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Zehn Gebote für die Zukunft von Print - Der Österreichische Journalist - medien journalismus zeitung print magazin radio tv online

ARCHIV » 2011 » Ausgabe 06+07/2011 »

Praxis

Zehn Gebote für die Zukunft von Print

Von Engelbert Washietl

Auf dem European Newspaper Congress in Wien formulierten internationale Medienfachleute grundlegend neue Bedingungen, unter denen die Zeitungsbranche ihre Zukunft sichern muss. Die alten Spielregeln waren bequemer, gelten aber nicht mehr.

1. Du sollst Dich mehr um die Inhalte kümmern und nicht nur um die Technologie!

Lange wirkte die Medienbranche getrieben von den neuen technischen Möglichkeiten. Auf dem zwölften European Newspaper Congress in Wien, den der Medienfachverlag Oberauer gemeinsam mit Zeitungsdesigner Norbert Küpper organisiert hatte, zeigte sich in den Debatten um die Zukunft der Branche eine Renaissance des Inhalts. „Wir sind kein Technologie-Unternehmen“, betonte etwa Søren Nyeland von der dänischen Zeitung „Politiken“, die als „Europas Tageszeitung des Jahres“ geehrt wurde. Auch Francisco Amaral, Direktor des Beratungsunternehmens Cases i Associats in Barcelona, kritisierte, dass in der technologiebesessenen Debatte der Vergangenheit zu wenig über die Inhalte gesprochen worden sei. „Wir müssen neue Wege finden, Geschichten zu erzählen“, forderte Carlo Campos, Vize-Präsident bei Innovation Media Consulting Group, London. Seine Botschaft: Es geht um den Journalismus und nicht um die technische Plattform. Den praktischen Beweis für die These lieferte Rouven Schellenberger, Chefredakteur der „Frankfurter Rundschau“, die für ihre iPad-Applikation ausgezeichnet wurde. Auch lange Texte werden digital konsumiert, wenn sie gut sind und außergewöhnlich präsentiert werden, berichtete Schellenberger von den Erfahrungen seit dem Start im Herbst 2010. Allerdings: „Die Leser wollen Texte nicht nur lesen, sondern erleben und spüren.“

2. Du sollst besser sein als andere, nicht nur schneller!

Die Neuerungen in der Printbranche nehmen ständig zu. Und immer ist die Versuchung groß, ein Feld möglichst schnell zu besetzen, um sich als Innovationsführer zu präsentieren – allzu oft aber um den Preis einer unausgegorenen Inhaltestrategie. Gegen das Wettrennen im Hamsterrad setzt „Politiken“-Design-Chef Søren Nyeland eine klare Botschaft: „Wir wollen nicht die first movers, sondern die best movers sein.“ Inhalte vor Tempo, Journalisten als Geschichten-Treiber statt Getriebene, mehr Tiefe als kurzlebige Schlagzeilen – darin sieht er die Zukunft der Printbranche. Peter Hogenkamp, Digitalchef der NZZ-Gruppe, wies zudem auf den „Hype Cycle“ hin, der seiner Beobachtung nach bei nahezu allen Innovationen im Mediensektor zu beobachten war: Nach einer technischen Innovation werden die Erwartungen an die neue Technik riesig und erfüllen sich kurzfristig nicht. Nach einer Phase der enttäuschten Hoffnungen zeigen sich dann langfristig die Folgen. Hogenkamp appellierte in diesem Zusammenhang auch zu mehr Gelassenheit in der Einschätzung des iPads: Es zeige einen Weg, aber keineswegs die Erlösung auf, Tablets würden in zehn Jahren vermutlich völlig anders aussehen.

Neben mehr Ruhe bei den strategischen Entscheidungen mahnte die Infografik-Chefin der schwedischen Zeitung „Svenska Dagbladet“ auch zu bewusster Gelassenheit in der täglichen Produktion. So hat das Blatt einen Newsroom der zwei Geschwindigkeiten geschaffen: „fast and slow“. Während die einen sich um das schnelle Geschäft wie Nachrichten und Online kümmern, recherchieren die anderen aufwendige Geschichten und nehmen sich Zeit für eine opulente Optik.

3. Du sollst Deine Geschichten visuell erzählen!

Zumindest eines ist im Jahr eins der Tablet-PCs deutlich geworden: Die Bildsprache rückt noch stärker in das Zentrum moderner Medienangebote, weil das Tablet die grenzenlose Ausweitung der Bildersprache erlaubt. Norbert Küpper, Mitorganisator des European Newspaper Congress, nennt das Schlagwort für das Tablet-Zeitalter: „Visual Storytelling“.

Opulente Infografiken in einem anspruchsvollen Layout zieren nicht nur das Tablet, sondern auch die besten gedruckten Zeitungen. Dabei fällt auf, dass die besten Zeitungen, etwa aus Skandinavien, ihre Geschichten unabhängig von der Plattform von Beginn an auch visuell planen und dabei nicht wie viele Zeitungen in Mitteleuropa von der Textebene ausgehen. „Wir nennen es visual thinking“, sagt Søren Nyeland von „Politiken“. Das Motto lautet dabei oft: „Show, don’t tell“. In der Redaktion von „Svenska Dagbladet“ aus Stockholm arbeitet ein Team aus nicht weniger als sechs Infografikern, die für ihre Arbeit eigens auf Recherche gehen können.

4. Du sollst einzigartige Inhalte schaffen!

Der Anspruch der User an die Inhalte steigt. „Für Schablonenjournalismus ist kein Platz mehr“, folgert klar Alfredo Trivino, Kreativdirektor in Rupert Murdochs Medienkonzern, der die iPad-Zeitung „The Daily“ mitentwickelte. Jahre- lang entschieden nicht die Bedürfnisse der Leser über die Inhalte, sondern die Produktionsbedingungen. Das müsse sich ändern: Die Journalisten müssen die Bedürfnisse der User an erste Stelle reihen und ihre eigene Schaffensfähigkeit und -bereitschaft danach ausrichten. „Wir sind im Weingeschäft und nicht im Abfüllgeschäft“, sagte Carlo Campos. Erst wenn die Inhalte einzigartig seien, habe man die Chance, für digitale Inhalte Geld zu verlangen und damit einen wichtigen Fehler aus der Frühzeit des Onlinezeitalters zu korrigieren.

5. Du sollst weiter die Themenführerschaft behaupten!

Wer hat mehr Macht – etablierte Zeitungen oder Social Media? Trotz Twitter, Facebook und Co. haben traditionelle Medienhäuser ihre Führungsrolle längst nicht verloren, erklärte Roland Schatz von Media Tenor International: „Früher hätte man bei Ereignissen in der arabischen Welt auf die Zeitung, Al Ahram‘ verwiesen, heute setzt sich Facebook an die Spitze. Aber die Nachrichten von Facebook treiben die Demonstranten erst dann auf den Hauptplatz, nachdem die Fernsehstationen und Zeitungen diese Informationen in ihre Berichterstattung eingebaut haben.“ In der Diskussion über Wikileaks machten mehrere Teilnehmer deutlich, dass erst die Aufnahme durch klassische Massenmedien wie den „Spiegel“ den Wikileaks-Dokumenten eine enorme Aufmerksamkeit bescherte. Der „Spiegel“-Titel „Enthüllt – Wie Amerika die Welt sieht“ verkaufte sich am Kiosk so gut wie kein anderer Titel des Jahres. Umgekehrt löste die Kritik eines Jura-Professors in der „Süddeutschen Zeitung“ die Aktion Guttenplag aus, die den Verteidigungsminister schließlich das Amt kostete, weil zahlreiche User Plagiate in seiner Doktorarbeit aufdeckten.

6. Du sollst Dich mehr um Social Media kümmern.

Während die Diskussion in den vergangenen Jahren eher darum kreiste, ob man Social Media auch in klassischen Verlagshäusern einsetzen kann, war in den Diskussionen in Wien nur noch das „Wie“ ein Thema. Wer das wie die „Rhein-Zeitung“ in Koblenz forcieren will, muss auch an der Spitze Flagge zeigen: Chefredakteur Christian Lindner setzt auf Social Media und betreibt selbst einen erfolgreichen Twitter-Account mit fast 6.000 Follower. Er berichtete, dass sich einer der besten Reporter des Blattes inzwischen stark um soziale Netzwerke kümmere und so immer wieder an Geschichten komme, die durch traditionelle Recherchemethoden kaum zustande gekommen wären. In der Ausbildung wird die Social-Media-Kompetenz zum Muss. Im Axel Springer Verlag habe kein Journalistenanwärter eine Chance mehr, der nicht auch twittern und bloggen kann, sagte Pit Gottschalk, Leiter des Vorstandsbüros.

7. Du sollst Dich ständig weiterentwickeln!

Künftig wird der Wandel die einzige Konstante in der Medienwelt sein. Carlo Campos forderte mit Nachdruck: „Wir brauchen Newsrooms, die ständig im Beta-Zustand, also in der Veränderung begriffen sind.“ Dazu passte die Ankündigung der „Politiken“-Macher, in kürzeren Rhythmen die Zeitung modernisieren zu wollen: Gerade als Europas Tageszeitung des Jahres für zahlreiche Innovationen ausgezeichnet, arbeitet „Politiken“ bereits an einem e
rneuten Redesign.

8. Du sollst eigene Ideen ausprobieren!

Die „Frankfurter Rundschau“ stellte ihre iPad-Applikation vor, die als aufwendig, aber im deutschsprachigen Raum als besonders gut gelungen gilt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ein Team um Chefredakteur Rouven Schellenberger die App in der eigenen Redaktion entwickelt hat. „Der Selbstversuch war unser bester Ratgeber“, berichtet Schellenberger, der sich künftig, nach der Strukturveränderung bei der „Frankfurter Rundschau“, in der Neven-DuMont-Gruppe auf digitale Inhalte konzentrieren wird.

Berater Carlo Campos forderte, eine Kultur des Forschens und Entwickelns in den Redaktionen zu etablieren. Wie das funktionieren kann, machte die „Rhein-Zeitung“ gleich in Wien vor: Chefredakteur Christian Lindner hatte zwei Jungredakteure als Trendscouts mit nach Wien genommen, die vom Kongress berichten, aber zugleich ihre Erkenntnisse in der Redaktion diskutieren sollen – ein Weg, den die Zeitung bei allen größeren Kongressen künftig gehen will. Die gute Botschaft der Methode: Die Zeit des Herrschaftswissens innerhalb der Redaktionen ist abgelaufen, bei Innovation und Kreativität ist das ganze Team gefragt. Denn gerade in der täglichen Arbeit gehe es darum, Mechanismen zu entwickeln, Routine als Kreativitätskiller auszuschalten, sagte Ricardo Miguel Oliveira, Chefredakteur der portugiesischen Zeitung „Diário de Notícias“, die als Europas Lokalzeitung des Jahres geehrt wurde.

9. Du sollst ehrgeiziger werden!

Neben dem Erfindergeist werden die Anforderungen auch im täglichen Geschäft steigen. Nicht nur in Norwegen gilt, was Gard Steiro unter dem Motto „geplanter Journalismus“ für seine Tageszeitung „Bergens Tidende“ verkündet: Wer auf allen Plattformen präsent sein will, muss den Strom der Storys kanalisieren. Das setzt eine klare Organisationsstruktur voraus, mit anderen Worten: „einen Regisseur des Informationsflusses“ – einen Workflow-Director, der vorgibt, wofür eine Story wie vorbereitet und gespielt werden soll. Allerdings: Anspruchsvoller heißt wohl auch anstrengender und zeitraubender. So wurde deutlich, dass die Verlagshäuser für die Themen Social Media und iPad kaum neue Budgets eingeplant haben, sondern weitgehend mit Bordmitteln arbeiten.

10. Du sollst die Zufriedenheit mit der Arbeit hoch achten!

Auffällig deutlich wurde beim ENC, wie sehr gerade die skandinavischen Vorreiter alles andere als kühl von Leidenschaft und Teambegeisterung sprachen und damit die Anwesenden begeisterten: Ein erfolgreicher Modernisierungsprozess der Zeitungen braucht Mut und Leidenschaft aller, so weit die Grundstimmung in Wien. Und auch diese Forderung prägte den Kongress: Statt sich als Getriebene zu verstehen, gelte es, selbst zu Treibern der Kreativität zu werden. In seinem Blog fasste Andreas Jöckel, einer der beiden Trendscouts der „Rhein-Zeitung“, seine Erfahrungen beim European Newspaper Congress anschließend so zusammen: „Nur da, wo Teams mit viel Spaß und Leidenschaft neue Ideen entwickelt haben, sind auch gute Produkte entstanden, die für Leser/User informativ und unterhaltsam zugleich sind.“ Der Beitrag „Spaß und Mut liegen eng beieinander“ machte via Link-Empfehlung bezeichnenderweise im Lauffeuer die Runde.

Erschienen in Ausgabe 06+07/2011 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 118 bis 125 Autor/en: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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