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Titel

Mit Mehr Lebenslust

Von Engelbert Washietl

News-Verlag- Interimschef Johannes Werle will das Wochenmagazin aus dem Politik- Korsett befreien. „Kein Handlungsstau nach der Schönwandt-Affäre.“

Die „News“-Chefs werden im Sommer durcharbeiten müssen. Fast 20 Jahre seit der Geburt der bunten Wochenillustrierten ist eine Positionsbestimmung nötig geworden, die ohnedies schon sehr tief geht und durch ein unerwartetes äußeres Ereignis noch komplizierter geworden ist. Das Ereignis: Am 31. Mai teilte der Mehrheitseigentümer der österreichischen News-Verlagsgruppe, der deutsche Konzern Gruner + Jahr, den Verlagsmitarbeitern mit, dass der neue Geschäftsführer Matthias Schönwandt nach nur drei Monaten abgelöst werde.

Das ging ruck, zuck, begleitet allerdings von einer Informationspolitik, die einen Vergleich mit der Öffentlichkeitsarbeit der einstigen DDR nicht scheuen müsste. Die 15 Zeitschriften des News-Verlags verloren über das Ereignis kein Wort, sondern überließen die Berichterstattung anderen Medien. Das Nachrichtenmagazin „Profil“, das seit der historischen Eingliederung in die Newsgruppe dazugehört, beherrschte seinen Aufdeckertrieb und schwieg. In der „News“-Ausgabe vom 19. Mai erhaschten die Leser einen letzten Blick auf Schönwandt bei einem „Editor’s Dinner“ im Palais Liechtenstein. Bildtext: „Sacher-Chefin Elisabeth Gürtler mit News-CEO Matthias Schönwandt“. Zwölf Tage später war er in der Versenkung, weil er sich „interner Vorgänge, die mit den bestehenden Richtlinien des Hauptgesellschafters der News-Gruppe, der Gruner + Jahr AG, nicht vereinbar sind“, schuldig gemacht habe. Was genau geschehen war, ist akribisch untersucht, aber nicht erläutert worden. Laut „News“-Chefredakteur Peter Pelinka handelte es sich um „eine Lappalie, also zumindest für uns in Österreich“. Die APA glaubte zu wissen, dass Schönwandt ein iPad an einen Geschäftspartner verschenkt habe. Vielleicht waren oder sollten mehr davon zur Ankurbelung der Geschäfte gespendet werden. Schönwandt stellt solche Behauptungen in Abrede.

Die erwähnten Richtlinien werden bei Gruner + Jahr und im Bertelsmann-Konzern schlicht als „Regelwerk“ bezeichnet. Es enthält Passagen über Mitarbeiterführung, vor allem aber auch Antikorruptionsbestimmungen. Sie waren in der Folge großer Bestechungsaffären der vergangenen Jahre etwa im Siemens-Konzern angefertigt worden. Für Zwecke des österreichischen News-Verlags müssen sie erst ausgehandelt werden, weil dafür eine Betriebsvereinbarung erforderlich ist.

Schönwandt traf das Schicksal mit deutscher Gründlichkeit. Offenbar sollte ein Exempel statuiert werden. Die Ironie der Geschichte liegt darin, dass ausgerechnet das 1992 gegründete „News“ in der Ära seines Kreators Wolfgang Fellner geradezu ein Pionier für kommerziellen Journalismus gewesen ist. Jetzt wurde dem „News“ völlig überraschend ethische Vorbildrolle aufgedrängt. Es muss seit der Übernahme der Herrschaft durch den deutschen Konzern also doch eine Bewegung weg von der Verquickung von Nachricht, Meinung und Kommerz gegeben haben.

Die Marke Seriosität trägt nach außen hin Chefredakteur Peter Pelinka voran, der im März 2010 vom damaligen Verlagschef Oliver Voigt nach Verbrennung mehrerer anderer Chefredakteure eingesetzt wurde. Pelinka hat den großen moralischen Durchhänger des Magazins, der sich in der exzessiv voyeuristischen Berichterstattung um Sensationsthemen wie Jörg Haiders tödlichen Unfall oder die Amstettener Inzestaffäre manifestierte, gestoppt und den Weg zurück in die journalistische Zivilisation eingeschlagen. Voigt war auch darauf stolz, aber es nützte ihm nichts– die qualitätsmäßige Achterbahnfahrt in den Jahren vorher scheint auch ihm beziehungsweise seiner Auswahl der Vorgänger-Chefredakteure angelastet worden zu sein. Sein Vertrag lief kommentarlos Ende 2010 aus, jetzt sitzt er in der erweiterten Chefetage der Boulevardzeitung „Österreich“.

Auch Johannes Werle, Geschäftsführer der News-Verlagsgruppe mit Schwerpunkt Finanzen und seit Schönwandts Abgang interimistischer Chef des Hauses, ist stolz auf Pelinka, erkennt aber auch die Nebenwirkungen. Pelinka ist ein politischer Kopf, die von ihm angestrebte journalistische Qualität stellt sich vor allem in der politischen Berichterstattung dar. Mit Politiktiteln sind aber keine Lesermassen zu mobilisieren. Die MA-Reichweite sank von 12,8 Prozent 2008 auf 10,3 Prozent 2010. Hypothetisch also im ersten Jahr wegen Revolverjournalismus und im zweiten wegen Politiklastigkeit. „News“ hat Relevanz gewonnen, aber Unterhaltungswert verloren – so sieht es Werle. Vom Zitiertwerden könne ein Magazin auf Dauer nicht leben.

An dem Punkt nun tritt der Interimschef auf die Bühne. Er könnte prinzipiell auch geduldig darauf warten, bis der deutsche Mutterkonzern den Nachfolger Schönwandts nominiert, aber er kann auch den vom Auslandschef Gruner + Jahrs, Torsten-Jörn Klein, kolportierten Satz „Johannes, mach du das jetzt“ für einen dienstlichen Auftrag oder zumindest die große Chance betrachten. Werle entschied sich für die zweite Variante, ging voll ins Geschäft und auch in die Redaktionskonferenz, um die „News“-Reform inhaltlich und fahrplanmäßig in die Hand zu nehmen. Es gebe keinen Handlungsstau. Schönwandt hat die Reform begonnen und wollte im Juli fertig sein. Werle ist unzufrieden mit dem Tempo und verschiebt das Zieldatum auf 1. September, aber mit Garantie. Das klingt wie: Es komme, was wolle, im September erscheint das „News“ neu. Dessen Charakteristik: entrümpelt, lichter, luftiger und mit mehr Unterhaltungswert. Gesprächsweise fällt der Satz, „News“ fühlt sich derzeit an wie ein Korsett, ohne dass man sich ausleben kann, und zur Politiklastigkeit lautet das Bonmot: „,News‘ darf kein ‚Profil‘ werden.“

Das Heft wird im September noch ganz anders ausschauen als die flüchtige Projektion, die beim „News“-Sommerfest am 21. Juni im Schweizerhaus in Wien den Gästen vorgeführt worden ist. Der aus Österreich stammende, in Berlin lebende Zeitungsdesigner Lukas Kircher hilft nicht nur bei der optischen Reform. Er hat den Auftrag, „News“ auf inhaltlicher und grafischer Seite in Zusammenarbeit mit der Chefredaktion und dem Herausgeber zu modernisieren. Kircher und seine Leute sind nach dem deutschen Unternehmensberater Schickler die zweite Hilfsmannschaft, die der Verlag von außen für die „News“-Zukunft in Bewegung setzt. Die dritte, zu deren Suche bereits Schönwandt den Auftrag gegeben hatte, ist eine neue Agentur für Öffentlichkeitsarbeit. In der Phase Voigt und bis zum neuen „Agentur Pitch“ bemühte sich die Seso Media Group für die Außenwirkung des Magazins. Wer ist der in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannte Johannes Werle, auf den man sich zumindest bis zum formalen Ende der Interimsphase zwischen zwei CEOs einstellen muss? Geboren wurde er 1967 an der Mosel, nahe von Trier. Das Betriebswirtschaftsstudium absolvierte er in Berlin und Oxford, danach heuerte er bei Bertelsmann an, ergatterte 1997 ein journalistisches Volontariat in Paris und blieb dort zehn Jahre bei „Prisma Presse“ und anderen Produkten hängen. 2007 dockte er beim News-Verlag in Wien an und leitet den gesamten Buchhaltungs- und Finanzbereich. Interimist wurde er gleich Anfang dieses Jahres, als Voigt schon weg und Schönwandt noch nicht da war. Jetzt ist er es schon wieder. Er füllt den hierarchisch definierten Zwischenraum mit einem gelassenen Wort, das für die Internetreform, die Roadshows für „Woman“ in den Landeshauptstädten und das neue Rätselheft gegolten hat und für die „News“-Reform gelten wird: „Es kommt darauf an, dass Projekte angeschoben werden.“

Erschienen in Ausgabe 06+07/2011 in der Rubrik „Titel“ auf Seite 36 bis 37 Autor/en: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich gesch
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