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Praxis

Wider den blinden Flecken

Von Stephan Russ-Mohl

Das Verhältnis von Journalisten und Medienwissenschaftlern ist von Ignoranz und Misstrauen geprägt. Damit sollte endlich Schluss sein, findet Stephan Russ-Mohl.

Hand aufs Herz: Würden Sie Ihrem Hausarzt noch vertrauen? Sie haben heftige Schmerzen und quälen sich in seine Praxis. Er untersucht Sie, weiß nicht so recht weiter und belehrt Sie schließlich: „Was die Mediziner so an den Universitäten forschen, ist unwichtig. Wissenschaftliche Fachzeitschriften lese ich nicht.“ Versichert dagegen in der Konferenz ein Redakteur, was Journalismusforscher so treiben, sei für die eigene Arbeit irrelevant, heimst er oftmals zustimmendes Kopfnicken ein.

Ignoranz, ja Misstrauen prägt noch immer das Verhältnis vieler Journalisten zu jenem Fach, das sich mit ihren Problemen und ihrem Arbeitsalltag beschäftigt. Das war wohl einer der Gründe, weshalb die Kommunikationswissenschaftler ihre Jahrestagung 2011 in Dortmund soeben dem Thema „Theoretisch praktisch!?“ gewidmet haben.

Wenig Resonanz der Medienforschung

Zwei Nachwuchs-Forscherinnen der Universität Wien, Cornelia Brantner und Brigitte Huber, haben es der Forscherzunft dort bestätigt: Trotz Internet-Revolution, trotz des Zusammenbruchs des bisherigen Geschäftsmodells von Zeitungen, trotz überhandnehmender Öffentlichkeitsarbeit, aber auch trotz Suchmaschinen und sozialen Netzwerken, die den Journalismus revolutionieren, werden Erkenntnisse des Fachs kaum öffentlich wahrgenommen. Noch nicht einmal Qualitätszeitungen wie die „Neue Zürcher Zeitung“ („NZZ“), der „Standard“ oder die „Süddeutsche Zeitung“ zollen der Medienforschung kontinuierlich Aufmerksamkeit. Immerhin: Beim österreichischen und deutschen Titel gibt es im Zehnjahresvergleich von 1999 und 2009 einen leichten Aufwärtstrend. Die „NZZ“ musste dagegen ihre Berichterstattung über Medien und damit auch über Medienforschung aus wirtschaftlichen Gründen stark reduzieren.

Die Misere hat gewiss auch damit zu tun, dass Kommunikationswissenschaftler oftmals alles andere als kommunikativ sind. Sie selbst fühlen sich vor allem als Forscher – mit einem Anrecht auf ihre Fachsprache, die nur ihresgleichen verstehen, und manchmal noch nicht einmal sie.

Journalisten erwarten dagegen von Medienforschern – vor allem von solchen, die selbst Journalisten ausbil- den –, dass sie sich verständlich auszudrücken vermögen. Dies wiederum, so versicherte kürzlich der Präsident der Schweizer Kommunikationsforscher, Vinzenz Wyss, in der „NZZ“ (vom 26. April 2011), überfordere die Wissenschaftler, denn „von Ornithologen“ werde schließlich auch „nicht erwartet, dass diese selber fliegen können“. Offenbar seien nur Kommunikationswissenschaftler „mit der hartnäckigen Erwartung konfrontiert, im Rahmen der Transdisziplinarität über die Grenzen der Fachsprache hinaus verständlich kommunizieren zu können“.

Das Schwarze-Peter-Spiel führt zu nichts

Beide Seiten, Journalisten und Forscher, sollten sich nicht wechselseitig überfordern: Die Mehrheit der Medienforscher hat vermutlich noch nie einen Zweispalter geschrieben. Umgekehrt brauchen aber bekanntlich auch Journalisten, die über Forschungsergebnisse oder Opernaufführungen berichten, keine Qualifikationsnachweise als Wissenschaftler oder Tenöre. Das Schwarze-Peter-Spiel führt also nicht weiter: Es liegt weder allein an der Bringschuld der Wissenschaftler noch an der Holschuld der Journalisten, wenn die Öffentlichkeit über Forschungsergebnisse aus der Medienwissenschaft letztlich kaum je etwas erfährt.

Mal sehen, wie viele Jahrzehnte es noch dauert, bis die Journalistenschulen und Journalistik-Studiengänge diese Einsicht beherzigen. Es gilt, angehenden Journalisten verständliches Schreiben beizubringen – auch über Wissenschaft. Sie sollten aber während ihres Studiums zudem viel über Journalismus, Medien und deren Wirkungen erfahren, um später im Job ihren Mann oder ihre Frau zu stehen. Nehmen sie ihren künftigen Beruf nur halbwegs ernst, müssten sie geradezu einen Drang verspüren, relevante wissenschaftliche Erkenntnisse sich nicht nur anzueignen, sondern sie auch weiterzugeben. Gewiss, die alten Dinosaurier-Medien haben ihren blinden Fleck, sie wehren sich gegen Selbst- und Fremdbeobachtung. Aber zumindest im Internet gäbe es wunderbare und unbegrenzte Möglichkeiten, für eine breitere Öffentlichkeit Erkenntnisse der Medienforschung zu erschließen.

Erschienen in Ausgabe 06+07/2011 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 134 bis 135 Autor/en: Stephan Russ-Mohl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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