ARCHIV » 2011 » Ausgabe 08+09/2011 »

Special Agrar

Agrarpresse als Weiterbildung

Von Josef A. Standl

Die Beraterfunktion der Medien in den früheren großflächig organisierten Landwirtschaften ist deshalb enorm wichtig, weil die Landarbeiter in den Großbetrieben nur mit Spezialfunktionen betraut wurden und heute als selbstständige Bauern ein allumfassendes Wissen benötigen, das nach Generationen nicht mehr vorhanden ist.

Mit den politischen Umwälzungen in Osteuropa 1989 und der Auflösung des Comecon, dem wirtschaftlichen Zusammenschluss der kommunistischen Staaten unter sowjetischer Führung, kam es zur Neuausrichtung in den Mittel- und Osteuropäischen Staaten (MOEL). Wirtschaftsunternehmen vor allem aus Deutschland und Österreich sahen im geografisch nahen Wirtschaftsraum neue Chancen für eine Markterweiterung. Mit dem EU-Beitritt vieler dieser Staaten erfolgte weitgehende Rechtssicherheit und es wurden viele Initiativen vertieft. Vor allem auf dem Bankensektor engagierten sich österreichische Unternehmen im Osten.

Im agrarischen Umfeld kam es sogleich nach dem Umbruch zu land- und forstwirtschaftlichem Grunderwerb durch Österreicher vor allem in Ungarn und Rumänien. Deutsche und österreichische Hersteller von Landmaschinen und Geräten gründeten Vertriebsfirmen oder exportierten über Händlerfirmen vor Ort. Insbesondere in Rumänien, Bulgarien, der Ukraine und auf dem Balkan konnte der österreichische Viehexport Fuß fassen. Die Erwartungen in eine Prosperität des neuen Marktes waren groß.

Die großflächige Bewirtschaftung der landwirtschaftlichen Kollektivbetriebe wurde weitgehend zerschlagen und durch Großbetriebe mit westlichen Investoren und der Restitution in Kleinstbetriebe zerschlagen, wie das Beispiel Rumänien zeigt: Bei 23 Millionen Einwohnern gibt es 4,6 Millionen Landwirtschaftsbetriebe. 4,5 Millionen davon weisen eine durchschnittliche Produktionsfläche von 1,6 ha auf (Österreich: 16 ha, steigende Tendenz). Die Kleinstbauern bewirtschaften ihre Grundstücke als Selbstversorgerbetriebe mit etwa zwei bis vier Kühen und Kleinvieh.

Funktion der Agrarpresse im Osten

Die Agrarpresse als Special-Interest-Medium erfüllt mediale Funktionen vor allem auf den Gebieten der Agrarpolitik, des Marketings, der fachlichen Fortbildung, der Marktpreisberichterstattung und der Landtechnik. Vor allem haben diese Medien Beratungsfunktionen. Es sind dies Fragen der Betriebsorganisation, der Beratung in Fragen der laufenden Betriebsführung in technischen und biologischen, aber auch in juristischen Fragen und Marktfragen sowie hauswirtschaftliche Beratung. Die Beraterfunktion der Medien in den früheren großflächig organisierten Landwirtschaften ist deshalb enorm wichtig, weil die Landarbeiter in den Großbetrieben nur mit Spezialfunktionen betraut wurden und heute als selbstständige Bauern ein allumfassendes Wissen benötigen, das nach Generationen nicht mehr vorhanden ist.

Daraus ergibt sich der praktische Nutzen von Agrarmedien. Während in Österreich und Deutschland die Agrarmedien in diesen Bereichen breit aufgestellt sind und den Strukturverhältnissen der Landwirtschaftsbetriebe entsprechen, lassen sich diese Parameter nicht eins zu eins auf viele osteuropäische Länder übertragen. In Rumänien etwa greifen diese deshalb nicht, weil die kleinen Selbstversorgerbetriebe kein Interesse an einer Weiterentwicklung haben. Zukunftsorientiert wachsende Betriebe versorgen sich mit Medien, die zielorientiert über Betriebsschwerpunkte berichten. Die drei führenden national verbreiteten Medien in Rumänien erreichen Auflagen von jeweils 10.000 bis 20.000 Stück bei 4,6 Millionen Bauern. (Vergleich Österreich: „Bauernjournal“, „Bauernzeitung“ jeweils rund 200.000 Stück bei ebenso vielen Bauern.)

Der agrarjournalistische Wirkungsbereich westeuropäischer Verlage im Osten konzentriert sich vor allem auf die Märkte in Polen und der Ukraine. Marktführer ist der Landwirtschaftsverlag Münster, der mit seinen Produkten in fünf west- und osteuropäischen Ländern präsent ist. Markt-Leader ist die Zeitschrift „Top Agrar“.

„Brückenkopf“ in der Ukraine

Österreichischer „Brückenkopf“ der Agrarmedien in Osteuropa ist der Verlag Landwirt Agrarmedien GmbH., Herausgeber der österreichischen Agrarfachzeitschrift „Der fortschrittliche Landwirt“, mit Sitz in Graz. Die Steirer 100-Prozent-Eigentümer am Verlag „Agrar Medien Ukraine GmbH.“. Die Zeitschrift „Agro Expert“ erscheint seit drei Jahren als Neugründung mit einer Auflage von rund 10.000 Stück und wird landesweit vertrieben. Die 13 Mitarbeiter arbeiten eng mit dem österreichischen Mutterverlag zusammen. Geschäftsführer Chefredakteur Ing. Wilhelm Tritscher: „Soweit die Redaktion in Kiew Fachbeiträge des österreichischen Blattes verwenden kann, werden diese übersetzt, angepasst und abgedruckt. Das entscheiden diese Mitarbeiter dort.“ Tritscher will den ukrainischen Ableger als Abonnementzeitung etablieren. Ein schwieriges Vorhaben für das Blatt, das sich als eine der wenigen Bezahlzeitungen im Lande etablieren will. Die Konkurrenz der Gratisblätter finanziert sich überwiegend aus Gratis-PR und dem Anzeigenmarkt. „Ich bin mir aber sicher, dass wir im kommenden Jahr eine schwarze Null in der Bilanz schreiben“, so Geschäftsführer Tritscher. Einen großen Schwerpunkt legt der Verlag sowohl in Österreich als auch bei den Osteuropa-Ablegern auf das Internet. In den MOEL-Staaten ist die Nutzung stark im Ansteigen, in der Ukraine beträgt sie beim steirischen Eigentümer sieben Millionen Seitenaufrufe, weil das Marktinteresse an gebrauchten Maschinen naturgemäß groß ist. In Ungarn, Slowenien und in Serbien führen die Grazer zwar keine Printmedien, haben aber Internetplattformen aufgebaut, die ebenfalls wegen des Gebrauchtmaschinenmarktes bereits wirtschaftlich erfolgreich sind. In der Ukraine hat sich der Absatz mit Fachbüchern gut eingeführt. Der Verlag gilt in Österreich als einer der führenden Fachverlage für Agrarliteratur.

Ein weiterer österreichischer Verlag, die SVP-Printmedien Gesellschaft m.b.H. mit dem auflagenstarken Agrarmagazin „Blick ins Land“, hatte noch vor dem Wirtschaftseinbruch 2008 die Absicht, in der Ukraine Fuß zu fassen. „Nach reichlichen Recherchen und Analysen der agrarischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten vor Ort haben wir uns allerdings entschlossen, im Osten nicht aktiv zu werden“, so Geschäftsführer Klaus Orthaber.

Die Entwicklung der Agrarmedien in Osteuropa wird in erster Linie von der Entwicklungsfähigkeit der Landwirtschaft in diesen Ländern abhängen. Agrarmedien als Special-Interest-Medien erfüllen einen fachspezifischen Bildungsauftrag und sind Mittler zwischen den Angeboten an Landtechnik und Firmen, die den weiteren Bedarf für die Produktion der Landwirtschaftsbetriebe abdecken. Bereits vor der Wende bestehende Medien und Medien aus Westeuropa umkämpfen einen Markt, der nur mühsam wächst. Aber: Österreich hat den Fuß in der Tür.

Journalistische Kooperationsformen

Eine andere Art medialer Zusammenarbeit pflegen die Agrarjournalistenverbände, die im Weltverband der Agrarjournalisten, dem IFAJ, zusammengeschlossen sind. Die rührigen österreichischen Agrarjournalisten mit Präsident Josef Siffert sind um internationale Zusammenarbeit bemüht, so halfen sie beim Aufbau des slowenischen Verbandes und pflegen seither gemeinsame mehrtägige und regelmäßige grenzüberschreitende Treffen, an denen auch die ungarischen Kollegen teilnehmen. Im Jahre 2008 hatten die Agrarjournalisten aus Slowenien und Österreich gemeinsam den Weltkongress ausgerichtet, an dem 250 Berufskollegen aus 25 Ländern teilnahmen.

Erschienen in Ausgabe 08+09/2011 in der Rubrik „Special Agrar“ auf Seite 114 bis 123 Autor/en: Josef A. Standl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

;