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Beruf und Medien

Eingebettet im Krieg

Von Florian Danner

Wer die Chance bekommt, als „embedded journalist“ in Afghanistan den Kriegsalltag hautnah mitzuerleben, wird kaum ablehnen. Auch wenn es journalistische Gefahren birgt, berichtet Puls-4-Journalist Florian Danner.

Sie lachen, sie tanzen und sie singen laut mit, als die Band den Cranberries-Hit „Zombie“ anstimmt. Ein absurdes Bild im Kriegsgebiet, beim Barbecue der Afghan Foreign Press Association. Reporter aus der ganzen Welt, die gerade in der afghanischen Hauptstadt Kabul vom Krieg berichten, grillen Lamm im schwer gesicherten Gandamack-Hotel und shaken zu „With their tanks and their bombs and their guns, in your head, they are fighting“. Wir fünf feiern mit und versuchen, den letzten Abend als „embedded journalists“ im Afghanistan-Krieg noch voll auszukosten.

Zwei Zeitungsreporter aus Italien und Island, ein Radiojournalist aus Litauen, ein TV-Kollege aus Bulgarien und ich als österreichischer Vertreter waren sieben Tage lang bei der täglichen Arbeit der ISAF, der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan unter dem Kommando der USA, in der täglichen Kriegsroutine eingebettet. Die US-Botschaften unserer Länder haben uns dafür nominiert – überraschend und kurzfristig, denn aus Sicherheitsgründen durften wir im Vorhinein nicht allzu viel wissen. Nur so viel: zuerst ein Flug nach Brüssel zum inoffiziellen Briefing im NATO-Hauptquartier, dann über Dubai nach Kabul. „Aber sie werden nicht alle Nächte dort verbringen“, heißt es in der Ankündigungs-E-Mail nur knapp.

Etwas mehr hat uns die U.S. Army auf die Gegebenheiten in Afghanistan vorbereitet. „Es gibt keine Bankomaten in Kabul, also bitte nehmen Sie genug US-Dollar mit“, war etwa einer der Ratschläge. Auch auf den Verzicht auf Stöckelschuhe sowie Kleidung mit eindeutigen Aufschriften wie „Absolut Vodka“ werden wir vor der Abreise hingewiesen. Und ja, wir sollten auch eigenes Toilettenpapier mitnehmen und ständig bei uns behalten – ebenso ein Vorab-Rat, der sich als sehr nützlich erweist.

Beim Foreign-Press-Barbecue am letzten Abend greift nur die italienische Kollegin zu. Der Rest unserer Fünfergruppe bestellt sich einen Teller Reis, zu sehr sind unsere Mägen angeschlagen – von einer leichten Verstimmung bei den Kollegen bis hin zur Lebensmittelvergiftung bei mir. Aber ein Arzt in Kabul klärt uns auf: „Das kann das Wasser sein, irgendwas im Essen, vielleicht aber auch einfach nur ein Bakterium in der Luft, das ihr Europäer nicht vertragt.“

Dabei kriegen wir als „embedded journalists“ vom wahren Leben in Afghanistan bei Weitem nicht die volle Härte mit. In die normalen Alltagsgegenden von Kabul kommen wir nur geschützt im Auto der amerikanischen Botschaft. Einfach dort aussteigen, wo wir filmen, fotografieren oder Menschen interviewen möchten, spielt es nicht. Zu gefährlich sei das, sagen unsere Begleiter von der U.S. Army. Der tödliche Anschlag auf das Intercontinental-Hotel in Kabul ist zum Zeitpunkt unseres Besuchs erst ein paar Tage her, die Sicherheitsstufe seither noch nicht herabgesetzt.

Und da bekommen wir es auch gleich am ersten Tag mit der Angst zu tun: Wie aus heiterem Himmel stoppt die afghanische Polizei unser Auto. „Bleibt ruhig, macht aber ja nicht die Türen auf oder lasst die Fenster runter“, rät unsere Militärbegleiterin. Fast eine Stunde sitzen wir im Auto, das mitten auf der Straße steht, flankiert von mehreren Polizisten und ein paar schwerstbewaffneten Sicherheitskräften, die wir nicht zuordnen können. Es stellt sich heraus, dass die Polizisten einfach Geld gebraucht und uns als offensichtliche Europäer als leichtes Opfer angesehen haben. Ihre falsche Behauptung: Ihr habt das Geheimdienst-Gebäude gefilmt, dafür sollt ihr blechen. Nach gut 50 Minuten und mehreren heftigen Telefonaten kommt dann ein Mitarbeiter der US-Botschaft und verhandelt uns bei den Polizisten frei. Trotzdem: Ein erster Eindruck vom korrupten Kriegsland bleibt.

„Welcome to Afghanistan“, kommentiert ein langjähriger Korrespondent aus England trocken, als wir ihm beim Foreign-Press-Barbecue von diesem Erlebnis erzählen. Die Band hat inzwischen die Lautstärke merkbar nach oben gedreht und wir fragen den Kollegen, ob es nicht ein Risiko ist, wenn Attentäter möglicherweise die westliche Musik aus dem Hotelgarten bis auf die Straße hören. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass das Hotel hier nicht im Wohngebiet liegt und deswegen am Abend kaum Verkehr ist. Dadurch können die Sicherheitsleute des Hotels alle Autos besser im Auge behalten.

Ungeschlagen in Sachen Sicherheitsvorkehrungen ist aber das Hauptquartier der ISAF, wo unter anderem auch General Allen stationiert ist. Er hat zum Zeitpunkt unseres Besuchs seine ersten Tage als Oberkommandierender der Streitkräfte in Afghanistan hinter sich. Nicht nur, dass der Gebäudekomplex in einer Art „Green Zone“ von Kabul liegt, wo sowieso jedes Auto und jeder Fußgänger kontrolliert wird. Bis wir im begrünten Hof des ISAF-Quartiers sind, müssen wir durch neun Sicherheitsschleusen samt Leibesvisitation, Metalldetektoren und Hochsicherheits-Pässen. Dort können wir dann aber viele Stunden mit Militärmenschen – von Generälen bis einfachen Soldaten – verbringen, die uns Informationen über den Krieg geben, die eben nur ein Journalist vor Ort kriegen kann. Da hören wir etwa durchaus auch Kritik an der eigenen Kommandostrategie. Da wird nicht alles schöngefärbt, so wie wir das eigentlich erwartet hätten, wenn eine Militärtruppe Journalisten einbettet, für die meisten Kosten aufkommt und dafür vielleicht auch mit ein bisschen guter PR rechnet. Die wirklich guten und ehrlichen Aussagen wollen die Soldaten zwar nicht vor unserer Kamera preisgeben, aber das kennen wir ja auch von österreichischen Politikern, Beamten und Experten, ist also nichts Überraschendes. Und „off the record“-Informationen sind ja trotzdem viel wert, auch wenn wir „embedded journalists“ uns was einfallen lassen müssen, damit wir die auch in unsere Reports einfließen lassen können.

Zum Dessert beim Foreign-Press-Barbecue diskutieren wir, was wir mit den vielen Hintergrund-Informationen anstellen, die wir in den letzten Tagen bekommen haben. Und ein langjähriger Kriegsreporter aus den USA fragt uns, ob wir denn zufrieden seien mit unseren Erfahrungen als „embedded journalists“. „Jeder weiß, dass du vielleicht nur eine Seite der Medaille siehst, wenn du ‚embedded‘ bist. Natürlich wollen die Militärs da ihre positivsten Projekte zeigen“, prescht Tomas Dapkus, der Kollege vom litauischen Radio LRT, vor. Aber das sei ja ihr gutes Recht, genauso wie es des Journalisten gutes Recht sei, daraus journalistisch das zu machen, was er für die objektive Wahrheit hält.

Rolla Scolari, die Kollegin vom italienischen „Il Giornale“, spricht uns allen aus der Seele: „Ich hätte gern noch mehr von Afghanistan gesehen. Eigentlich hätten wir ja mehrere Nächte außerhalb von Kabul verbringen sollen, aber wegen der aktuellen Sicherheitslage mussten unsere Militärflüge kurzfristig abgesagt werden.“ Und Stígur Helgason vom isländischen „Frettabladid“ wirft ein: „Wir waren gut auf die Sicherheitsprobleme vorbereitet und haben sogar eine Reihe von Formularen unterschreiben müssen, dass unsere Angehörigen zum Beispiel im Fall unseres Todes keine Ansprüche erheben. Das ringt einem vorweg schon Respekt ab.“ Aber Rosen Tsvetkov vom bulgarischen TV-Sender BNT scherzt: „Ich bin nur froh, dass sich die Vorwarnung der U.S. Army als falsch herausgestellt hat, dass 80 Prozent des eingecheckten Gepäcks am Flughafen Kabul verloren ginge. Ich hab’s als Einziger von unserer Gruppe ausprobiert und meine Koffer eingecheckt und zum Glück habe ich alles wieder.“

Inzwischen gehören wir zu den letzten Journalisten beim Foreign-Press-Barbecue, die noch nicht auf der Tanzfläche sind. Bei „Walking on sunshine“ können auch wir uns nicht mehr halten, tanzen ebenfalls und singen bei der Textzeile „Time to feel good“ besonders l
aut mit. Bis es auf einmal wie aus dem Nichts heraus völlig still wird. Der Strom ist ausgefallen, wie das so oft passiert in Afghanistan. Er kommt auch nicht so schnell wieder. Und allen ist doch wieder klar: Wir sind in einem Kriegsland und morgen geht die Arbeit als Reporter weiter. Auch wenn wir das für ein paar Momente fast vergessen haben.

Erschienen in Ausgabe 08+09/2011 in der Rubrik „Beruf und Medien“ auf Seite 82 bis 87 Autor/en: Florian Danner. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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