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Special Agenturen

Die Stimme Italiens verlässt Österreich

Von Hermine Schreiberhuber

Für Österreich ist im Sommer ein Medienkapitel zu Ende gegangen. Das traditionelle Wiener Büro der italienischen Nachrichtenagentur ANSA, die seit dem Zweiten Weltkrieg in Österreich präsent war, hat still und leise seine Pforten geschlossen. Die Nachrichtenmacher in Österreich sind bestürzt, während sich die ANSA-Chefs in Rom in Schweigen hüllen. Faktum ist: Der Medienstandort Wien erleidet einen schweren Verlust.

Die Agenzia Nazionale Stampa Associata (ANSA) wurde 1945 in Rom gegründet. Ähnlich wie die APA in Österreich ist die italienische Nachrichtenagentur eine Genossenschaft, der die wichtigsten Tageszeitungen des Landes angehören. Im Ausland unterhielt die ANSA bisher ein Netz von rund 80 Büros.

Das Regionalbüro der ANSA in Wien, das sechs weitere Länder mitbetreute – Polen, Ungarn, Tschechien, die Slowakei, Rumänien und Bulgarien – wurde aufgrund von Sparmaßnahmen geschlossen, die den ganzen Mediensektor Italiens betreffen. Im Zuge der Finanzkrise wurde in Rom ein Sanierungsplan gebilligt. Eine Kürzung der öffentlichen Gelder für die Agentur bedeutete vor allem Einschnitte im Netz der Auslandskorrespondenten. Das Wiener ANSA-Büro war eines der Opfer.

Eine Stellungnahme aus der ANSA-Zentrale in Rom zur Schließung war trotz mehrmaligen Nachfragens nicht zu erhalten. Telefonische und Mail-Anfragen blieben unbeantwortet. Die Stimme Italiens in Wien ist mitten im Sommer verstummt. Nur die kleine Nachrichtenagentur ADNKRONOS aus Rom hat jetzt noch einen Mitarbeiter an der Donau. Besonders schmerzlich dürfte die Schließung für Flaminia Bussotti sein, die langjährige ANSA-Korrespondentin in Wien. Sie war für zwei längere Perioden in der Bundeshauptstadt und entwickelte eine besondere Affinität zu Österreich und dem mitteleuropäischen Raum. 1987 begann Bussotti ihre Auslandskarriere für die ANSA in Wien, 2005 kehrte sie nach zehnjähriger Tätigkeit in Berlin von der Spree an die Donau zurück.

2005 zog die ANSA mit der APA vom IPZ an der Donaulände zum Naschmarkt, wo etliche ausländische Nachrichtenagenturen, unter ihnen auch AP und dpa, im neuen APA-Gebäude Büros einrichteten. Als die APA 2009 den Vertrag kündigte, da sie die Räumlichkeiten selbst benötigte, bezog die ANSA ein Büro in der Innenstadt. Diese letzte ANSA-Vertretung wurde jetzt nach nur zwei Jahren Betrieb dichtgemacht.

Wie sieht für Rom die künftige Berichterstattung über das Nachbarland Österreich aus? Eine definitive Entscheidung steht derzeit noch aus, soll aber demnächst fallen, war zu erfahren. In der Übergangszeit sind die sieben Länder des aufgelösten Wiener Regionalbüros provisorisch unter anderen ANSA-Auslandsbüros aufgeteilt – wie Österreich unter Deutschland – oder werden von der Zentrale in Rom betreut.

Der Austausch der Nachrichtendienste zwischen APA und ANSA wird nach Auskunft des APA-Vizegeschäftsführers Konrad Tretter künftig zwischen den Zentralen in Wien und Rom erfolgen. Die technischen Direktverbindungen zwischen den beiden Partneragenturen gehen auf die Jahre 1984/85 zurück. Der Bezug osteuropäischer Agenturen, welche bisher via APA an das Wiener ANSA-Büro gingen, ist hingegen bereits eingestellt worden. Eine Audio-Kooperation zwischen ANSA, APA und dem REWE-Konzern wird laut Tretter fortgesetzt.

Einst Drehscheibe für Mittel- und Osteuropa

Lang, lang ist’s her. Vor Jahren war Wien für die italienischen Medien eine wichtige Drehscheibe bilateraler und internationaler Politik. Kalter Krieg, Aushandlung des Südtirol-Pakets, Sitz von UNO-Organisationen und Abrüstungsverhandlungen (KSZE), Öffnung Osteuropas, das sind nur einige Beispiele. Ein Korrespondent des staatlichen RAI-Fernsehens war in Wien stationiert, ebenso Korrespondenten bedeutender Zeitungen wie „La Stampa“, „Corriere della Sera“, „Repubblica“, „Il Popolo“; sogar der „Corriere dello Sport“ hatte einen Mitarbeiter vor Ort.

Mittendrin die ANSA. In den 1980er-Jahren war das Wien-Büro mit zwei Korrespondenten besetzt, die Österreich und zwei Nachbarstaaten betreuten. Später, bis zur jetzigen Schließung, war die Chefin des hiesigen Regionalbüros als alleinige Korrespondentin auch für sechs mittel-osteuropäische Länder zuständig. Das Interesse der Nachrichtenagenturen an politischen News hat inzwischen generell abgenommen.

Chronik und Kultur standen zuletzt auch im Fokus der ANSA-Berichterstattung aus Wien. Auf dem Kultursektor wird für die Italiener künftig eine wichtige Stimme aus Österreich verstummen. Vor allem die Musik war Bussotti ein großes Anliegen. Die Dirigentenstars Riccardo Muti und Claudio Abbado sind in Österreich oft zu Gast. Muti wurde jüngst bei den Salzburger Festspielen groß gefeiert, Abbado gastierte im September im Wiener Musikverein. Zwei Drittel der Künstler an der Staatsoper sind Italiener. Bussotti war immer dabei, wenn ihre Landsleute brillierten, und berichtete darüber nach Rom.

Bei der Durchsicht der Annalen des Verbandes der Auslandspresse sticht ins Auge: Die ANSA in Wien hatte wenige, aber einprägsame Gesichter. Sie alle waren mit Österreich eng verbunden. Giovanni D’Alo war von 1955 bis 1975 ANSA-Korrespondent in Wien, Luciano Cossetto leitete das Büro 1976 bis 1982, Roberto Papi 1983 bis 1990. Diesem folgte Bussotti 1990 als Büroleiterin, die dann 1995 nach Berlin wechselte und im Oktober 2005 wiederkam. Drei Mal standen italienische Journalisten an der Spitze des Verbandes der Auslandspresse.

Medienstandort Wien verliert an Bedeutung

Der stetige Abzug von Korrespondenten wirft ein Schlaglicht auf die sinkende Bedeutung des Standortes Wien. Die Situation habe sich im Lauf der Jahre stark geändert, meint der Geschäftsführer des Verbandes der Auslandspresse in Wien, Dimitris Dimitrakoudis. „Durch die Öffnung des Ostens hat Wien als Sprungbrett für die Berichterstattung verloren.“ Während der Vorbereitung des EU-Beitritts der Oststaaten war das Interesse noch groß. Bis 2004 wurden von Wien aus noch viele Korrespondenten ausgeschickt. Westliche Medien sandten Mitarbeiter gen Osten, osteuropäische coverten von Wien aus Deutschland und die Schweiz. Das ist vorbei.

Diese Entwicklung schlägt sich in einem schrumpfenden Mitgliederstand nieder. In den 1980er- und 1990er-Jahren hatte der Verband der Auslandspresse noch rund 400 Mitglieder, mehr als doppelt so viele wie heute. Nach der Ostöffnung ist die Zahl der in Österreich stationierten Korrespondenten drastisch gesunken. Heute zählt die Organisation der Auslandsjournalisten in Österreich nur mehr circa 130 Mitglieder.

Dimitrakoudis stellt kritisch fest, dass seitens des offiziellen Österreich wenig getan wurde, um dieser Entwicklung entgegenzusteuern. Ein geplantes Pressezentrum sei nicht zustande gekommen, der Bundespressedienst in der alten Form zerschlagen worden. „Unter Schwarz-Blau waren die Auslandsmedien nicht so gern gesehen.“ Dabei hätten sich gerade die hier stationierten Korrespondenten damals bemüht, das Bild über Österreich im Ausland zurechtzurücken.

APA: Verlust für den Qualitätsjournalismus

Zutiefst bedauert wird der Abgang der ANSA aus Wien in der Chefetage der APA, mit der die italienische Nachrichtenagentur lange Jahre unter einem Dach lebte – seit den gemeinsamen Jahren in der Börse gleich nach dem Krieg. Für Chefredakteur Michael Lang ist es „ein schwerer Schlag“. Sein Fazit: „Wenn ein Korrespondent zusperrt, schwächt das den Medienstandort Österreich.“ Zugleich gehe damit ein Stück Qualitätsjournalismus verloren. Wenn ein solches Büro von Wien aus noch eine Reihe östlicher Länder mitbetreute, „ist das doppelt bitter“. Last, but not least: „Gute Kollegen sind gleichzeitig gute Freunde.“

Der APA-Chefredakteur sieht aber noch eine andere Gefahr im Verzug, nämlich „dass Agenturen ihre Kommandostände nach Osteuropa verlegen“, etwa nach Warschau. Es gebe einen Trend, Büros im Osten zu stärken, die früher „Appendices“ anderer Büros waren, so Lang. Dies geschehe offenbar aus Kostengründen, da der Osten billigere Standorte biete als Wien.

Erschienen in Ausgabe 08+09/2011 in der Rubrik „Special Agenturen“ auf Seite 90 bis 93 Autor/en: Hermine Schreiberhuber. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt di
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