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Titel

Der reine Wahnsinn

Kein Mensch glaubt, wie wenig freie Journalisten verdienen. Man selbst oft auch nicht.

Mit meinem ersten Geld als Journalist – eine fünfseitige Geschichte in einem Hochglanzmagazin – fuhr ich für zwei Monate in die USA. Das war vor 22 Jahren. Der Seitenpreis war 3.000 Schilling (218 Euro), mein WG-Zimmer kostete 1.500 Schilling. Seither geht’s bergab.

Meine letzte Geschichte, für die ich gerade die Rechnung schreibe, bringt 120 Euro pro Seite. Macht 480 Euro für vier Seiten, die Wohnung kostet 600 Euro. Die Geschichte erscheint in einem respektablen Fachmagazin. Die Recherche umfasste: eine Reise zu einer Fachmesse in München (um Übernachtungskosten zu sparen, nahm ich den Nachtzug) und mehrstündige Interviews in der Steiermark. Miteingeflossen ist Wissen aus einer Konferenz, die ich im Februar in Wien besuchte. Dazu viele Telefonate, Studien lesen, schreiben, korrigieren und am Text feilen, und zum Schluss noch die Fotos organisieren. Reine Arbeitszeit: eine Woche. Spesen werden keine gezahlt, der Trip nach München und in die Steiermark muss als Freizeitgestaltung betrachtet werden.

Ich bin dankbar, dass ich für dieses Magazin schreiben darf: Der Verlag hat Renommee.

Anders ist es mit dem Verlag des Zampano-Herausgebers. Ich geniere mich zu sagen, dass ich dafür arbeite. Ich tue es aus purer Not. Aber nicht mehr lange. Der Seitenpreis in seinen Fachmagazinen beträgt 100 Euro. Vor der Finanzkrise zahlte der Verlag immerhin 145 Euro – aber in der Krise spart man am leichtesten an den Mitarbeitern, der Rolls-Royce lässt sich nicht so schnell verkaufen, und das will man ja auch nicht. Für meine letzte, aufwendige, vierseitige Geschichte – viel Internetrecherche, um die Gesprächspartner zu finden, dann viele Telefonate – hätte ich 400 Euro erhalten sollen. Der Bankauszug zeigte nur 300 Euro. Die Sekretärin war peinlich berührt, als ich sie darauf ansprach. Der Chef hätte manchmal solche Anwandlungen, sagte sie. Dann würde er einfach den Betrag nach Gutdünken reduzieren. Der Zampano war an dem Tag nicht im Büro, sonst hätte ich ihn wahrscheinlich vor Wut geschlagen.

Für Fachmagazine zu schreiben hat einen Vorteil: Man hat viel Platz und wird für den oft gleichen Rechercheaufwand besser bezahlt. Eine Zeitung zahlt nach Zeilen oder Zeichen, und der Platz ist beschränkt. Nehmen wir meine Story für eine Qualitätstageszeitung. Es ging um Aids und um den Skandal, dass Österreich sich vor sämtlichen Zahlungen an die UN-Hilfsorganisationen drückt. Ich weiß nicht mehr, wie ich auf den Skandal aufmerksam wurde – durch einen Gesprächspartner oder in einer Diskussion. Auf jeden Fall erforderte es Recherche: UN-Berichte lesen, Statistiken studieren, in Ministerien nachfragen, in Genf anrufen. Die Telefonate führte ich vom eigenen Büro aus oder vielmehr von dem eines Freundes – die Telefonkosten habe ich ihm wohl nie bezahlt. Die Arbeit nahm mehrere Tage in Anspruch, so genau lässt sich das nicht quantifizieren, zwischendurch macht man ja auch etwas anderes. Das Honorar: 154,56 Euro. Für ein Interview mit einem berühmten US-amerikanischen Forscher gab es als Draufgabe noch 78,46 Euro. Das Telefonat in die USA machte ich vom Büro des Freundes, die Gespräche mit dem Pressesprecher des Mannes liefen von meinem Handy. Diese Kosten will ich jetzt gar nicht so genau wissen.

Man ist natürlich stolz, für eine Qualitätszeitung zu schreiben. Das bringt etwas fürs Renommee und das Curriculum Vitae. Über die finanziellen Bedingungen dieser Arbeit redet man besser nicht. Die Leute würden einen für verrückt erklären. So geschehen bei einem Abendessen während einer zweitägigen Konferenz. Ich müsse den Zug noch erreichen, sagte ich meinem Gesprächspartner nach dem Essen, denn der Verlag zahle keine Hotelkosten. Der Mann schaute mich entgeistert an. Das sei doch eine unglaubliche und sinnlose Ausbeutung meiner Arbeitskraft – ob ich denn am nächsten Tag wiederkommen würde? Ja, sagte ich, es seien doch nur vier Stunden Zugfahrt hin und zurück, während der Zeit würde ich mich auf das Interview mit dem Nobelpreisträger vorbereiten. Nach der Konferenz folgte die eigentliche Arbeit: das Interview abtippen, redigieren, eine Kurzbiografie des Forschers verfassen, einen österreichischen Chemieprofessor bitten, das Interview gegenzulesen, und das alles mit dem zuständigen Redakteur abstimmen. Das brachte schließlich 225,58 Euro ein.

Natürlich lässt es sich so nicht überleben. Zwischendurch ergattert man auch Aufträge, die etwas besser bezahlt sind: Broschüren redigieren, in irgendwelchen Forschungsinstituten zuarbeiten. Ich mache jedoch keine PR, unter keinen Umständen. Ich finde es höchst unseriös, PR-Mensch und Journalist gleichzeitig zu sein, selbst wenn sich die Auftraggeber und Themen nicht überschneiden. Man ist entweder das eine oder das andere.

Kaffee und Madonna gratis

Wobei – so streng darf man es manchmal nicht sehen. Was in den USA ethisch undenkbar wäre, ist in Österreich üblich: sich von Gesprächspartnern einladen zu lassen, zum Kaffee, zum Mittagessen oder auch zu einer kleinen Flugreise. Journalisten werden ganz selbstverständlich zu Pressekonferenzen in alle Welt geflogen, samt Übernachtung im Viersternehotel. Besonders einfallsreiche Presseabteilungen bieten besonders pickige Zuckerln an. So lud ein Unternehmen zu einer Laborführung nach Düsseldorf, als dort gleichzeitig Madonna mit ihrer Sticky-Candy-Tournee Halt machte. Dazu war man natürlich auch eingeladen – doch diesen Bestechungstrip habe ich abgelehnt. Angesichts der knappen Ressourcen der Medien und der Armut der freien Journalisten ist es allerdings kein Wunder, wenn solche Angebote angenommen werden.

Einmal erzählte mir ein in London sozialisierter Wissenschaftler in einem Interview, wie Universitäten die Rankings der „Financial Times“ manipulieren. Wir waren in einem Restaurant. Am Ende des Essens sagte er, es sei leider gegen die Ethikregeln, mich einzuladen. Ich hatte gerade noch genug Geld eingesteckt. Dann schrieb ich den Artikel genau darüber: wie Universitäten die „Financial Times“ manipulieren – und erlebte den Wutausbruch meines Lebens. Wie könne ich es wagen, auf die Anzeigenkunden zu brunzen, brüllte der Beilagenredakteur, die würden letztendlich mein Honorar zahlen, und wie könne ich nur der „Financial Times“ unterstellen, sie würde nicht höchst seriös arbeiten, das werfe kein gutes Licht auf unser eigenes Medium. Der Artikel und ich selbst flogen hochkant aus der Zeitung. Auch das hat meinem finanziellen Fortkommen nicht gutgetan.

Erschienen in Ausgabe 08+09/2011 in der Rubrik „Titel“ auf Seite 46 bis 47. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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