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Special Agrar

EHEC: Gemüse- oder Medienkrise?

Von Oskar Wawschinek

Die Rolle von Journalisten in der Krisenkommunikation.

Was haben eine Aesop zugeschriebene Fabel über Wölfe, die EHEC-Gurken-Krise und Journalisten miteinander zu tun? Auf den ersten Blick nichts. Auf den zweiten Blick besteht die Gemeinsamkeit im Umgang mit Botschaften. In der Fabel macht sich ein Hirtenjunge einen Spaß daraus, immer wieder falsche Warnungen vor einem Wolfsangriff auf seine Herde auszurufen. Als der Wolf wirklich angreift, glaubt ihm kein Dorfbewohner mehr und niemand kommt ihm zu Hilfe. In unserer heutigen Mediengesellschaft würde der Hirtenjunge wahrscheinlich eine Pressekonferenz geben, seine Warnungen twittern und seinen Facebook-Status immer wieder auf „Wolfsangriff“ ändern. „Killer-Wölfe“, „Das Ende der naturnahen Schafwirtschaft“ und „Horrende Preissteigerungen bei Schaffleisch durch Wolfsattacken“ würden als Schlagzeilen vermutlich tagelang das Land erschüttern. Sind Vogel- und Schweinegrippe, BSE, SARS und EHEC die modernen Wölfe, vor denen zuerst intensiv gewarnt wurde und vor denen mittlerweile auch keiner mehr Angst hat, weil wir es alle hinterher besser wissen? Und welche Rolle spielen dabei Journalisten? Gerne sehen sie sich selbst als verantwortungsvolle Informationsvervielfältiger, die ihrem hehren Auftrag nachkommen, Leser, Hörer und Seher zu informieren. Kritiker behaupten, sie versuchten nur mit allen erdenklichen Mitteln, statistisch beeindruckende Steigerungen ihrer Medien zu produzieren, die wiederum Grundlage für Schaltungen der Werbewirtschaft darstellten. Und die Wahrheit? „Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit“, wenn man dem römischen Dichter Aulus Gellius, Francis Bacon und Andreas Khol (und der Google-Internetrecherche) glauben darf.

Krisenkommunikation und Krisenmanagement sind unter diesen – zugegebenermaßen überzeichneten – Rahmenbedingungen komplexe Herausforderungen für Kommunikationsspezialisten und Verantwortungsträger. Erfolgen Warnungen erst nach Abklärung von Fakten zeitverzögert, wurde „eine Gefahr vertuscht“, ist nichts Ernstes passiert, wurde „übertrieben und unnötig Panik verursacht“, und passiert etwas, wurde grundsätzlich „die Bevölkerung zu wenig und zu spät informiert“. Das richtige Maß in der Kommunikation zu finden, ist also wirklich nicht leicht. So erklärt sich auch, warum das Thema EHEC zu einer veritablen Krise heranwachsen konnte. Denn eine Regel der Krisenkommunikation lautet: One face to the public – eine Person spricht nach außen. Im Fall von EHEC jagten einander die Statements von Verantwortlichen in Deutschland im Stundentakt. Föderale Strukturen und ein fehlendes zentrales Instrument für Krisenmanagement auf Bundesebene führten zu einer Spirale von Verdachtsmomenten und laufend aktualisierten neuen „Verdächtigen“. Rindergülle, (Bio-)Gurken, Salat, Paradeiser, Sprossen – die Liste ist lang. Das österreichische Gesundheitsministerium hat aus der Causa „Listerien im Käse“ gelernt und – im Gegensatz zu unseren deutschen Nachbarn – durchaus professionell agiert, wenn es auch der hereinbrechenden Medienwelle von „Killer-Gemüse“ und „Todes-Gurken“ nichts entgegensetzen konnte.

Menschen wollen sich fürchten, weil es evolutionär gesehen besser war, Angst zu haben, als mutig auf den Säbelzahntiger zuzugehen. Der Dortmunder Statistik-Professor Walter Krämer zeigt in seinem neuen Buch „Die Angst der Woche“ auf, dass sich Menschen heute aber oft vor den falschen Sachen fürchten. Seiner Ansicht nach sind daran auch Medien schuld, die Ängste schüren, indem sie Fakten verzerren und oft über das relative, aber nicht das absolute Risiko berichten. Die Information lautet dann z. B. „Krebsrisiko durch xy verdoppelt“ statt „xy steigert Krebsrisiko von 0,001 auf 0,002 Prozent“.

Die Menschen fürchten sich daher nicht vor dem Auto- oder dem Skifahren, aber vor den (später exkulpierten) Gurken, obwohl die nackten Zahlen eine andere Sprache sprechen: Berichte über Verkehrstote (mehr als 500 allein in Österreich) sehen anders aus als über Tote beim Skifahren (63 in A) oder durch EHEC (36 in D). Kritik an der Rolle der Medien wird aber von Journalisten und Herausgebern abgeschmettert: Es sei ihre Pflicht, Menschen zu informieren, und Ereignisse an der Zahl der Toten zu bemessen, sei zynisch. Das stimmt: Jeder Tote ist zu beklagen. Aber die Rolle der Medien im Umgang mit Risiko und Toten zu hinterfragen, muss erlaubt sein.

Das Wörtchen „Informationspflicht“ ist oft nur ein Feigenblatt, hinter dem sich andere Muster verstecken, die schon vor Jahren eine BBC-Journalistin britisch trocken mit „Peers, fears, tears“ („Kollegen, Ängste, Tränen“) beschrieb. Gemeint ist damit: Jeder Journalist will eine Geschichte vor allen anderen berichten – möglichst „exklusiv“. Das sichert dem Medium – und oft genug dem Berichterstatter – Aufmerksamkeit und manchmal sogar Auszeichnungen, die ihm dafür verliehen werden. Ängste (fears) der Menschen anzusprechen – besonders diffuse oder tief verwurzelte –, spielt mit Reaktionen von Sensationslust bis zum (angenehmen) Gruseln. Daher gibt es dann „Todes-“, „Killer-“, „Horror-“, „Schreckens-“, „Panik-“ und „Alarm“-Meldungen, -Keime oder eben -Gurken und -Sprossen. Und Tränen (tears) bringen über Emotionen mehr Schlagzeilen als jede noch so gute Sachinformation. Denn berichtet wird meist über Ausnahmen, nicht die Regel: Ein Zwischenfall bei zwei Millionen Impfungen, ein Fehler unter Hunderttausenden erfolgreichen Eingriffen im Spital. Die Grenze zwischen Boulevard- und Qualitätsmedien ist oft leider nur mehr sehr schwach zu erkennen.

Die Zeit ist reif für Risiko- statt Krisenkommunikation. Das bedeutet, vor einer Krise über mögliche Risiken und Wege zu deren Minimierung zu berichten, ohne in Sensationslust zu verfallen. Ein Beispiel: Im Zoonosenbericht der AGES, frei verfügbar im Internet, ist nachzulesen, dass jedes Jahr in Österreich an EHEC/VTEC zwischen 40 (2001) und 91 (2009) Menschen erkranken und 2009 davon immerhin 13 an HUS, der schweren Form. Darüber hat aber kein Medium berichtet. Dabei wäre bereits vor den EHEC-Gurken Aufklärung über mögliche Risiken durch Bakterien und die Wirkung von Hygienemaßnahmen wie z. B. simples Händewaschen möglich gewesen. Ist ein Risiko geringer, wenn die Medien das öffentliche Augenmerk nicht darauf richten? Sicher nicht. Nur die Risikowahrnehmung der Menschen ist unterschiedlich. Autofahren halten wir für ungefährlicher als Fliegen, obwohl jeden Tag in Österreich Menschen bei Unfällen sterben. Denn beim Auto hat man es selbst in der Hand, während man sich beim Fliegen auf die Piloten verlassen muss. Statistisch gesehen ist das aber falsch. Und Lebensmittelsicherheit schätzen viele Menschen ähnlich falsch ein.

Denn: Unsere Lebensmittel sind so sicher wie noch nie vorher in der Geschichte. Jeder Hersteller muss mit einem Eigenkontrollsystem nachweisen können, dass seine Lebensmittel sicher sind. So kontrollieren Betriebe und Lebensmitteleinzelhandel laufend auf eigene Kosten die Qualität der Rohstoffe und fertigen Produkte – entweder in betriebseigenen oder bei akkreditierten externen Qualitätslabors. So erklärt sich, dass allein die LVA, das größte private Labor in Österreich mit rund 45.000 Proben pro Jahr, um circa 30 Prozent mehr Proben untersucht als die amtliche Kontrolle. Nimmt man noch weitere private und die betriebseigenen Labors dazu, ist der Wert noch viel größer. Die amtlichen Untersuchungen sind dann nur mehr eine Überkontrolle, die risikobasiert und stichprobenartig erfolgt.

Aber die beste Kontrolle kann weder gesunden Menschenverstand noch ausreichende Hygiene ersetzen. Besonders wichtig ist das bei Lebensmitteln, die roh, also ohne Erhitzen, verzehrt werden, wodurch Keime abget

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