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Beruf und Medien

Arena für Wirtschaftsjournalismus

Von Engelbert Washietl

Das „Wirtschaftsblatt“ hat den neuesten Newsroom Österreichs in Betrieb genommen. Er wirkt effizient und ist nicht menschenfeindlich.

Wer den Aufzug meidet und über die Treppe den Haupteingang zum „Wirtschaftsblatt“ nimmt, steht plötzlich vor einer riesigen Farbcollage und hat den Eindruck, mindestens beim „Wall Street Journal“ angekommen zu sein, für das Rupert Murdoch beim Besitzerwechsel 2007 rund 5 Milliarden Dollar bezahlt hat. Das österreichische „Wirtschaftsblatt“ hat einen so hohen Verkehrswert noch nicht ganz erreicht, aber vielleicht wirken Anspruch, Form und Design beschleunigend auf den etwas mühsamen Aufstieg seit der Zeitungsgründung 1995. Am Aufgebot äußerer und durchaus bestechender Formen und Farben mangelt es seit dem Umzug der Tageszeitung von Wien-Simmering in den dritten Wiener Gemeindebezirk sowie in die Nachbarschaft der „Presse“ nicht.

Das zur Styria Media Group gehörende Blatt hat für den Ortswechsel und damit verbundene Investitionen laut Vorstandsvorsitzendem Hans Gasser eine knappe Million Euro aufgewendet und dabei das Glück gehabt, in dem slowenischen Architekturteam „idfl“ junge Leute zu finden, denen etwas einfällt. Was sich beim „Wirtschaftsblatt“ Newsroom nennt, ist mehr als eine Aneinanderreihung viereckiger Schreibtische mit Bildschirm.

Zwei Erkenntnisse drängen sich spontan auf. In der Struktur eines für österreichische Verhältnisse großen Medienkonzerns wie Styria können sich tatsächlich positive Synergieeffekte ergeben. Merkbar ist das an der erwähnten Architekturgruppe um Iztok Lemajic, die in Laibach bereits für die Styria-Erfolgszeitung „24sata“ gearbeitet hat, sodass das „Wirtschaftsblatt“ gewissermaßen auf schon ausprobierte Kreativtalente zurückgreifen konnte.

Zweitens gibt es echte und unechte Newsrooms. Echte sind nur möglich, wenn der Grundriss der Büroebene eine zusammenhängende Fläche hergibt, die groß genug, durch nichts unterbrochen und einem Quadrat oder Rhomboid ähnlich ist, also eine Art Arena bildet. Von ihr können dann Seitenarme für administrative und technische Aufgaben abzweigen. Wesentlich für den echten Newsroom ist die Arena, die die physische Nähe und Kommunikation der vom hektischen Fluss der Nachrichten abhängigen Plattformen der Redaktion erzeugt. Unechte Newsrooms sind Schläuche oder L-förmig zusammenhängende Gebäudetrakte. Das ist auch kein Unglück und durch verstärkte individuelle Mobilität dem Ideal anzunähern, aber besser ist doch das, was das „Wirtschaftsblatt“ hat: Mediales Wirken auf einer einzigen Ebene von 1.775 Quadratmetern, auf denen 78 Arbeitsplätze für die Redaktion einschließlich des zentralen Newsrooms und 48 für die Administration aufgeteilt sind.

Chefredakteur Wolfgang Unterhuber nimmt auf der für den jeweiligen Tageschef bestimmten „Brücke“ – dem Kommandozentrum des Workflows – Platz und sagt: „Hier lässt es sich arbeiten. Auf Schnickschnack haben wir bewusst verzichtet.“ Gasser ist gleicher Meinung: „Der Newsroom ist kein Showroom. Wir haben ihn schlank gehalten.“ Die Gesamtfläche der „Wirtschaftsblatt“-Ebene ist kleiner als im ehemaligen Haus in Wien-Simmering, schaut aber geräumiger aus. Das liegt auch daran, dass die eingeplanten Arbeitsstellen noch Reserven enthalten, zumal es in den vergangenen Monaten immer auch Abwanderungen von Mitgliedern des redaktionellen Stammpersonals gegeben hat. Gasser beziffert den Gesamtbeschäftigtenstand mit 116. Die Büromietkosten sind um 90.000 Euro pro Jahr geringer als bisher. In der Meta-Ebene muss noch das „M.S.C. Medienservice“ mitgerechnet werden, in dem sich „Wirtschaftsblatt“ und „Presse“ zur gemeinsamen Abwicklung von technischen und administrativen Aufgaben gefunden haben, die für die Kunden unsichtbar bleiben.

Mit Begeisterung zählt Gasser die drei Grundsätze des neuen Firmensitzes auf: funktionsaffin, minimalistisch, stringent im Corporate Design. Die Begeisterung weidet sich an den „Wirtschaftsblatt“-Grundfarben Petrol, Grau und Schwarz sowie an dem farblichen Kontrapunkt, der durch die rot-gelben Besprechungs-Iglus entsteht. Nahe den Tischen des Finanzressorts sind die Bloomberg-Bildschirme aufgebaut, auf denen in Zeiten wie diesen das nervöse Spiel der Weltbörsen Struktur erhält. Ein winziger Raum mit fix eingebauter Kamera unterstreicht den multimedialen Anspruch der Zeitung. Dort werden spontan Interviews gefilmt und ins Internet und auf die iPads der Kunden gestellt.

Der neue Newsroom ist ein Beginn, nicht das Ergebnis. Das gilt für alle Newsrooms. Was die Medienmanager und Redakteure daraus machen, wird sich erst zeigen und vielfältigen Veränderungen unterworfen sein. Gasser sieht die Notwendigkeit verstärkter Qualitätsarbeit. „Medien, die sich als Kontrollinstanz verstehen, sollten an sich arbeiten und ihren Anspruch Richtung Öffentlichkeit auch durch ihr eigenes Verhalten belegen. Das Papier bloß bunt mit Inhalten und Inseraten zu bedrucken ist noch kein ernstzunehmender verlegerischer Anspruch.“

Und wie geht es der Zeitung geschäftlich? Wieder einmal sieht ein Vorstandsvorsitzender Weihnachten schon knapp vor der Tür: „Wir werden wahrscheinlich, wenn der Herbst keine unangenehmen Überraschungen beschert, 2011 planmäßig mit schwarzen Zahlen abschließen. 2005 lag das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit (EGT) noch bei minus 4,7 Millionen Euro.“

Erschienen in Ausgabe 08+09/2011 in der Rubrik „Beruf und Medien“ auf Seite 76 bis 79 Autor/en: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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