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Praxis

Die Macht der Worte

Von Manfred Fischer

Worte erzeugen Bilder und Vorstellungen in unseren Köpfen, sie lösen Gefühle aus. Die zwei Worte „Bella Italia“ etwa – wir spüren die Sonne auf der Haut und den Sand zwischen unseren Zehen … wohliges Urlaubsgefühl entsteht. Genauso ist es, wenn über behinderte Menschen berichtet wird.

Die verwendeten Formulierungen lassen Bilder im Kopf des Lesers entstehen, Bilder von behinderten Menschen. Beispielsweise die beliebte Formulierung, jemand sei „an den Rollstuhl gefesselt“. Hinter dem Wort „gefesselt“ verbergen sich negative Bilder, die mit „Gefängnis“ oder einem „schrecklichen Schicksal“ zu tun haben. Auch eine Einschränkung der geistigen Mobilität schwingt bisweilen mit.

Daher empfinden behinderte Menschen diese Formulierung als diskriminierend. Sie sind nicht „gefesselt“! Das Verwenden eines Rollstuhls (Rollis) bedeutet für sie das genaue Gegenteil. Der Rolli bringt ihnen Mobilität und Beweglichkeit, die sie ohne ihn nicht hätten. Eine bessere Formulierung ist in diesem Zusammenhang, dass eine Person „einen Rollstuhl benützt“ oder dieser „die Mobilität eines Menschen gewährleistet“.

Verschiedene Formulierungen empfinden behinderte Menschen heute als diskriminierend. Dies hängt mit ihrem veränderten Selbstbild zusammen. Ausgehend von der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung in den USA entwickelte sich Selbstbewusstsein behinderter Menschen nachhaltig. Sie verstehen sich jetzt als selbstbewusste, selbstständige Menschen, die ihre Entscheidungen eigenständig treffen können. Natürlich ist manchmal Unterstützung gefragt (persönliche Assistenz), aber dies widerspricht dem vorher Gesagten nicht.

Eigenbild und Fremdbild sind heute oft sehr unterschiedlich. Behinderte Menschen werden von anderen meist noch als hilfsbedürftig und bemitleidenswert angesehen. Dieses unzutreffende Fremdbild kommt in unterschiedlichen Formulierungen zum Ausdruck, die von den Betroffenen als diskriminierend empfunden werden.

Welche Formulierungsfallen es beim Berichten über behinderte Menschen gibt, ist umfassend im „Buch der Begriffe“ (2003; http://www.bizeps.or.at/shop/buch_der_begriffe.pdf) dargestellt. Ich werde daher nur drei Beispiele anführen.

* In Artikeln ist immer wieder von „den Behinderten“ oder „der Behinderte“ zu lesen. „Ich bin doch in erster Linie Mensch und erst viel später behindert“, meinen behinderte Menschen dazu. Sie sind Menschen mit einem Namen, haben ihre individuelle Geschichte und ihre eigenen Lebensumstände. Werden behinderte Menschen auf das Schlagwort „die Behinderten“ reduziert, bleiben negative Einstellungen/Bilder in den Köpfen der Menschen zurück. Deshalb empfinden behinderte Menschen diese Ausdrucksweise als diskriminierend. Besser ist es, sie als behinderte/n Mann/Frau, behinderten Journalisten oder behinderten Familienvater zu bezeichnen. Gleiches gilt für blinde Menschen.

* Die Formulierung „… an einer Behinderung leiden“ wiederum suggeriert Armut, Hilfsbedürftigkeit und Leid – wieder negative Zuschreibungen. Doch die wenigsten behinderten Menschen „leiden“ unter ihrer Behinderung. Sie haben sie einfach und leben damit. Besser ist hier, dass jemand „mit einer Behinderung lebt“ bzw. „eine Behinderung hat“.

* Behinderte Menschen werden in Interviews des Öfteren mit einem vertraulichen „Du“ angesprochen, obwohl sie weit aus dem Kindesalter hinaus sind. Dies lässt den nötigen Respekt vor einem erwachsenen Gegenüber vermissen. Hier ist das „Sie“ angebracht.

An diese Verhaltensregel sollten Journalisten auch beim Umgang mit behinderten Menschen im Zuge eines Interviews denken – etwa bei Menschen mit Down-Syndrom, die im Aussehen oft kindlich bleiben. Dem respektvollen, richtigen Benehmen gegenüber behinderten Menschen ist in der kommenden Ausgabe des Benimm-Ratgebers „Alles, was Sie über gutes Benehmen wissen müssen“ von Thomas Schäfer-Elmayer ein Abschnitt gewidmet – auch hier wurden „die Zeichen der Zeit“ erkannt.

Viele im „Buch der Begriffe“ angeführte, von behinderten Menschen als diskriminierend empfundene Formulierungen finden sich in Artikeln oder Moderationstexten. Eine zunehmende Sensibilisierung der Medienkollegen ist aber feststellbar. Sehr wichtig waren in diesem Zusammenhang die „Integrativen Journalismus-Lehrgänge“ zwischen 2002 und 2004, die vom Verein „MAIN – Medienarbeit Integrativ“ durchgeführt wurden.

An diesen Lehrgängen nahmen behinderte und nicht behinderte Menschen teil. Ein Schwerpunkt der Lehrgänge lag auf der nicht-diskriminierenden Wortwahl und Schreibweise beim Berichten über behinderte Menschen und deren Anliegen. Die Lehrgangsteilnehmer absolvierten Praktika bei verschiedenen Medien und konnten so Kontakte knüpfen. Die Absolventen entwickelten nach dem Ende der Ausbildung lose Netzwerke. Ich selbst absolvierte den Lehrgang-West in Salzburg und bin noch mit einigen meiner damaligen Kollegen in Kontakt.

In dieser Zeit entstand weiters das bereits genannte „Buch der Begriffe“. Dieses listet nicht nur eine Reihe von Begriffen und Redewendungen auf, die Menschen mit Behinderungen sprachlich diskriminieren, es erklärt auch, warum dies so ist. Mit dem „Buch der Begriffe“ wurde in Österreich erstmals ein Standard für den nicht-diskriminierenden Sprachgebrauch gegenüber behinderten Menschen geschaffen.

Ein weiterer Meilenstein war die Ausrufung des Medienpreises des Österreichischen Zivil-Invalidenverbandes (ÖZIV) für herausragende journalistische Leistungen auf dem Gebiet der Berichterstattung über Menschen mit Behinderung im Arbeitsleben/in der Wirtschaft im Jahr 2006. Die Jury des Preises besteht aus Journalisten mit und ohne Behinderung. Juryvorsitzender ist Fred Turnheim, Präsident des ÖJC. Die Jury legt bei der Preisvergabe besonderen Wert auf die nicht-diskriminierende Wortwahl (Wording) und Schreibweise der Artikel und elektronischen Beiträge.

Preisträger des Medienpreises 2011 in der Kategorie Elektronische Medien war Andrea Zeidler. In ihrem Beitrag „Liebe mag ich sehr“ im ORF-Magazin „Thema“ beschreibt sie mit viel Fingerspitzengefühl das Alltagsleben von zwei selbstbewussten Menschen mit Down-Syndrom.

In der Kategorie Print erhielt Julia Ortner den Preis für ihren „Falter“-Artikel „Die Hilfsschülerin“. Sie berichtet darin über das Leben von Elisabeth Kopetzky, einer Studentin mit Down-Syndrom, der es nach Überwindung vieler Hürden gelang, an der Pädagogischen Hochschule in Baden zu studieren.

Für seinen Crossmedia-Beitrag (Internet und Print) über die Alltagshürden eines Menschen im Rollstuhl erhielt Stefan H. Mey („WirtschaftsBlatt“) eine Juryauszeichnung.

Diese Berichte sind, wie alle anderen ÖZIV-Medienpreisträger seit 2006, Vorbilder für das Berichten über behinderte Menschen im Hinblick auf die Wortwahl und Herangehensweise an die Themen.

In den vergangenen Jahren ist es gelungen, Sensibilisierungsvorträge zum Themenbereich nicht-diskriminierende Wortwahl in die Ausbildungsgänge junger Journalisten einzubauen.

Im viersemestrigen Universitätslehrgang für Sportjournalismus in Salzburg ist dies beispielsweise seit 2007 der Fall. Weiters gibt es Workshops zum Thema im Rahmen des Österreichischen Journalisten-Kollegs am Kuratorium für Journalistenausbildung in Salzburg (seit 2009) und des Grundkurses der Oberösterreichischen Journalistenakademie in Puchberg b. Wels (seit 2010). Vereinbart ist auch die Zusammenarbeit mit dem Verband katholischer Publizistinnen und Publizisten. In den drei zuletzt genannten Ausbildungslehrgängen ist der Autor selbst als Vortragender tätig.

Bezüglich des nicht-diskriminierenden Sprachgebrauchs beim Berichten über behinderte Menschen orientieren sich in letzter Zeit immer mehr Medien, leider nicht alle, an den Wünschen der Betroffenen. Hier ist noch einiges an Sensibilisierungsarbeit notwendig.

Im Artikel wurden bewusst keine negativen Beispiele aus realen Medien angeführt. Jeder kann si
e schnell selbst finden, wenn er beispielsweise die Worte „an den Rollstuhl gefesselt“ googelt.

„Die Worte der Menschen sind ein Spiegel ihres Herzens“, heißt es. Demnach sind die von Journalisten verwendeten Worte ein Abbild ihrer Denkweise über Menschen mit Behinderung. Der Leser kann daraus ablesen, ob er sie als bemitleidenswerte Geschöpfe oder als selbstbewusste, selbstständige und eigenverantwortliche Mitmenschen sieht.

Erschienen in Ausgabe 08+09/2011 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 126 bis 127 Autor/en: Manfred Fischer. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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