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ARCHIV » 2011 » Ausgabe 06+07/2011 »

Praxis

Überfallen, weiterarbeiten

Almaty. Wieder in der Region. Seit Juni 2010 arbeite ich wieder als Weltreporter vom kasachischen Horchposten in Almaty. Über zwei Jahre habe ich pausieren müssen. Im Januar 2008 wurde ich während einer Recherche für den WDR in der kasachischen Hauptstadt Astana ausgeraubt, niedergeschlagen und ohne Bewusstsein im Schnee bei minus 25 Grad liegen gelassen. Gott sei Dank kam ich wieder zu mir und wurde gefunden. Danach wurde ich dank des beherzten Eingreifens des WDR ausgeflogen und nach Bochum in das dortige Bergmannsheil gebracht, wo ich meine Brüche und Erfrierungen behandeln ließ. Als der erste Schreck vorbei war, hatte ich nur einen Gedanken: „Nie wieder! Hänge den Beruf an den Nagel“, seit 1994 tingele ich durch Zentralasien und so ein Überfall ist eine Zäsur. Mehr als halb totschlagen kann man sich ja nicht lassen. Das war die erste Reaktion. Dann ging ich in die Rehabilitation. Dank der wunderbaren Solidarität, die ich von Freunden, Journalistenkollegen, meinen Auftraggebern und unserem Netzwerk Weltreporter erfahren habe, konnte ich mich voll auf das Beugen und Bewegen der Finger konzentrieren. Und dann stellte ich fest: Ich war wieder neugierig auf Zentralasien, die Region zwischen kaspischem Meer und chinesischer Grenze. Ich wollte da wieder hin. Aber konnte ich das nach dem Überfall noch? Denn das Gefühl der Unverletzbarkeit war weg. Die innere Stimme, „mir passiert ja eh nichts“, ist verstummt. Kann ich da noch arbeiten, oder werde ich, sobald ich mich in Zentralasien befinde, Panikattacken bekommen? Ich war bei einer Psychologin in Köln. Sie hat mir in vielen Sitzungen geholfen, vor allem die neue Situation zu verstehen. Aber am Ende musste ich es ausprobieren. Die erste Geschichte machte ich im Oktober 2009 in Tadschikistan. Eine klassische Laufgeschichte. Ich war auf der Suche nach der Familie von Scherali Asisow, der im usbekischen Gefängnis saß und von der Bundesanwaltschaft dort wegen des Sauerlandprozesses vernommen wurde. Die Geschichte ist in der „sonntaz“ erschienen.

Danach war für mich klar, ich werde nach Zentralasien zurückkehren. Den Winter wollte ich noch in Deutschland verbringen. Und 2010 ging es gleich los. Im April machte ich mich noch mal auf die Reise nach Zentralasien und schlidderte gleich in den zweiten kirgisischen Machtumsturz und als ich am 10. Juni nach Bischkek flog, um nach Zentralasien zu ziehen, brachen in der gleichen Nacht die ethnischen Unruhen in Südkirgistan aus, über die ich dann berichtete.

Ich habe aber kleine Vorsichten eingebaut. Ich presche nicht mehr vor, sondern sichere jetzt erst immer das Terrain. Ich fahre nur mit mir zuvor bekannten Fahrern. Ich habe mir ein Pfefferspray zugelegt und bin – wenn allein – vor Dämmerung im Hotel. Und ich habe mir eine Schutzweste gekauft. Ob ich sie brauche, weiß ich nicht, aber sie gibt mir das Gefühl, dass ich etwas für meine Sicherheit tue.

Ich basiere in Almaty. Kasachstan ist für mich nicht furchtsamer geworden. Ich bin auch wieder winters in Astana gewesen. Doch als ich da die kalte Luft einatmete, spürte ich ein Kribbeln am Körper.

www.weltreporter.net/bensmann

Erschienen in Ausgabe 06+07/2011 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 142 bis 142. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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