel. Die Irdischen hören manchmal geradezu, wie in ihrem scheinbar schwerelosen Zustand die Schrauben durcheinanderfliegen und komprimierte Gase pfeifend ausströmen. Aber auch dazu gibt es von innen selten einen Kommentar.

Verdutzt hören die Irdischen die neueste Nachricht von drinnen: Die „Kronen Zeitung“ arbeite an einer Layout-Reform. Das ist ungefähr so einschneidend wie die Abkehr der Finanzwirtschaft vom Goldstandard in Bretton Woods. Das Erscheinungsbild der „Krone“ hat sich im Verlauf ihrer fünf Jahrzehnte zwar maßvoll verändert, aber nie einen „Relaunch“ durchgemacht, dem sich modernistische Blätter heutzutage bereits alle ein oder zwei Jahre unterziehen. Und jetzt hat die „Krone“ doch tatsächlich den international renommierten Zeitungsdesigner Mario Garcia verpflichtet, ihr bei der Arbeit zu helfen.

Für die „Krone“ ist modern gleich traditionell. Als die Zeitung im Jahr 2000, bezogen auf die einstige „Kronen Zeitung“ der Monarchie, den 100. Geburtstag feierte, erinnerte sich ihr Kolumnist Ernst Trost an die Vorgabe beim Neustart 1959: „Und wir waren uns auch der politischen Gratwanderung bewusst, die wir vorhatten: Einerseits wollten wir die, Kronen Zeitung‘-Leser von früher gewinnen, andererseits sollte unser Blatt im leicht veränderten traditionellen Kleid etwas völlig Neues werden, modern, kühn und ungewöhnlich, in jedem Bereich anders als die anderen.“

„Im leicht veränderten traditionellen Kleid etwas völlig Neues werden“ – das war bisher immer die Ansage der „Krone“. Im Reformeifer liegt sie gleichauf mit Oscar Bronners „Standard“, bei dem auch ungefähr fünf Jahre vergehen, bis die Neuerungen zusammengezählt einen rechnerischen Relaunch ergeben. Soweit man aus der „Krone“-Wagenburg überhaupt eine Antwort bekommt, so lautet sie übereinstimmend: Reformen werden nur sehr vorsichtig und unmerklich verwirklicht.

Die „Krone“ drohte bei diesem Tempo manchmal die Entwicklung regelrecht zu verschlafen. Die farbigen Zeitungsfotos wurden gewiss nicht von ihr erfunden, diese Arbeit leisteten andere Zeitungen, indem sie wie etwa der „Kurier“ zunächst im alten Hochdruckverfahren recht mäßige Ergebnisse zustande brachten und dann ihre Druckhäuser für das Offset-Druckverfahren reif machten, das auch auf Rotationspapier schöne bunte Bilder ermöglichte. Die Farbe eroberte zunächst die Inseratenseiten und erst mit Verzögerung die redaktionellen Teile, die längste Zeit aber nicht in der „Krone“. Ihre Druckerei in der Wiener Muthgasse war für Offset nicht gerüstet, aber ihr schien nichts zu fehlen. Ungestüm geweckt wurde Hans Dichand erst 1992, als sein zum Feind gewordener ehemaliger Partner Kurt Falk die Billigtageszeitung „täglich alles“ auf den Markt warf und verkündete: „Wer uns nur ein paar Tage gelesen hat, der wird nicht mehr zu grau-schwarzen Bildern zurückkehren. Oder kennen Sie jemanden, der seinen Farbfernseher wegwirft, um, so wie vor 30 Jahren, schwarz-weiße TV-Programme anzuschauen?“

Zu dem Zeitpunkt konnte die „Krone“ freilich schon auf die zunächst bedrohlich erscheinende Herausforderung durch Falk adäquat reagieren. Denn seit 1988 stand ihr das Druckzentrum des „Kuriers“ zur Verfügung, das seit dem medienpolitischen Umbruch dem Serviceunternehmen Mediaprint gehörte. In den 1990er-Jahren kam für die Westösterreich-Ausgabe das neue Druckzentrum in Salzburg dazu, 2002 ging die mit hoher öffentlicher Förderung gebaute Mediaprint-Druckerei in St. Andrä in Kärnten in Betrieb. Die technischen Möglichkeiten erlaubten der „Kronen Zeitung“ eine bisher von keinem ihrer Konkurrenten kopierte Innovation auf dem Zeitungsmarkt: den Aufstieg der bunten Hochglanzzeitung „Sonntags-Krone“. Ihre Druckauflage beträgt mehr als eineinhalb Millionen Exemplare.

Die Konkurrenz von „täglich alles“ war der einzige Fall, der die „Krone“ zur offensiven Modernisierung bewog. Fühlt sie sich jetzt, da sie Mario Garcia an Bord holt, abermals ernsthaft herausgefordert? Einige Indizien sprechen dafür. Hans Dichands Sohn Christoph hat ein großes, aber auch schwieriges Erbe übernommen. Er personifiziert die zweite Generation in einem Erfolgsunternehmen. Es wäre nicht überraschend, wenn er schon aufgrund des Altersunterschieds zu dem im Juni 2010 89-jährig gestorbenen Vater mehr Dynamik in die Firma bringen möchte. Aber andererseits ist ihm das Erbe heilig. Er hat, wie ein Zeitungsverleger es ausdrückte, die heikle Aufgabe, das Vermächtnis „Kronen Zeitung“ unbeschädigt in die neue Zeit zu führen. Vor dieser kann sich selbst die „Krone“ nicht mehr verschließen. „Ich bin gespannt, wie er das löst.“

Die neue Zeit besteht auch darin, dass sich die Massenzeitung „Krone“ mit einem Problem konfrontiert sieht, mit dem sie noch nie wirklich zu tun hatte. Ihre Auflage wächst nicht mehr, sondern schrumpft. Ihre Reichweite ist vom Höhepunkt 2005 mit 44,9 Prozent auf 38,9 im vorigen Jahr zurückgegangen. Die Ursachen sind in der allgemeinen Marktentwicklung, der Digitalisierung, den Folgen der Wirtschaftskrise zu suchen, zum Teil sind sie aber – wohl kalkuliert – hausgemacht: Die im Familienverband erscheinende Gratiszeitung „Heute“ kostet die „Krone“ Leser. „Heute“ ist eindeutig die modernere und nachweislich die jüngere Zeitung. Ihre Konkurrenz ist nicht feindlich wie zu Kurt Falks Zeiten, aber doch spürbar.

Also modernisieren? Mario Garcia soll, wie zu hören ist, bereits drei Modelle für den optischen und strukturellen Relaunch der „Krone“ abgeliefert haben: light, media, strong. Die dritte Version sei – wenig überraschend – sofort in einer Lade verschwunden und praktisch nicht auffindbar. Über „light“ und „media“ werde ab und zu diskutiert, und manche Vorschläge würden sogar in die Wirklichkeit umgesetzt, ohne dass die Leser davon etwas merken. In der Schrift habe sich schon etwas geändert, manche Kolumnisten kommen optisch und layoutmäßig moderner daher als früher, vielleicht haben sie die Änderung im Eigeninteresse durchgeboxt. Bildtexte werden andererseits noch immer nach dem Prinzip des freien Falls auf der Seite verteilt, die Leser finden zumeist dennoch das dazugehörige Foto. Zitaten wird ein knalligeres Erscheinungsbild gegönnt. Manches, was früher eckig wirkte, erscheint runder.

Fragt man, wer die Reformarbeitsgruppe leitet, bekommt man zur Antwort: „Welche Reformarbeitsgruppe?“ Die Reform ist Chefsache, also in der Hand des Chefredakteurs Christoph Dichand. Der hat in diesen windigen Zeiten, in der die „Krone“ an mehrfachen Fronten („Kurier“, WAZ, Raiffeisen) gebunden ist, viel zu tun. Also geschieht im Layout manchmal etwas und manchmal nichts, heißt es.

In der „Kleinen Zeitung“ in Graz, die den Designer Mario Garcia bereits im Jahr 1991, also zu Chefredakteur Fritz Csocklichs Zeiten, mit Erfolg für die eigene Modernisierung engagiert und zugleich hoffähig für andere Blätter in Ös
terreich wie etwa das „Wirtschaftsblatt“ gemacht hatte, knirscht man mit den Zähnen. Warum spendet Garcia seine Kraft und Kreativität für den Erzfeind „Krone“? So ist es halt in der freien Wirtschaft. In der Steiermark und Kärnten hat die „Kleine Zeitung“ nicht zuletzt dank Garcia den mörderischen Wettbewerb gegen die „Krone“ gewonnen und vor wenigen Jahren sogar die Gratiszeitung „Heute“ abblitzen lassen. Man sieht: Im Zeitungsdesign steckt viel Zeitungsgeschichte. Vielleicht ist die „Kleine“ in den zwei südlichen Bundesländern noch immer die Erste, bloß weil Mario Garcia früher dort war als in der Wiener Muthgasse. Auch das zeigt, dass bei der „Krone“ ein erheblicher Nachbesserungsbedarf besteht.

Erschienen in Ausgabe 06+07/2011 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 56 bis 57 Autor/en: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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