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Titel

Die Freien im Prekariat

Von Heike Hausensteiner

Der Freiheit als Freelance-Journalist stehen harte finanzielle Bedingungen gegenüber. Europaweite „best practice“-Beispiele sind wieder einmal die nordischen Länder.

120 bis 300 Euro, das ist das Honorar, das Printredaktionen in Österreich für einen zugekauften Beitrag wie diesen zahlen. Unabhängig von Berufserfahrung sowie Arbeitsaufwand. Zwar gibt es einen Kollektivvertrag, der auch die Mindesttarife für freiberufliche Journalisten festlegt. Dennoch variiert die Entlohnung der Beiträge stark. Manche Redaktionen zahlen Honorare, die a priori über dem Mindesthonorar von 2,36 Cent pro Anschlag im Printbereich liegen. Andere sind der Meinung, es sei eine Ehre, für sie zu arbeiten, und zahlen abzüglich der Leerzeichen nur für die tatsächliche Anzahl der Anschläge bei einem Zahlungsziel von drei Monaten. Für die Betroffenen macht das in Summe eine erkleckliche Differenz aus. Zumal wenn sie als echte Freiberufliche tätig sind. Von ihnen sind die sogenannten freien Dienstnehmer abzugrenzen, die eigentlich unselbstständig arbeiten, aber mit ihrem Arbeitsvertrag in die Selbstständigkeit gedrängt werden. Nach Angaben der Gewerkschaft nimmt die Selbstständigkeit in Österreichs Medien-Sektor immer mehr zu. Andrea Schober von der Gewerkschaft der Privatangestellten – Druck, Journalismus, Papier (GPA-DJP) sagt: „Die Betriebe, wo man als Journalist oder Journalistin arbeiten kann, sind überschaubar in Österreich.“ Dadurch steigt der Druck, an Aufträge zu kommen. Und die Redaktionen haben ein leichtes Spiel, die Entlohnung möglichst gering zu halten. Gerade im kreativen Bereich wie in Architekturbüros, in der Layout- oder Design-Branche und eben auch im Journalismus ortet die Gewerkschaft daher prekäre Beschäftigungsverhältnisse. „Man ist dankbar, dass man da arbeiten und Erfahrung sammeln darf, aber der Architekt ist der Star“, skizziert Andrea Schober die Lage.

Rund die Hälfte der Printjournalisten hierzulande sind Freelancer, so die Gewerkschaft; im Radio- bzw. Fernseh-Bereich sind es 15 bis 17 Prozent, bei den Online-Medien und Agenturen je 39 Prozent. Es handle sich um eine eher homogene Gruppe von Arbeitnehmern bis etwa 45 Jahre, die zumeist gut ausgebildet sind. Weniger gut sind ihre Arbeitsbedingungen: zumeist ein unsicheres, schwankendes und geringes Einkommen, die Arbeitsleistung sei oft sehr kurzfristig zu erbringen, Planung für viele schwierig oder unmöglich. „Arbeit auf Abruf ist für viele üblich, ebenso zu arbeiten, obwohl man krank ist“, so die GPA-DJP.

Nach Erfahrungsberichten können mittelgut verdienende Freelancer im Printbereich mit einem Jahreseinkommen von rund 30.000 Euro brutto rechnen. Für die Sozialversicherung müssen sie selbst sorgen, als Selbstständige sind sie auch nicht arbeitslosenversichert. Die freien Dienstnehmer, eine österreichische Sonderform, sind das sehr wohl. Unter ihnen haben jedoch viele einen „Umgehungsvertrag“, das heißt, die Redaktion umschifft eine Anstellung, und viele arbeiten eigentlich unselbstständig als fixe Freie in den Redaktionen. Laut Gewerkschaft werden die Umgehungen von den Beschäftigten teilweise akzeptiert, teilweise nicht. Im privaten Fernseh-Bereich habe man aber gute Erfahrungen gemacht, da seien viele Scheinselbstständige zu Angestellten geworden.

Arme Fotojournalisten

Generell scheint es europaweit so zu sein, dass es Rundfunkfreien oft besser geht und dass bei den Fotojournalisten die Situation noch zugespitzter ist als im Print- oder Online-Bereich, wie ein Rundruf ergeben hat. Gemessen an den Lebenshaltungskosten ist etwa in der Schweiz die Verdienstlage am besten in Zürich. Wie der „Schweizer Journalist“ jüngst berichtete, müssen außerhalb von Zürich in der Deutschschweiz Abschläge von bis zu 20 Prozent hingenommen werden. Außerdem sind nur in der französischsprachigen Schweiz Journalisten tarifvertraglich abgesichert, in der deutschsprachigen Schweiz dagegen nicht, berichtet Renate Schröder im Interview. Sie ist Ko-Direktorin der Europäischen Journalisten-Föderation mit Sitz in Brüssel und betreut seit mehreren Jahren die Expertengruppe für freie Mitarbeiter. In den Deutschschweizer Printmedien herrscht seit sieben Jahren ein vertragsloser Zustand. Verlegerpräsident Hanspeter Lebrument gibt zwar an, einen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) zu wollen – aber die Löhne sollen Sache der Verlage und der Mitarbeiter sein.

Deutschland hat einen (alten und neuen) Tarifvertrag, doch der wird ebenfalls unterlaufen, „die Praxis sieht oft anders aus“, so Schröder. Sie verfasste bereits vor 16 Jahren einen Beitrag mit dem Titel „The future is freelance“. Inzwischen liege der Freienanteil bei 60 Prozent. Im Deutschen Journalisten-Verband (DJV), also organisiert, sind es um die 50 Prozent. Andreas K. Bittner vom DJV und selbst freier Journalist erläutert: „Wir beobachten viele Freie an den Medienstandorten und in den Metropolen. Dort sind die Lebenshaltungskosten oft niedrig, die Jobmöglichkeiten sehr zahlreich – und die Konkurrenz ziemlich hart.“ Zudem gebe es sicherlich ein Ost-West-Gefälle in Deutschland. Viele Kollegen würden sich daher Nischen suchen. Viele Freie könnten sich nur mit zusätzlichen PR-Arbeiten das Freisein „leisten“; Ähnliches ist auch aus Österreich bekannt. Und noch etwas streicht Bittner hervor – die Familiensituation: „Viele Freie können auch wegen eines fest angestellten Zuverdieners (Ehepartner) über die Runden kommen.“

„Freelance Calculator“ in Norwegen

In den nordischen Ländern ist man hier, wie in vielen anderen Bereichen, emanzipierter. Als positivstes Beispiel wird einhellig Norwegen herausgestrichen. Hier gilt seit 2008 der „Freelance Calculator“, der den tatsächlichen Arbeitsaufwand eines Beitrages in Stunden misst und den Freelancern zu einer faireren Entlohnung verhilft. Nach Angaben von Toralf Sandåker von der norwegischen Journalistenunion könnte dieses Berechnungsmodell ganz einfach in die anderen europäischen Länder übertragen werden. In Dänemark wiederum regeln rund 30 kollektivvertragliche Vereinbarungen die Entlohnung der Freien und schützen deren Urheberrechte, berichtet Jens Rossen, gewerkschaftlicher Vertreter der Freelancer. Dennoch habe er den Eindruck, dass die Honorare in Dänemark, Schweden und Finnland sinken. Die dänischen Freelancer vernetzen sich aktiv in den Gewerkschaften, was Rossen anderen Ländern ebenso empfiehlt. Er rät zu mehr Transparenz bei den Arbeitsbedingungen und Autorenrechten, und fügt hinzu: „Moralische Rechte beschützen unsere Quellen ebenfalls.“ Mit der Moral in Bezug auf die freien Journalisten ist es jedoch insbesondere in den ost- und südeuropäischen Ländern nicht weit her. Hier wird anstelle von „Freelancer“ gerne die Bezeichnung „forcedlancers“ oder „fakelancers“ verwendet: Viele erledigen von 9 bis 17 Uhr in der Redaktion einen vollen Redakteursjob, werden aber schlecht bezahlt und müssen sich selbst sozialversichern, berichtet etwa aus der Slowakei Peter Kerlik. Von dieser Praxis erzählt auch Berhan Soner aus der Türkei. In der Slowakei wie in der Türkei haben viele freie Journalisten Zusatzjobs, damit sie finanziell überleben können. „An der Spitze der Liste der Zusatzjobs steht das Keilen von Anzeigen für die Zeitung, für die man schreibt“, so Berhan Soner. Verschärfend kommt hinzu, dass sich in der Türkei Freelance-Journalisten nicht gewerkschaftlich organisieren dürfen. Prekär ist die finanzielle Lage der freien Journalisten auch in Italien, wie Daniela Stigliano schildert: Es gibt circa 25.000 freie und 20.000 angestellte Journalisten, die Konkurrenz ist enorm. Die Hälfte der Freelancer verdiene nicht mehr als 5.000 Euro brutto im Jahr und könne daher nicht vom Journalismus allein leben; 10 Prozent kämen auf mehr als 35.000 Euro an Honorar, der Durchschnitt liege aber bei 10.000 Euro brutto im Jahr.

„Man muss auf jeden Fall von Prekariat sprechen“, fasst Renate Schröder die Lage der freien Journalisten in Europa zusammen. „Man
muss auch sagen, es gibt zu viele, und viele Journalistenschulen werben um Kandidaten, die den Job, cool‘ finden.“ Zu sagen, die Freien sollten es ablehnen, zu Dumping-Löhnen zu arbeiten, sei aber für die Gewerkschaften auch schwierig. In vielen Ländern bekomme man dann nämlich Schwierigkeiten mit den Wettbewerbsbehörden. Immerhin sehen die betriebswirtschaftlich denkenden Medienhäuser ebenso wie die gewerkschaftlichen Vertreter und die Betroffenen gleichermaßen, dass die Freien die Medien an Inhalten und Qualität bereichern. Das ist ein schwacher Trost.

Erschienen in Ausgabe 08+09/2011 in der Rubrik „Titel“ auf Seite 48 bis 51 Autor/en: Heike Hausensteiner. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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