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Medien

Türkische Medienmacher skeptisch

Die Türken sind passionierte Fernseher. In ihrer Muttersprache. 76 Prozent der Türken in Österreich sehen laut einer Studie des Marktforschungsinstituts GfK fast täglich türkischsprachiges Fernsehen. Nur etwa 30 Prozent schalten österreichische TV-Programme ein. Sprache und Geschmack spielen bei den Fernsehgewohnheiten der türkischen Migranten eine große Rolle. Der ORF hat sich nun mit dem nichtkommerziellen TV-Sender Okto ein austro-türkisches Magazin ausgedacht.

Am 15. Mai startete das „Wien heute – Haber Magazin“ in Kooperation mit Okto. Das 30-minütige Magazin ist zweimal wöchentlich jeweils am Freitag, um 22.00 Uhr, und als Wiederholung am Sonntag, um 11.00 Uhr, zu sehen. Gesendet wird in deutscher und türkischer Sprache. Die Sendung wendet sich vor allem an Österreicher mit türkischen Wurzeln, soll aber auch sonstige Österreicher ansprechen.

Sonntag, 11.00 Uhr wurde nicht zufällig als Sendezeit gewählt. Um diese Zeit sitzen türkische Familien besonders gerne um das Fernsehgerät. Einige türkische Sender haben sich der großen Community in Österreich schon früher angenommen – wie „Kanal 7 Avrupa“, der am Sonntagvormittag in „Avusturya Günlügü“ Szenen aus dem austro-türkischen Alltag in die Wohnzimmer liefert. Eine Vielzahl an türkischen Sendern kann via Satellit oder Kabel empfangen werden.

Für eine erste Analyse von „Wien heute – Haber Magazin“ sei es nach der kurzen Zeit noch zu früh, heißt es beim ORF auf Anfrage. Über Reichweiten könne man keine Auskunft geben, diese seien nur Okto zugänglich. Moderatorin des Nachrichten-(Haber)-Magazins ist die türkischstämmige Eser Akbaba, die in „Wien heute“ das Wetter moderiert.

Die türkischen Zeitungsmacher in Österreich sind skeptisch. „Ein positiver Schritt, aber auch eine Show“, meint der Herausgeber der Monatszeitung „Yeni Vatan“, Birol Kilic, zu „Haber Magazin“. Wenn man schon so etwas mache, dann sollte es im ORF selbst geschehen. Er verglich das ORF-Okto-Projekt mit einem Garten, wo südländischem Gemüse eine Ecke zugewiesen werde. Dennoch wünscht er den Sendungsmachern viel Erfolg.

Ähnlich sieht es Seyit Arslan, der Chefredakteur der „Zaman Avusturya“. „Das machen Türken, die mit der Community nichts zu tun haben.“ Die hiesigen türkischen Journalisten seien gar nicht um einen Rat gefragt worden. Im Übrigen sei die Unterhaltungskultur in der Türkei eine andere. Die Türken sehen lieber Programme in ihrer Muttersprache, noch dazu wenn sie die sprachlichen Feinheiten, etwa bei Shows, nicht verstünden.

Von türkischer Seite kommt oft der Einwand, die österreichischen Mainstream-Medien hätten sich jahrzehntelang nicht um die türkischsprachige Migranten-Zielgruppe gekümmert. Auch Medienexperten vertreten die Ansicht, dass die Ausrichtung nach der alten Heimat oft auf dem Mangel an Angeboten in der neuen Heimat fuße.

Das lässt der ORF so nicht gelten. Der öffentlich-rechtliche Sender sei in diese Thematik nicht „spät eingestiegen“, heißt es in einer Stellungnahme. Berichterstattung zum Thema Migration sei längst zentraler Bestandteil der täglichen Programmarbeit. Als Beispiele wurden rund 450 redaktionelle Beiträge in „Zeit im Bild“-Sendungen pro Jahr angeführt, das Angebot für österreichische Volksgruppen in Radio, TV und Online sowie das wöchentliche Magazin „Heimat, fremde Heimat“.

Der ORF verweist auch auf den „Integrationspreis“, der gemeinsam mit Österreichs Wirtschaft vergeben wird, und auf die Moderatoren mit Migrationshintergrund, die „aus den ORF-Programmen nicht mehr wegzudenken sind“. So soll Ani Gülgün-Mayer, eine armenisch-türkische Österreicherin, das tägliche Kulturmagazin im neuen Spartenkanal für Kultur und Information, ORF III, moderieren. Das „Wien heute – Haber Magazin“ runde das Angebot ab. Ähnliche Projekte sind laut ORF derzeit nicht geplant.

Erschienen in Ausgabe 06+07/2011 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 77 bis 77. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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