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Praxis

Die alte Journalistenschmiede

Von Sophia-Therese Fielhauer-Resei

Vor 20 Jahren erschien die letzte Ausgabe der „Arbeiter-Zeitung“.

Rechte Wienzeile 97. Ein ehrwürdiger Bau, die Zeiger der Dachuhr stehen seit Jahren still. Auf dem Eisenportal prangt „Vorwärtsverlag“. Das Verlags-Flaggschiff, die „Arbeiter-Zeitung“, überlebte knapp den 100. Geburtstag. Vor 20 Jahren, am 31. Oktober 1991, ist die letzte Ausgabe der „AZ“ mit dem Titel „Adieu!“ erschienen. Rückblick: Im Frühjahr 1985 droht die Einstellung, die „Neue AZ“ erscheint im Kleinformat, übersiedelt mit der „Vorwärts“-Druckerei von der Wienzeile (heute „Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung“ im 2. Stock, sonst Hotelkomplex) in die Viehmarktgasse 4 (St. Marx). Zitat aus „100 Jahre AZ“ (Peter Pelinka, Manfred Scheuch, Europaverlag, 1989): „In Gesprächen mit Peterschelka (Anm. d. Red. Geschäftsführer) und mit Scheuch deutete der neue Parteivorsitzende, Bundeskanzler Vranitzky, an, dass er Vorstellungen, aus dem Zentralorgan ein durchaus im Naheverhältnis zur SPÖ stehendes, aber (auch finanziell) unabhängiges Blatt zu machen, nicht abgeneigt sei.“ Das war 1988 und viel zu spät. Am 12. Dezember 1989 erscheint eine wiederum reformierte „AZ“, Umzug der Redaktion in die Windmühlgasse, 6. Bezirk. Nicht einmal zwei Jahre später – im Jahr 1991 mithilfe privater Investoren (u. a. Androsch) und Leserspenden geführt – verabschiedet sich die „Arbeiter-Zeitung“ für immer. Chefredakteure ab „Wiedergeburt“ (5. August 1945) bis zum Ende: Oscar Pollak (1945 bis 1961), Franz Kreuzer (1961 bis 1967), Paul Blau (1967 bis 1970), Manfred Scheuch (1970 bis 1989), Robert Hochner (1989 bis 1990), Peter Pelinka (1990 bis 1991). Im Web lebt die „AZ“ als Archiv weiter: www.arbeiter-zeitung.at (Projekt der Kaltenbrunner-Medienberatung und scharf_net GmbH, siehe unten).

„In einer Diskussion wurde einmal gesagt, die ‚AZ‘ ist ein Gesundheitsschuh und kein elegantes Schuhwerk – den kauft man nur, wenn man ihn braucht. Dem normalen Arbeiter war sie zu hoch und als die ‚Krone‘ kam, sind sie alle dahin gewechselt“, beschreibt Friedrich Katscher, 88, den Niedergang. „Ich bin der älteste noch lebende Redakteur der ‚Arbeiter-Zeitung‘, mein erster Artikel in der ‚AZ‘ ist wenige Tage nach dem Atombombenabwurf erschienen.“ Von 1951 bis zu seiner Pensionierung 1985 hat der Journalist bei der „AZ“ als außenpolitischer und Wissenschaftsredakteur gewirkt, hat theoretische Physik und Mathematik studiert, hält heute dreimal pro Semester Vorträge über die Geschichte der Mathematik an der TU Wien. Das hohe Alter scheint Katscher nichts anzuhaben – zweimal pro Woche schwimmt er eine Stunde lang ohne Unterbrechung. Vom freien Mitarbeiter zum „AZ“-Redakteur: Am 21. Dezember 1950 eilte Katscher mit seinem Doktorat zu Chefredakteur Oscar Pollak, um – wie versprochen – nach Amerika geschickt zu werden. Pollak: „Sie können am 2. Jänner als außenpolitischer Redakteur anfangen. Einen Wissenschaftsredakteur können wir uns nicht leisten.“ Wissenschaftliche Artikel steuerte Katscher weiterhin und vorerst gratis bei. Einmal pro Woche kamen englische Artikel mit der Flugpost: „In zehn Minuten musste ich drei Seiten übersetzen.“ Eigenes Zimmer, Telefon, oft Spätdienst. „Ich habe mich abends sehr oft mit den Setzern und Metteuren unterhalten, das waren sehr gescheite Leute.“ Das Ende der „Schwarzen Kunst“ nahte Mitte der 1980er-Jahre. „Der Computer machte die Setzer, Metteure und Korrektoren arbeitslos, das waren hochqualifizierte Berufe mit langer Ausbildungszeit.“ Neben der „AZ“ hat Friedrich Katscher 13 Jahre lang als Managing Editor der SPÖ-Zeitschrift „Zukunft“ gewerkt: „Weil man bei der ‚AZ‘ so wenig verdient hat wie bei keiner Zeitung. Franz Kreuzer modernisierte nicht nur, sondern erhöhte auch sofort die Gehälter.“ Prägende Erinnerung: „Ich ging am Presseclub Concordia vorbei und Kreisky kam gerade mit einigen Journalisten von einer Pressekonferenz. Da rief er mir vor allen anderen zu: ‚Was habt Ihr denn heute wieder für einen Blödsinn in der, AZ‘ geschrieben?‘“ Im Ruhestand verfasste Katscher noch vier Jahre lang Artikel für die wöchentliche Wissenschaftsseite. Das „schmähliche Ende“ kam im Dezember 1989: „Mein letzter Artikel erschien – von einem unwissenden Redakteur – um ein Drittel gekürzt.“ Seine Post wurde einfach weggeworfen. Noch zehn Jahre hat der Journalist für die Medizin-Seite der „Wiener Zeitung“ geschrieben. Diagnose zum Untergang der „Arbeiter-Zeitung“: „Der Scheuch hat es so gut er konnte gemacht, doch angesichts der Tatsache Gesundheitsschuh war sie nicht zu retten – auch die Partei ist gleichzeitig zerfallen. Aber die ‚AZ‘-Redakteure waren begehrt, weil sie hervorragende Journalisten, gute Rechercheure und Schreiber waren.“

Schrebergarten

Mit einer Reihe von Kollegen ist Andy Kaltenbrunner, 49, zeitgerecht von Bord der „AZ“ gegangen. Darunter u. a. Ilse Brandner-Radinger (Concordia), Christian Nusser („Österreich“), Roman David-Freihsl („Standard“), die Fotografen Rudolf Semotan und Otto Bartel. Kaltenbrunner wechselte zum „Profil“, wurde bald zum Ressortleiter Politik. „Damals, 1989, wollten wir nicht wie ‚die Sklaven mit der Plantage‘ verkauft werden, hielten Konzept und Existenzgarantie für ökonomisch viel zu schwach und unglaubwürdig.“ Zur „Arbeiter-Zeitung“ ist der Journalist, heute Gesellschafter bei Medienhaus Wien ( www.medienhaus-wien.at) und Geschäftsführer der Kaltenbrunner-Medienberatung nur durch Zufall und einen Leserbrief gekommen. Der Student und Betreuer in einem Jugendzentrum beschwerte sich 1981 über einen Artikel, in dem berufstätige Studenten falsch dargestellt wurden. Als Antwort kam ein Schreiben von „AZ“-Ombudsmann Hans Walter Christ. Mit einer Einladung, die Redaktion zu besuchen. Erste Geschichte: „Ausländische Jugendliche und die schwierige Integration in der Vorstadt, als Jugendbetreuer kannte ich mich da aus.“ Kaltenbrunner blieb beim Journalismus. „Mit zwei, drei Magazingeschichten verdiente ich so viel wie mit 40 Stunden Sozialarbeit.“ Mit erst 22 Jahren folgte Kaltenbrunner Eva Lorenz als Feuilleton-Ressortleiter für die Wochenendbeilagen (Thema, Journal) nach. Mit Beginn der 1980er-Jahre begann der große Generationenwechsel in der „Arbeiter-Zeitung“, mit ihm kamen u. a. Tessa Prager, Herbert Lackner, Peter Pelinka, Eva Gogala, Otto Ranftl, Eva Pfisterer, Robert Misik, Christian Rainer usw. „Als wir Jungen kamen, wussten wir, dass die ‚AZ‘ von Tradition allein nicht leben kann und sie von einer reinen Parteizeitung zu einer weltanschaulichen Tageszeitung werden muss.“ Dass der Chefredakteur Mitglied des Parteivorstandes war, „ist für das journalistische Arbeiten mehr hinderlich als gut gewesen“. Die Leserschaft: „Die traditionsbewussten, parteigebundenen Leser. Überspitzt formuliert: der Sektionskassier aus St. Pölten mit Arbeiterhintergrund und auf der anderen Seite Kreiskys Bildungskinder.“ Doch nicht am Spagat zwischen den höchst unterschiedlichen Lesern scheiterte das Blatt: „Für die österreichische Zeitungslandschaft waren die 1980er-Jahre, auch qualitativ, die größte Umbruchphase. Die ‚AZ‘ hat die Kurve nicht gekriegt. Die Partei hat nicht losgelassen und war ein miserabler Medieneigentümer, dem das Grundverständnis fürs Mediengeschäft fehlte.“ Mehr als 70.000 Exemplare hat die „AZ“ täglich verkauft, doch „der Werbemarkt blieb ihr verschlossen“. S
chlechte Gärtner: „Kreisky, Sinowatz und Vranitzky haben die Chance verpasst, die ‚AZ‘ als linksliberales Medium zu erhalten. Medienpolitik wird als Schrebergärtnerei missverstanden und keiner hatte die Grandezza gehabt, auf den Einfluss zu verzichten.“ Dass es den „Standard“ nur wegen des Untergangs der „AZ“ gibt, ist Andy Kaltenbrunner überzeugt: „Er hat die frei gewordene Stelle eingenommen.“ Dass Robert Hochner eine Fehlbesetzung war, teilt Kaltenbrunner ohnehin mit allen Ex-Redakteuren: „Den beliebtesten TV-Journalisten zum Chefredakteur zu machen, war ein Marketing-Gag. De facto hat sein Stellvertreter, Peter Pelinka, das Blatt gemacht.“ Dass die „AZ“ eine exzellente Journalisten-Schmiede war, ist eine Tatsache: „Wenn es eine historische Bedeutung von Parteizeitungen gibt, dann jene, dass sie aus mehreren Gründen die besten Ausbildungsakademien waren. Die Journalisten fühlten sich einem Ethos verpflichtet, es wurde und musste diskutiert werden und das Handwerk wurde sehr gut vermittelt.“ Als die „AZ“ einging, hat sich niemand um die Archiv-Bestände gekümmert. „Ein Teil ist sicher verbrannt, anderes verstreut und nach Hause mitgenommen worden.“ Andy Kaltenbrunner hat mit einem Team dafür gesorgt, dass die „Arbeiter-Zeitung“ im Web weiterlebt. Derweil von 1945 bis 1989, im nächsten Schritt ist die Retro-Digitalisierung der Ausgaben zurück bis zum Gründungsjahr 1889 geplant. Auch die Ausgaben von 1990 bis 1991 sollen folgen. „Wir wollten in relevanten Zeitungsarchiven endlich einmal vom Schreibtisch aus recherchieren können. Ich hätte keine besondere Bedeutung darin gesehen, die ‚Kronen Zeitung‘ für die Nachwelt zu digitalisieren.“ Seit dem Start 2004 wurden rund 15 Millionen Seiten der „Arbeiter-Zeitung“ abgerufen. Im Vergleich zu einem analogen Archiv sind das 400 Besucher täglich.

Hosen und Leitern

Die stellvertretende Chefredakteurin des „Freizeit Kuriers“, Eva Gogala, erinnert sich nur an sehr wenige „AZ“-Inserate. „Kleinanzeigen von Hosen und Leitern neben Inseraten der Verstaatlichten wie der Voest. Wir hatten viele Leser und bessere Auflagen als manche angesehene Tageszeitungen heute. Aber in puncto Inserate war die ‚AZ‘ nicht zu verkaufen, wir haben den Hautgout des Parteiblattes nicht losbekommen.“ Mit einem Dreizeiler, verfasst mit Füllfeder, hat sich Eva Gogala einst als Maturantin bei der „Krone“ beworben, wurde freie Mitarbeiterin und verließ das Pressehaus, als Dichand und Falk im Streit lagen. Über „Wochenpresse“ und „Presse“ gelangte Gogala, heute 51, 1981 zur „Arbeiter-Zeitung“, war Ressortleiterin der Chronik. „Vom Atmosphärischen und dem Schreiben her war das die lustigste Zeit. In der ‚AZ‘ sind Freundschaften entstanden, die es immer noch gibt. Wenn ich mir heute im Web-Archiv die Seiten anschaue, kann ich sagen: Wir waren gut und in vielen Themen voraus.“ Auch Eva Gogala hat die „Arbeiter-Zeitung“ noch im Vorwärts-Gebäude erlebt. „Das Haus war schön, aber schmuddelig und im Winter ist das Wasser auf einem der Klos gefroren.“ Gegenüber vom Verlag thronte ein kleiner Zeitungskiosk, „der Svirak, wo Friedrich Katscher immer seine internationalen Blätter geholt hat“. Diskussion und Kritik: „Auch wenn ich das Glorifizieren im Nachhinein abziehe, war es eine tolle Atmosphäre. Bei den Menschen, die dort gearbeitet haben, gab es einen Grundkonsens. Wir wollten eine möglichst gute Zeitung mit bescheidensten Mitteln machen. Und wenn man sich anschaut, wo die Kollegen heute überallhin verstreut sind, muss man sagen, dass wir nicht alle Volltrottel waren.“ Eva Gogala verabschiedete sich 1990 „mit vielen Tränen“ nach Jahren der Unsicherheit: „Wir haben so lange unter einem Damokles-Schwert gelebt. Es gab Versuche und viel guten Willen, aber es hat nicht gereicht. Man hält sich eine Zeitung, um Ideologien unter das Volk zu bringen, und das merkt der Leser und ist verstimmt. Aber eines ist mir sehr wichtig: an der Zeitung lag es nicht.“ Der Wechsel zum „Kurier“ war zu Anfang ein „Kulturschock“, der erste Eindruck bedrückend: „Überall waren die Türen der Redaktionsräume geschlossen, das gab es bei der ‚AZ‘ nicht.“ Eva Gogala hat sich die Offenheit der „Arbeiter-Zeitung“ bewahrt, in ihrem Büro im 9. Stock bleibt die Tür auf.

Erschienen in Ausgabe 08+09/2011 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 128 bis 131 Autor/en: Sophia-Therese Fielhauer-Resei. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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