ARCHIV » 2011 » Ausgabe 08+09/2011 »

Praxis

Das Geld und die Chefs

Frag nie einen Chef, was er verdient! Und können wir es uns leisten, die Jungen so mies zu entlohnen?

Zwei Jahre habe ich nun Georg Taitl gelöchert, eine Geschichte über Journalisten-Einkommen zu machen. „Da machen wir uns nur Feinde“, lehnte mein Ko-Herausgeber bisher strikt ab, Geld sei in Österreich tabu. Warum sich Taitl nun doch zu der Geschichte überreden ließ, ich weiß es nicht. Zumindest sind wir heute um einige Erfahrungen reicher. Überraschend: Fast 500 Journalistinnen und Journalisten haben in unserer Online-Umfrage ihr Einkommen, ihre Arbeitsbedingungen und auch ihre Arbeitszufriedenheit anonym offengelegt.

Trotzdem lag Taitl mit seiner These richtig. Über Geld spricht man in Österreich nicht. Zumindest nicht mit Chefredakteuren und vor allem dann nicht, wenn es um deren eigenes Gehalt geht. Viel Kritik, offene Abscheu und nur eine präzise Auskunft erhielt Taitl auf seine Mail an mehr als 20 Chefredakteure. Taitl hatte dabei doch nur gefragt, ob wir die Einkommen der Chefs richtig geschätzt haben.

Gleich die erste Antwort war alles andere als freundlich. Helmut Brandstätter (von uns auf jährlich 250.000 Euro Bruttoeinkommen klassifiziert) klärte auf, dass es sich dabei um sensible Daten handle, die nur den Vertragsparteien bekannt sind, und wir daher auch keine Schätzung anstellen können. Eine ziemlich eigenwillige Schlussfolgerung, der auch noch eine reichlich überzogene Drohung folgte: „Ich untersage Ihnen deshalb jegliche Berichterstattung über meine Person in diesem Zusammenhang“, schloss der „Kurier“-Chefredakteur. Grob ins Gericht ging mit uns auch „TT“-Chef Martin Zenhäusern (auf 120.000 Euro geschätzt): „Finden Sie das seriös? Ich nicht! … Wenn das der Journalismus der Zukunft ist, dann graut mir davor!“, so Zenhäusern.

Na super, was habe ich Taitl da eingebrockt? Und es kam noch dicker! Gar eine „erpresserische Vorgangsweise“ sieht „Kärntner Krone“-Chefredakteur Hannes Mößlacher in unserer Anfrage (geschätzt auf 120.000 Euro). Auch bei ihm liegen wir „völlig falsch“. Etwas sanfter dagegen Werner Schima (geschätzte 130.000 Euro), der sich nur „ein wenig befremdet“ zeigte. Immerhin wünschte uns der „Österreich“-Chefredakteur viel Glück für die Geschichte – auch wenn wir bei seinem Einkommen „grob danebenliegen“. In seiner Verschlossenheit schon erfrischend offen „Profil“-Chefredakteur Herbert Lackner: „Die 190.000 hätte ich gern, krieg sie aber nicht.“ Und sein Herausgeber Christian Rainer (von uns auf 225.000 Euro taxiert) attestierte uns zumindest eine „interessante Recherchemethode“. Die geschickteste Absage kam von „Heute“-Chef Wolfgang Ainetter: „Sehr gerne“ wollte er uns Auskunft geben, darf es aber nicht (auf 120.000 Euro geschätzt). Einzig „Wirtschaftsblatt“-Chef Wolfgang Unterhuber (geschätzte 120.000 Euro) hatte mit unserer Mail kein Problem: „Sie müssen unbedingt 10.000 abziehen.“

Ich respektiere alle Einwände und eigentlich ist es auch nicht relevant, wie viel die Chefs verdienen. Aber vielleicht hätten wir eine ganz andere Frage stellen sollen? Wie viele Journalisten in Ihrem Haus können von dem leben, was Sie ihnen bezahlen? Viele junge Mitarbeiter müssen heute verbittert zur Kenntnis nehmen, dass sie mit ihren Pauschalistenverträgen zwar wie fix Angestellte arbeiten, Samstag und Sonntag eingeschlossen, aber mit monatlich knapp 1.000 Euro netto weit unter dem verdienen, was sie an einer Hofer-Kasse kriegen würden. Dabei sind Berufseinsteiger bei Printmedien sogar noch „Topverdiener“. Bei vielen Privatradios werden sie aktuell monatlich mit 70 bis 100 Euro verarscht.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Anfänger müssen nicht gleich hoch bezahlt werden wie erfahrene Kollegen. Das gibt es nur bei angestellten Apothekern – was übrigens dort den Nebeneffekt hat, dass auch alte Kollegen nicht gefeuert werden, weil sie nicht teurer als die Jungen sind.

Dass aber gerade jene Institutionen, die für die Einhaltung gesellschaftlicher Mindeststandards eintreten, einen Teil ihrer eigenen Mitarbeiter schamlos ausbeuten, ist schwer vermittelbar. Nachdenklich sollte uns auch machen, dass viele junge Talente in die PR abwandern, weil sie dort so bezahlt werden, dass sie eine Familie gründen, eine Wohnung kaufen und wie andere Leute auch auf Urlaub fahren können. Auch wenn das Wort Solidarität heute kaum noch strapaziert wird: Müssen wir uns nicht fragen, ob die Verteilung der Einkommen noch gerecht ist? Und wollen wir den Jungen zumindest so viel geben, damit sie es sich leisten können, Journalist zu sein?

Neuer Online-Chef

Mit Veränderungen ist jedes Haus konfrontiert. Selbst kleine wie wir. Michael Neff, seit 15 Jahren hier, zuerst in der Grafik, die er dann später leitete, hat einen ausgeprägten Hang zu allem, was nur irgendwie mit Computern zu tun hat. Das verschaffte ihm schon früh eine Nebenbeschäftigung als Computer-Notarzt für alle Hilflosen. Jetzt kommt Michael Neff neben Georg Taitl und mir in die Geschäftsführung und übernimmt dort den kompletten Bereich Online und Produktion. Seine Aufgabe wird sein, uns weiter auf dem Weg in die elektronische Zukunft zu begleiten, uns mit Visionen zu verwirren, diese gegen unseren anfänglichen Widerwillen umzusetzen und uns später damit in Verzücken zu setzen. Alles Gute für die neue Aufgabe!

Erschienen in Ausgabe 08+09/2011 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 7 bis 63. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

;