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Titel

Der grosse Gehalts-Report

Von Theresa Steininger

Belastung und Arbeitspensum werden immer höher. Wird dies auch honoriert? Was verdienen Österreichs Journalisten? Der „Journalist“ hat sich umgehört.

Das große Schweigen

Jeder will es vom anderen wissen, aber keiner von sich selbst erzählen: Über Gehälter wird geschwiegen – in einer Zeit, in der es fast keine Tabuthemen mehr gibt, ist dies eines der letzten, auch im Journalismus. Der „Journalist“ wollte dennoch erkunden, was denn nun mehr der Realität der Branche entspricht: das Schwelgen über (sicher seltene) Traumlöhne oder das Lamentieren über zu geringe Gehälter. In einer Zeit, in der einzig der 739.000-Euro-Vorabgewinn des verstorbenen Hans Dichand kolportiert wurde, die Gehälter der ORF-Granden zwischen rund 350.000 und 150.000 Euro offenliegen und mehr durch Zufall die 8.000 netto pro Monat plus Bonus von Christian Rainer herauskamen und Michael Fleischhacker im ORF-„Report“ danach mit 140.000 Jahreseinkommen zuzüglich allfälliger Boni zitiert wurde, halten sich alle anderen bedeckt. Wer spricht schon gerne übers Geld … Dennoch gibt es sichtlich einen Bedarf nach Information, wie uns die Rückmeldung eines Lesers bestätigte: „Niemand sagt einem, wie viel man verdienen sollte … es gibt kein Korrektiv.“ Auf welcher Basis solle man also seine Gehaltsverhandlungen führen, woher wissen, was überzeichnet und was tiefgestapelt ist?

Verdienen Sie genug …?

Eine anonyme Online-Umfrage mit der bewusst provokant gestellten Frage „Verdienen Sie genug oder haben Sie sich schlecht verkauft?“ wurde von rund 430 Journalistinnen und Journalisten beantwortet. Anonymität war fast allen Teilnehmern sehr wichtig. Wer viel verdient, will keinen Neid erwecken, andererseits – so wurde es begründet – auch niemandem die Chance geben, ihn für denselben Job zu unterbieten. Wer wenig verdient, ist da schon offener, doch auch unter diesen Journalisten ist die Angst vor dem Verlust der Beschäftigung oft so groß, dass man lieber nicht als jemand, der sich beschwert, in der Branchenzeitung stehen will.

25.000 bis 50.000 netto im Jahr

Aber von welchen Beträgen sprechen wir überhaupt? Sehr unterschiedlichen, wie unsere Umfrage zeigt. Wer die gesamte Umfrage ansieht, von der wir hier natürlich nur einen Teil abdrucken können (siehe Seite 38), findet Angaben zu Jahresnettogehältern von 16.000 bis zu 700.000 Euro. Während der untere Wert, der sich auf den Verdienst bei einer Gratiszeitung in den Bundesländern und bei einem Privatradio bezieht, wohl stimmen dürfte, hat sich beim Ausreißer nach oben wohl jemand einen Scherz erlaubt oder sich um eine Null vertippt. Ebenso ein Sportjournalist einer großen Wiener Tageszeitung, der mit 230.000 Jahresnettogehalt durchaus die Mannschaften, über die er schreibt, sponsern könnte. Auch eine Magazin-Journalistin, die trotz 85-Prozent-Anstellung 120.000 Euro zu verdienen angab, während ihr Kollege mit gleich vielen Arbeitsjahren im selben Magazin 50.000 eintrug, könnte sich des Unmuts desselben sicher sein, wenn sie richtige Angaben gemacht hat.

Im Großen und Ganzen pendeln sich die Gehälter je nach Dienstjahren und Verantwortung zwischen 25.000 und 50.000 Euro Jahresnetto ein. Ganz klar spielt hier nach wie vor die Erfahrung eine entscheidende Rolle, bei der gleichen in Wien publizierten Tageszeitung verdient jemand, der seit fünf Jahren dort arbeitet, 23.200 Euro, einer, der 20 Jahre am Buckel hat, 34.500, ein anderer mit gleicher Anzahl an Jahren 42.000.

Bestverdiener unter den „normalen“ Journalisten dürften wohl jene mit um die 90.000 und bis zu 110.000 Euro Jahresnettogehalt sein – solche Summen wurden in unserer Umfrage selten, aber doch genannt, und wenn, dann von Ressortleitern großer Tageszeitungen mit mehr als 35-jähriger Berufserfahrung. Auch im Corporate Publishing lässt sich durchaus Geld machen, wie eine Angabe mit 110.000 Euro Jahresnetto zeigt. Alles Zahlen, zwischen denen Vergleiche zu ziehen natürlich heikel ist, weil hier keinesfalls die tägliche Arbeitszeit, das Arbeitspensum und die Arbeitstage pro Woche abgefragt wurden. Dem „Journalisten“ ist natürlich nicht fremd, dass die Anforderungen an unsere Kollegen ständig steigen und unabgegoltene Nacht- und Wochenendschichten sowie eine ständige Erreichbarkeit mittlerweile gang und gäbe sind. „Allzeit bereit wird vorausgesetzt“, „Mehrarbeit wird nicht entlohnt“, wurden die Angaben der Umfrage kommentiert.

Zusätzlich untermauern lassen sich unsere Zahlen durch jene Erhebung, die das Medienhaus Wien 2007 unter 4.474 heimischen Journalisten gemacht hat. Der Durchschnitt der Medienhaus-Wien-Erhebung ergab ein Monatsnettogehalt von 2.073 Euro bei Redakteuren und 2.521 Euro bei Journalisten in leitender Funktion, bei einer Tageszeitung durchaus um die 3.000 Euro. Je nach Verdienstjahren und Geschlecht variierte das Ergebnis der Medienhaus-Erhebung stark, Journalisten, die älter als 50 Jahre sind, können 3.052 Euro im Durchschnitt netto auf ihrem Konto verbuchen. 58 Prozent aller Männer verdienen überhaupt mehr als 4.000, 19 Prozent mehr als 5.000 Euro. Personalberater Philipp Harmer, der unter anderem die Mediaprint in Personalfragen beraten haben soll und als Branchenkenner sowohl für den österreichischen als auch für den deutschen und den Schweizer Raum gilt, wo die Gehälter höher sind, nimmt im Interview (siehe Seite 36) „3- bis 4.000 für Redakteure und das Doppelte für leitende Journalisten“ an.

Traumgagen wie in der Schweiz, wo man angeblich für einzelne Kommentare bis zu umgerechnet 16.000 Euro bekommen kann, gibt es bei uns in Österreich wohl nicht. Jene Journalisten, die am meisten verdienen, wollen am wenigsten darüber reden. Ein Versuch, Chefredakteursgehälter herauszufinden, wurde abgeschmettert (siehe Editorial Seite 7).

Per se unzufrieden

Klar ist: Es gibt viele, die für wenig Geld arbeiten – und es gibt einige, die selbst einen hohen Lohn noch für zu wenig ansehen. Manch einer gibt sich in unserer Umfrage, die auch nach der Zufriedenheit mit Lohn und Arbeitssituation fragte, mit 60.000 Euro unzufrieden, ein anderer mit 17.000 halbwegs zufrieden. Wer als Akademiker angibt, 60 Stunden pro Woche zu arbeiten und dennoch im Jahresnetto auf 18.500 zu kommen, dem kann man seinen Unmut wohl nicht verdenken.

Zwar sind Journalisten per se hinterfragende Geister, die daher auch geneigter sind, den eigenen Verdienst kritisch zu sehen, wie Personalberater Philipp Harmer ausführt. Es ist aber unumstritten, dass die Verlage in den vergangenen Jahren vor allem an der Basis sparen, dort, wo Qualität produziert werden soll und wo den Mitarbeitern bei einer geringer werdenden Anzahl derselben immer mehr Arbeit aufgehalst wird. Dass Überstunden und Wochenenddienste aber honoriert würden, davon ist kaum die Rede. Dass viele wie Angestellte arbeiten, aber wie Freie entlohnt werden und somit um Urlaubs- und Weihnachtsgeld umfallen, wird ebenso unter den Teppich gekehrt. Selten bis einzigartig sind da Aktionen wie jene der „Kleinen Zeitung“, die jüngst alle Mitarbeiter am Unternehmenserfolg teilhaben ließ – und 800 Euro an jeden einzelnen auszahlte.

Nicht alle ORFler sind Großverdiener

Rund 350.000 Euro Jahresbrutto oder um die 350 Euro brutto im Monat – so weit reicht die Bandbreite im ORF. Während Generaldirektor Alexander Wrabetz sich über eines der höchsten Gehälter, wenn nicht mittlerweile nach dem Tod des „Krone“-Granden Hans Dichand das höchste der Branche freuen kann und ihm seine Direktoren und Landesdirektoren mit Summen zwischen 250.000 und 150.000 Euro folgen, wobei für besondere Leistungen, die laut Rechnungshofbericht nicht immer nachvollziehbar gewährt wurden, Gehaltszulagen von bis zu 2.250 Euro pro Monat vergeben werden, und ORF-Angestellte im Durchschnitt 74.500 Euro brutto pro Jahr verdienen, so gibt es vor allem unter den freien Mitarbeitern des ORF auch solche, die nicht einmal auf einen Mindestlohn kommen. „Es besteht die Illusion, dass beim ORF eh jeder gut verdient – aber mitni
chten“, sagt ein ORF-Radiomitarbeiter dem „Journalisten“. Vor Kurzem habe man ihm seine Mitarbeit an einer Sendung, die doch zumindest zwei Mal im Monat 250 Euro gebracht hatte, aus Sparmaßnahmen aufgekündigt, derzeit stellt er musikalische Programme zusammen, was 80 Euro bringt und wofür er nach eigenen Angaben einen Tag lang arbeitet: „Das ist lächerlich und total unterbezahlt. Wir haben eine Protestaktion geplant, aber andererseits: Wenn wir uns auf die Hinterbeine stellen, kriegen wir 10 Euro mehr – das ist auch lächerlich. Wenn wir den periodischen Rundbrief des Chefs bekommen, in dem er schreibt, dass die Mitarbeiter das größte Kapital seien, dann könnte ich nur weinen. Wer nicht ständig auf Sendung ist, ist längst an der Armutsgrenze, das ist Wahnsinn!“

Viele Online-Standbeine

Oft wird davon gesprochen, dass online nicht so viel zu verdienen ist wie im Print-, Radio- oder TV-Bereich. Natürlich muss auch hier unterschieden werden: Autoren von kleinen Sites oder Blogs müssen schlichtweg viele Standbeine haben. „Nur von meiner Internetplattform könnte ich, obwohl sie durch Werbung ein wenig einbringt, niemals leben. Ich habe einige andere Jobs“, sagt da der Herausgeber eines Internetmagazins. „Mit dem, was der Blog einbringt, kann ich mit meinen Mitarbeitern das eine oder andere Bier pro Jahr gemeinsam trinken gehen, mehr nicht“, ein anderer, der einen hochfrequentierten Blog schreibt. Wer jedoch als Onliner bei der digitalen Ausgabe einer Tageszeitung werkt, kann zumindest davon leben, wenn auch laut unserer Umfrage um einiges geringere Gehälter bezahlt werden als im Print- oder TV-Bereich. 20.800 Euro Jahresnettogehalt nach fünf Jahren im Betrieb einer digitalen Version einer großen Tageszeitung und 15.540 nach zehn Jahren, wenn auch in 80-Prozent-Beschäftigung, klingen nicht gerade rosig.

Immer im Einsatz, um normales Gehalt zu haben

Besonders prekär wird die Situation, wie schon am Beispiel ORF dargestellt, bei den Freien. Freiberuflichkeit ist fast ausschließlich nur mit mehreren Standbeinen möglich, zudem arbeiten viele durchgehend, wenn denn Aufträge da sind, da sie befürchten, nicht mehr gefragt zu werden, wenn sie ablehnen: „Als freier Mitarbeiter kann man es sich kaum erlauben, einen Einsatz, aus welchen Gründen auch immer, abzulehnen. Da würde man sich nicht lange des Jobs erfreuen“, sagt ein Freier. Und ein anderer: „Ich bin ohne Pause aktiv, um auf ein normales Gehalt zu kommen.“

„Die Honorare, die vor allem in Österreich gezahlt werden, sind unter jeder Kritik, immer mehr sind doch hauptberuflich freiberuflich tätig“, schreibt uns eine Unzufriedene, die für 5.000 Zeichen und einen Tag Arbeitsaufwand 100 Euro kassiert, die sie selbstverständlich noch versteuern muss und für die sie ihren Obolus an die SVA zu leisten hat. Auch mit 80 Euro für 4.000 Zeichen bei einer anderen Teilnehmerin der Umfrage ist Unzufriedenheit festzustellen. 165 Euro für 35.000 Zeichen dürften dann doch der Ausreißer nach unten im Rahmen unserer Befragung sein …

Andere Honorare für einzelne Artikel mögen auf den ersten Blick gar nicht so schlecht klingen, doch wer 150 oder 200 Euro pro Seite bekommt, ist nicht immer gut bezahlt. Sollte man für eine fotolastige, recherchearme Geschichte wirklich das gleiche bekommen wie für eine rechercheintensive?

Putzfrau verdient besser

Immer mehr Kollegen werden heute in die Scheinselbstständigkeit gedrängt oder berichten von Pseudoanstellungen für wenige Stunden, obwohl teils 50 bis 60 Wochenstunden geleistet werden.

Ältere Kollegen berichten davon, in die Selbstständigkeit gedrängt zu werden oder nahegelegt zu bekommen, auf Gehaltszuwächse zu verzichten: „Ich wurde nach 44-jähriger Betriebszugehörigkeit zu Frühpension mit Option auf Open End als freier Mitarbeiter, überredet‘. Seither warte ich auf den Vertrag. Es ist absurd, dass Zeitungen ihre treuesten Angestellten ab 58 zu unfreiwilligen Rentnern machen wollen, andererseits aber in Polit-Kommentaren genau dieses System kritisieren“, schreibt uns einer.

Durch die Bank werden Gagen reduziert oder über lange Zeit nicht erhöht. „Ich habe vor 20 Jahren das gleiche Gehalt bezogen“, schreibt uns einer. Selbst eine renommierte Autorin von Kolumnen und Interviews bekommt seit zehn Jahren das gleiche, wie sie uns schreibt. Und andere sprechen von einer Veränderung, aber einer unerwünschten: „Die Situation auf dem Magazin-Sektor hat sich in den letzten zehn Jahren dramatisch verschlechtert, die Honorare werden ständig reduziert und leben lässt sich kaum mehr davon.“ Härter formuliert es eine Autorin einer regionalen Zeitung in den Bundesländern: „15 Cent pro Zeile: keine Putzfrau würde für eine derart miserable Entlohnung arbeiten, normalerweise müsste man bei einem derart geringen Honorar jede journalistische Tätigkeit sofort einstellen.“

Anderswo besser?

Warum die Leute dennoch dabeibleiben? „Zufrieden bin ich nicht, aber es gibt genug andere, die meinen Job gerne machen würden“, heißt es. „In meinem Alter bin ich schon froh, überhaupt noch eine Anstellung zu bekommen“, schreibt einer. „Es ist eine Ehre, aber der Arbeitsaufwand steht nicht im Verhältnis zur Bezahlung“, eine, die für ein renommiertes Magazin arbeitet. Und ein weiterer: „Ich glaube nicht, dass es woanders besser wäre.“ Wissen kann er es nicht – denn wenn er sich bewerben geht, weiß er immer noch nicht, was jene, die zu seinen zukünftigen Kollegen werden könnten, verdienen – und ob er sich gut oder schlecht verkauft. Denn über Geld … spricht man nicht.

Erschienen in Ausgabe 08+09/2011 in der Rubrik „Titel“ auf Seite 34 bis 35 Autor/en: Theresa Steininger. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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