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Warum Pándi nicht zu bremsen ist, wie der ORF seine Stars verkauft, und warum „Heute“ über Schulden Wiens jubelt - Der Österreichische Journalist - medien journalismus zeitung print magazin radio tv online

ARCHIV » 2011 » Ausgabe 06+07/2011 »

Praxis

Warum Pándi nicht zu bremsen ist, wie der ORF seine Stars verkauft, und warum „Heute“ über Schulden Wiens jubelt

Was Sie schon immer über Medien wissen wollten. Dr. Media beantwortet drängende Fragen der Branche.

Wer lädt zu Razzien ein?

Dr. Media: Österreichs Rechtspflegesystem hat seit 26. Mai einen neuen Standard. Zur Teilnahme an Hausdurchsuchungen an insgesamt zwölf Wohn- und Büroadressen des ehemaligen Finanzministers Karl-Heinz Grasser waren ausgewählte Medien eingeladen worden. Auch „Zeit im Bild“ filmte mit, als Pappkartons mit undefinierbaren Inhalten in Transporter verladen wurden. Die von der Staatsanwaltschaft entfaltete Transparenz ist ausbaufähig. Empfehlenswert wäre, nach dem Beispiel der so beliebten „Langen Nacht der Museen“, „Langen Nacht der Kirchen“ und „Langen Nacht der Wiener Stadtwerke“ das Publikum zur Täterfahndung hinzuzuziehen und eine „Lange Nacht der Razzien“ auszurufen. Schließlich soll jeder dabei sein, wenn sich die Gerechtigkeit den Weg bahnt. Wann sie ihr Ziel erreicht, darüber reden wir am Morgen danach.

Ist Pándi noch zu halten?

Dr. Media: Nein, denn wer in der komplexen „Krone“-Familienstruktur sollte oder wollte den Chef-Innenpolitiker Claus Pándi in seinem Rechercheeifer lähmen? In der reichlich aus Hängetaschen entnommenen „Sonntags-Krone“ vom 12. Juni beschäftigte er sich in einem riesigen Artikel mit den „kleinen Bläschen im Sumpf der Republik“, die bei all ihrer blubbernden Vielfalt auf den entscheidenden letzten Absatz zuliefen. In ihm spielt ein namentlich nicht genannter „ehemaliger Business-Berater“ die Hauptrolle, dessen Agentur in früheren Jahren bei kroatischen Waffeneinkäufern und kasachischen Rechtsanwälten angestreift sei, bis ihr Chef „wohl auf Wunsch des Raiffeisenkonzerns“ Chefredakteur des „Kuriers“ geworden sei. Mit sehr großer Anstrengung werden findige „Krone“-Leser draufkommen, um wen es sich handelt: um Helmut Brandstätter, den Pándi schon ein paar Tage zuvor mit einer schriftlichen Rechercheanfrage aufgeschreckt hatte. Näheres über alte Verhältnisse kam nicht zutage, aber mehr soll folgen. Der heiße Krieg der beiden „Mediaprint“-Schwestern „Kurier“ und „Kronen Zeitung“ um Menschen und Verkaufspreise ist schon länger im Gang. „Kurier“-Redakteure gewöhnen sich an, täglich in die „Krone“ zu schauen, wie das Wetter ist. Neben Pándi ist dort auch Peter Gnam nicht nur für Innenpolitik, sondern auch Schlechtwetter zuständig.

Verrät „Heute“ Eva Dichands Top Secret?

Dr. Media: Die „Heute“-Herausgeberin Eva Dichand erweist sich als Iron Woman, sobald man sie nach der Eigentümerstruktur ihrer aufstrebenden Gratiszeitung fragt. Sie hat nie verraten, wer dahintersteht, zuletzt wies sie beim Kongress des Zeitungsverbandes VÖZ in der Wiener Hofburg eine diesbezügliche Frage kalt zurück. Man sollte sie schon deshalb immer öfter fragen, sonst vergisst sie, dass es solche Fragen überhaupt gibt. Vor Kurzem wunderte sich sogar WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus in einem APA-Interview: „Wer der wahre Eigentümer von, Heute‘ ist, ist nicht bekannt und gibt zu vielfältigen Spekulationen Anlass.“

Dr. Media kann ihm nicht weiterhelfen, spekuliert aber gern mit. Aus dem desaströsen Rechnungsabschluss der Stadt Wien für 2010 geht hervor, dass deren Schuldenstand gegenüber 2009 um 1,2 Milliarden auf 3,07 Milliarden Euro, also um 64 Prozent, gestiegen ist. „Uns geht’s gut!“ posaunte „Heute“ auf der Stelle und verglich die Pro-Kopf-Verschuldung der Wiener in Höhe von 1.807 Euro mit der Verschuldung der kleinsten Gemeinde Gramais (Tirol). Dort hat jeder der 55 Bewohner rechnerisch Gemeindeschulden von 40.000 Euro.

Warum den Tirolern das passiert ist, weiß Dr. Media nicht, vielleicht haben die Gramaiser um 2,2 Millionen Euro Kredit einen Kanal gegraben oder 100 Meter Straße geteert. Aber etwas weiß er schon: Wer bei 3 Milliarden Euro Schulden in Wien „Uns geht’s gut“ ruft, der könnte etwas von dem, was fehlt, gefunden haben. Auch so bildet sich Eigentum.

Wer fürchtet sich vor ORF 3?

Dr. Media: Es ist dies vor allem der Leiter der ORF-Redaktion 3sat, Hubert Nowak, vormals ORF-Landesintendant in Salzburg. Was verständlich ist. Zielt doch der neue Informations- und Kulturkanal just auf jene Seherschaft, die sich allabendlich zum Beispiel die hervorragend gemachte 3sat-„Kulturzeit“ zu Gemüte führt. Oder die zumeist interessanten Dokus, Filme und Diskussionen auf hohem Niveau im nachfolgenden 3sat-Abendprogramm. Zwar ist noch etwas Zeit, weil die Auflagen für ORF 3 erst ausverhandelt werden müssen. Doch gegenwärtig werden bereits die Vorbereitungen mit Pilotsendungen der neuen Formate forciert. Kein Wunder, dass sich daraus weitere Fragen an Dr. Media ergeben: Warum konkurrenziert sich der ORF selbst, noch dazu in einem Publikumsspektrum, das ohnedies bloß einen Marktanteil von bestenfalls einem Prozent hat? Nur damit aus dem Steuertopf der Rubel rollt? Schließlich ist die Realisierung dieses Spartenkanals an jene Gebührenrefundierung geknüpft, die heuer noch 50 Millionen Euro ins ORF-Budget spülen wird. Oder spielt die Tatsache eine maßgebliche Rolle, dass 3sat eine Gemeinschaftseinrichtung von ZDF, ORF und SRG ist und daher von allen drei Ländern abwechselnd bespielt wird, also kein reines ORF-Vollprogramm ist, womit man bei Erfolg punkten kann?

Ist die ORF-Star-Vermarktung ethisch vertretbar?

Dr. Media: Das ist eine zwiespältige Materie. Die ORF-Pressestelle stellt die Vermittlungstätigkeit „Buchen Sie Ihren ORF-Star“ so dar: „Über die ORF Stars-Plattform, an der die Stars freiwillig teilnehmen, können die jeweiligen Personen für Veranstaltungen oder Werbeanfragen gefunden und gebucht werden. Es ist uns wichtig, dass unsere Moderatoren nicht nur, virtuell‘ bleiben, sondern auch abseits von Kamera und Mikro zu Botschaftern des Unternehmens werden. ORF Stars ist nicht gewinnorientiert. Der administrative Aufwand der nicht-exklusiven Vermittlungstätigkeit wird allerdings durch eine Provision von 0 (bei der Vermittlung von, Kiddy Contest‘-Kandidaten) bis 20 Prozent des Auftragsvolumens vom Auftraggeber abgegolten.“ Diese 20 Prozent werden zum jeweiligen Honorar der Stars, das sich diese selbst ausmachen, aufgeschlagen.

Auf der Liste der ORF-Stars finden sich unter anderen so klingende Moderatoren-Namen wie Armin Wolf, Ingrid Thurnher, Gerold Gross, Lou Lorenz, oder ORF-Korrespondenten wie Bettina Madlener, Peter Fritz, Wolfgang Geier etc. Wohl muss jeder Auftritt genehmigt werden, auch solche, die sich die Stars selbst ausmachen. Die Frage der Vereinbarkeit stellt sich dennoch, zum Beispiel dann, wenn Moderatoren von Großunternehmen oder Banken bzw. Kulturunternehmen gebucht werden, über deren Akteure sie gegebenenfalls einmal berichten müssen. Ein Paradebeispiel wäre die Moderation einer Diskussionsveranstaltung der Industriellenvereinigung, und einige Wochen später interviewt eben dieser Star den IV-Präsidenten in der „ZIB 2“. ORF-Insider geben denn auch zu, dass, seit die Wirtschaftsberichterstattung zugenommen hat – Stichworte Krise und Skandale –, die Frage der Vereinbarkeit brisanter geworden ist.

Hält Grasser, was sich die „Krone“ von ihm verspricht?

Dr. Media: Na ja, jedenfalls hat Österreichs größte Kauftageszeitung derzeit gewisse Probleme mit Busenfreunden. Der EU-Abgeordnete Hans-Peter Martin – „Krone“-Kolumnist und Galionsfigur aller Europaressentiments – ist der Zeitung durch sein Finanzbuchhaltungschaos schlicht abhandengekommen. Bleibt Exfinanzminister Karl-Heinz Grasser, der jahrelang von den Medien verfolgte Sunnyboy. Hält er die Strapazen durch? Die „Krone“ meint Ja und schickt ihren Starschreiber Jeannée an die Front. Auf der Stelle tippt dieser einen Brief an den „lieben Weinkeller von Karl-Heinz Grasser“. 300 Qua
dratmeter soll dieser groß sein, wurde aber im Zuge der Razzia-Serie der Staatsanwaltschaft gewissermaßen entweiht. Eine linkslinke Gemeinheit, stellt der Autor fest und schließt mit „prost!“. Es gibt Menschen mit Lebensstil. Sie glauben weiter an Karl-Heinz.

Was macht Höllrigl?

Dr. Media: „Österreich“ verliert einen seiner wichtigsten Mitarbeiter. Chronik-Ressortleiter Wolfgang Höllrigl hat mit Ende Mai gekündigt, bis Ende des Sommers steht er Fellners Redaktion noch zur Verfügung, da er „ordentlich abschließen will“, wie man aus der Redaktion hört. Ab September werkt er für „Heute“. Auch seinen engen Mitarbeiter Markus Hofer wolle er mitnehmen, dieser wird jedoch redaktionsintern für die Hölli-Nachfolge favorisiert, während Roland Kopt, Höllrigls Stellvertreter, weniger Chancen eingeräumt werden. Auch Walter Sohler, bewährter CvD und Redaktions-Ruhepol, geht nach mehr als fünf Jahren. Die Redaktion in der Friedrichstraße wird derzeit in einigen Ressorts von Ein-Mann-Besetzungen bestritten, teils wegen Urlauben, die derzeit zwangsweise abgebaut werden, teils wegen weiteren Abgängen. Jene Redakteure, die da sind, werden überall herangezogen, wo sie einsetzbar sind. „Doch wo ein Loch zugeschüttet wird, wird ein anderes aufgerissen“, so ein Redaktionsmitglied. Die Stimmung sei trist, Eigeninitiativen werden im Keim erstickt, Vor-Ort-Recherchen als absurd abgetan, da man ja auch die APA abschreiben könne. Auch die Wirtschaftsredaktion hat zuletzt Florian Horcicka verloren, Angela Sellner werkt fast allein als „lonely Angie“. Unter der Kollegenschaft fragt man sich, wie man die Urlaubszeit überstehen solle, wenn schon jetzt zu wenig Leute da sind und niemand nachkommen soll. „Es ist ein Wahnsinn – und es ist ein Wunder, wie man aus einer so motivierten Mannschaft, die wir anfangs waren, in fünf Jahren einen so demotivierten Haufen machen kann“, hört man.

Erschienen in Ausgabe 06+07/2011 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 144 bis 145. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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