ARCHIV » 2011 » Ausgabe 08+09/2011 »

Rubriken

Der Dosen-Kavalier und seine Medien

Von Kurt Tozzer

Erfolgsmodell „Red Bulletin“: Eine Anzeigenseite der Österreich-Ausgabe kostet 35.000 Euro, wer weltweit in 4,6 Millionen Exemplaren aufscheinen will, müsste 136.900 Euro pro Inseratenseite bezahlen.

1 Wenn Sie am 4. Oktober wieder ein 100-seitiges Hochglanzmagazin ins Haus geliefert bekommen, sind sie einer von mehr als viereinhalb Millionen Zeitungsabonnenten in aller Welt, die das „Red Bulletin“ Monat für Monat zusätzlich und gratis erhalten. In Österreich und in weiteren acht Ländern Europas, Afrikas und Amerikas werden rund 4,6 Millionen Exemplare des Printprodukts großen Tageszeitungen – etwa der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, der „Kuwait Times“ oder der „New York Daily News“ – beigelegt. Der Auflagenriese kommt aus dem Imperium des österreichischen Getränkeerzeugers Dietrich Mateschitz, 67, der Milliardengewinne mit einem nach Gummibären schmeckenden koffeinhaltigen Getränk namens Red Bull macht. Seit 1987 wird der Energydrink nach thailändischem Vorbild (dort heißt er Krating Daeng oder Roter Stier) in Österreich hergestellt. Im Vorjahr wurden weltweit mehr als vier Milliarden Dosen des Getränks verkauft, jeder Österreicher trinkt im Durchschnitt 24 Dosen jährlich. Die im salzburgischen Fuschl am See residierende Erzeugerfirma Red Bull GmbH gehört zu 49 Prozent dem Steirer Mateschitz. Die Mehrheit besitzen offiziell der thailändische Unternehmer Chaleo Yoovidhya, 79, und dessen Sohn Chalerm.

Der Energydrink verleiht Flügel, wie der Werbeslogan sagt, offenkundig auch dem Unternehmensdrang seines Erzeugers. Aus Mateschitz’ Blechdosen erwuchs in den vergangenen Jahren ein Medien- und Sportimperium besonderer Art:

2004 kaufte der Dosen-Kavalier vom Ex-FPÖ-Politiker Walter Meischberger das wöchentlich erscheinende Tratsch-Magazin „Seitenblicke“ (nicht verwandt mit der gleichnamigen TV-Sendung). Die Druckauflage beträgt derzeit etwa 80.000 Exemplare. 2005 übernahm Mateschitz den Bundesliga-Fußballverein Austria Salzburg und führt ihn seither als FC Red Bull Salzburg. Dreimal wurden die Salzburger seitdem Meister.

Im gleichen Jahr stieg der Getränkehersteller mit einem eigenen Team in den Autorennsport der Formel 1 ein, im Vorjahr wurde der Red-Bull-Fahrer Sebastian Vettel Weltmeister. An den Renntagen hat Mateschitz vor Ort jeweils eine eigene Zeitung mit Berichten rund um das Ereignis herausgegeben.

2007 entwickelte sich aus diesen Ad-hoc-Zeitungen das Magazin „Red Bulletin“. Ein teures Qualitätsprodukt, mit guten Reportagen und massenhaft Berichten über Aktivitäten der von Red Bull geförderten Sportarten und Athleten. Eine Anzeigenseite der Österreich-Ausgabe kostet 35.000 Euro, wer weltweit in 4,6 Millionen Exemplaren aufscheinen will, müsste 136.900 Euro pro Inseratenseite bezahlen.

2008 gründete Red Bull das Wochenmagazin „Speedweek“, das wöchentlich mit Berichten über Motorsportereignisse erscheint.

2009 kaufte Red Bull den 1995 von Ex-ORF-Redakteur Ferdinand Wegscheider gegründeten Fernsehsender Salzburg TV und führte ihn mit neuem Programm als Servus TV weiter. Das Programm ist mit herkömmlichen Privatsendern nicht zu vergleichen – es gibt hervorragende Natur-Dokumentationen aus aller Welt, unter anderem zeichnet dafür der vom ORF abgesprungene und seit 2010 für Servus TV arbeitende „Universum“-Chef Horst Köhler mit seinem Team verantwortlich. Auch zwei Altspatzen bekamen Sendungen im Mateschitz-Programm: Teddy Podgorski (in einer Gutruf-Kulisse) und Ex-Opernchef Ioan Holender. Sie sprechen mit Prominenten oder über besondere Ereignisse. Außergewöhnlich das Nachtprogramm von Servus TV: Täglich werden unter dem Titel „Vogelfrei“ Luftaufnahmen von Gegenden des Alpen-Donau-Adria-Raumes gezeigt.

2010 startete das Monatsmagazin „Servus in Stadt und Land“ mit 50.000 Druckauflage. Der Eindruck: schöne Bilder, bodenständiger Inhalt, Ruhe vermittelnd. Eine Bezeichnung fällt noch auf: „Lebensgefühl-Magazin“. Gastautoren sind die österreichischen Schriftsteller Michael Köhlmeier und Alfred Komarek. Sowohl beim Fernsehsender als auch beim Magazin zeigt sich, dass ein reicher Mensch mit seinem Geld auch Vernünftiges machen kann.

Heuer im März hat Horst Pirker, 51, der Ex-Chef des steirischen Styria-Verlags, das Kommando in jener Mateschitz-Gesellschaft, die das Mediengeschäft besorgt, übernommen. Künftig soll er für das Dosen-Imperium eine neuartige Verknüpfung von Print, Fernsehen und Internet kreieren. Man wird sehen, wohin die Red-Bull-Flügel tragen.

Erschienen in Ausgabe 08+09/2011 in der Rubrik „Rubriken“ auf Seite 18 bis 18 Autor/en: Kurt Tozzer. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

;