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Beruf und Medien

Gesprächsbedarf

Von Martin Langeder

Konzepte, Moderatoren, Themen: So funktionieren die politischen TV-Talkshows.

Die einen loben sie als informative Ersatzparlamente, die anderen verdammen sie als fade Dauerlaberrunden: die politischen TV-Talkshows. Unangefochtener Marktführer hierzulande ist die ORF-Diskussion am Sonntagabend, die 1995 mit dem Titel „Zur Sache“ startete und heute unter „Im Zentrum“ firmiert. Doch damit scheint der Gesprächsbedarf noch nicht gestillt – seit 2009 ziehen die drei größten Privatsender nach: ATV lädt zu „Am Punkt“, Puls 4 lässt bei „Pro und Contra“ diskutieren und ServusTV begrüßt zum „Talk im Hangar-7“. Die ORF-Formate „Club 2“ und „Contra – der Talk“ komplettieren das Angebot von Sonntag bis Donnerstag. Eine Umfrage bei den Machern zur Auswahl der Gäste, zu Sternstunden – und zum Büfett danach:

Wie aus dem Lehrbuch für Talkshows funktioniert „Im Zentrum“: Ein Thema, eine Gastgeberin, meistens fünf Gäste im Halbkreis. Markante Änderung nach dem Relaunch im Jänner 2011: Es gibt wieder Studiopublikum, wenn Politiker und Experten über tagesaktuelle Aufreger diskutieren. „Die Promi-Gäste, die Entscheidungsträger, die Betroffenen: Sie alle machen ‚Im Zentrum‘ zum relevanten wöchentlichen Polittalk“, sagt Redaktionsleiter Robert Stoppacher. Im 2007 wiederbelebten „Club 2“ verschiebt sich die Diskussion von der Tagespolitik hin zu gesellschaftspolitischen Fragen, über die sich bis zu sechs Gäste – ohne vorher feststehende Sendelänge – austauschen. Auf junges Publikum zielt seit März 2011 „Contra – der Talk“, bei dem via Videochatfenster auf einer sogenannten Facewall die Zuschauer eingebunden werden. Auf die Beteiligung der Zuschauer setzen die Macher von „Am Punkt“ bei ATV: Per E-Mail, Video, Facebook oder Twitter können sie sich seit dem Start der Sendung im September 2009 in die Live-Diskussion einklinken. Zusätzlich verfolgt ein Journalist oder Experte die Debatte der meist vier Gäste. „Er analysiert am Ende die Aussagen: Wer hat seine Sache glaubwürdig vertreten – wer hat nur um den heißen Brei geredet?“, erklärt Alexander Rosenberg, Leiter von „Am Punkt“. In drei Teile gliedert sich die im April 2011 gestartete Sendung „Pro und Contra“ auf Puls 4: Den Anfang macht ein Statement eines Experten oder Betroffenen. Anschließend folgen die Pros und Contras der vier Gäste. Zum Schluss kann das Publikum seine Meinungen, Fragen und Kritik einbringen. Weniger konfrontativen Meinungsaustausch, dafür mehr gehaltvolle Gespräche will der „Talk im Hangar-7“ bei ServusTV bieten, der im Oktober 2009 erstmals ausgestrahlt wurde. „Wir fordern unsere Zuschauer zum Mitdenken auf“, sagt Thomas Schmidle, der Sendungschef. „Das führt dazu, dass unser Format zeitweise anstrengender wirkt als andere. Gleichzeitig freuen wir uns, wenn unsere Experten am Podium beginnen, sich gegenseitig Fragen zu stellen.“

Bei „Im Zentrum“ wechseln sich Talk-Spezialistin Ingrid Thurnher und „News“-Chefredakteur Peter Pelinka ab. Thurnher moderiert 42 Mal pro Jahr, Pelinka übernimmt zehn Ausgaben. Eine bunte Moderatorenriege begrüßt abwechselnd zum „Club 2“: Schriftsteller Michael Köhlmeier, „News“-Ko-Chefredakteurin Corinna Milborn, Ex-„Kurier“-Chef Peter Rabl, Autorin Eva Rossmann, Renata Schmidtkunz (ORF) und Rudolf Nagiller (ORF). Österreichs jüngstes Talkformat „Contra – der Talk“ präsentiert Mari Lang, die von FM4 kommt. Bei ATV moderiert derzeit Meinrad Knapp, der die schwangere „Am Punkt“-Gastgeberin Sylvia Saringer vertritt. Bei Puls 4 führt Manuela Raidl nach ihrem Einsatz im täglichen Vorgänger-Format „Talk of Town“ durch die wöchentliche „Pro und Contra“-Sendung. Bei ServusTV ist ein Rad aus fünf Moderatoren im Einsatz: Ruprecht Eser (ehemals ZDF), Fritz Pleitgen (Ex-WDR-Intendant) und Johannes Willms (Historiker und Journalist), Helmut Brandstätter („Kurier“-Chefredakteur) und Judith Hardegger (Schweizer Fernsehen). Bei Spezialthemen übernehmen Gastmoderatoren, zum Beispiel während der Salzburger Festspiele Literaturkritiker Hellmuth Karasek und Ioan Holender, Staatsoperndirektor außer Dienst.

Von praktisch-funktional über futuristisch bis hin zu loungig reicht die Bandbreite der Interieurs der Talks. „Im Zentrum“ übersiedelte Anfang 2011 vom Haas-Haus in der Wiener City ins kostengünstigere ORF-Foyer am Küniglberg, wo seither auf weißen Sitzmöbeln und vor 40 Gästen getalkt wird. Im „Club 2“ sitzen die Teilnehmer der Runde auf beigen Sofas und bei gedimmten Licht. Bei „Contra – der Talk“ stehen sich die Diskutanten an einem Glastisch gegenüber, hinter ihnen flimmern die Videochat-Fenster der Zuschauer. Ebenfalls ohne Publikum an einem runden Stehpult diskutieren in den ATV-Studios die Gäste von „Am Punkt“; aus einem separaten Studio klinkt sich ein Experte zur Analyse ein. Im Sitzen lässt wiederum Puls 4 bei „Pro und Contra“ argumentieren, 20 Zuschauer verfolgen die Sendung im Studio. Die aufwendigste Kulisse bietet ServusTV: Inmitten von historischen Flugzeugen und vor bis zu 100 Gästen (sowie von Red Bull gesponserten Getränken) findet der Talk im Hangar-7 auf dem Salzburger Flughafen statt; musikalische Akzente setzt die Band Sonic Interiors. Seit 2011 sendet Österreichs jüngster Privatsender seinen Talk außerdem einmal im Monat aus dem Atrium der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ in Berlin.

Jede Diskussion steht und fällt mit den Diskutanten, dementsprechend viel Aufwand betreiben die Macher bei der Auswahl ihrer Gäste: Schon zu Wochenbeginn legt die „Im Zentrum“-Redaktion mehrere Themen und mögliche Gäste für die Sendung am kommenden Sonntag fest. Entschieden wird am Donnerstag oder Freitag, je nach Aktualität kurzfristig auch erst am Samstag oder Sonntag. In Vorgesprächen werden die 15 bis 20 angefragten Personen aus dem In- und Ausland über das Thema und die Mitdiskutanten informiert, ehe die Gästeliste von der Chefredaktion abgesegnet wird, wie Robert Stoppacher berichtet. Ähnlich ist das Prozedere bei „Club 2“, „Contra – der Talk“ sowie bei ATV und Puls 4. Bis zu einem halben Jahr Vorlauf gönnt sich ServusTV, um hochkarätige Gäste, zumeist Wissenschaftler, nach Salzburg zu lotsen. Thomas Schmidle: „Es gab schon Sendungen mit bis zu 90 Anfragen, um eine starke Runde zusammenzustellen.“ Eines ist bei „Talk im Hangar-7“ tabu: Aktive Berufspolitiker dürfen nicht aufs Podium. Honorar bekommen die Talkgäste in Österreich keines, allenfalls Reisespesen werden übernommen. Ausnahme: ServusTV zahlt, sofern gewünscht, bei zeitaufwendigen Anreisen eine Aufwandsentschädigung von 300 Euro.

Ob „Im Zentrum“, „Club 2“ oder „Contra – der Talk“: Aktualität ist Trumpf. Robert Stoppacher: „Die Zuschauer schalten ein, um bei den großen Themen der Woche mitreden zu können. Für alle drei Formate gilt: Hier passiert’s einfach.“ Ebenfalls auf die aktuellen Top-Themen aus Politik, Wirtschaft oder Chronik setzt die Redaktion von „Am Punkt“ bei ATV. In der Saison 2011/12 wird es, wie Alexander Rosenberg ankündigt, redaktionell unabhängige Sondersendungen in Kooperation mit der EU-Kommission und dem EU-Parlament geben. Nicht nur polarisieren sollen die Gäste und die Themen bei „Pro und Contra“, sagt Redaktionsleiterin Sandra Mrkwa. „Sie sollen gleichzeitig auch Bauch und Hirn der Zuseher ansprechen.“ Als Beispiel nennt sie die Diskussion um die Milliardenhilfen für Griechenland: „Hier mischen sich Wut auf unfähige Politiker und Angst vor der Zukunft unserer Währung mit dem Verlangen
, mehr über mögliche Auswege zu erfahren.“ Auf einen „ausgewogenen Mix aus aktuellen, kulturellen, politischen, wirtschaftlichen, philosophischen sowie gesellschaftsrelevanten Themen wie Bildung oder Gesundheit“ vertraut ServusTV und wagt sich auch mal an Themen, die sonst selten diskutiert werden: etwa „Mut zur Angst“ oder „Lug und Trug“.

Stolz sind Robert Stoppacher und sein Team auf die Ortstafel-Runde bei „Im Zentrum“, „weil sie hochpolitisch brisant war und es zu einem Beinahe-Handshake zwischen Slowenen-Vertreter Valentin Inzko und Landeshauptmann Gerhard Dörfler und Staatssekretär Josef Ostermayer gekommen wäre“. Für großes Aufsehen sorgte Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser, als er coram publico einen Brief einer seiner Bewunderinnen verlas, die ihn als „zu jung, zu intelligent, zu schön“ für die österreichische Neid-Gesellschaft bezeichnete. Höhepunkt beim „Club 2“ für Stoppacher: Die Sendung im Februar 2010, als ehemalige schwarz-blaue Regierungspolitiker wie Karl-Heinz Grasser oder Herbert Scheibner auf erbitterte Gegner wie Doron Rabinovici und Hubsi Kramar trafen. Als hervorragende Ausgabe von „Contra – der Talk“ gilt im ORF die Diskussion über Hooligans nach dem Abbruch des Wiener Derbys im Mai. Die „Am Punkt“-Macher heben ihre Sendung „Der Fall Arigona – wie menschlich ist Österreich?“ hervor, bei der Alfons Haider sagte, dass er Arigona Zogaj heiraten würde, damit sie in Österreich bleiben kann. Bemerkenswert ist für ATV auch die Diskussion über den Studentenaufstand vor zwei Jahren, als über eine Live-Schalte ins besetzte Audimax der Universität Wien die Studenten mitdiskutierten. Tolle, oft völlig unerwartete Fernsehmomente erlebte das „Pro und Contra“-Team, als etwa Grasser-Anwalt Manfred Ainedter aus der ersten Publikumsreihe Zwischenrufe startete, als FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky von einem 20 Jahre alten Publikumsgast in die Mangel genommen wird oder als anlässlich der Strauss-Kahn-Affäre die Diskriminierung von Frauen debattiert wurde. Auf einen Gast sind die Redakteure vom „Talk im Hangar-7“ besonders stolz: Neil Armstrong, der erste Mensch auf dem Mond. „Er war noch nie zuvor in einer Talkshow“, sagt Thomas Schmidle. „Umso mehr erstaunte uns, dass er neben vielen anderen internationalen Gästen zu unserer doch noch recht unbekannten Sendung nach Salzburg gekommen ist.“

Nach der Abmoderation ist zwar die Sendung vorbei, die Diskussion aber meist lange noch nicht zu Ende: Bei „belegten Brötchen, Petit Fours, alkoholfreien Drinks, Bier, Wein“ (ORF), „guten Getränken“ (ATV) und „kalten Platten“ (ServusTV) wird weiter diskutiert und Networking betrieben. Außerdem nutzen Publikumsgäste die Chance, ihre Anliegen persönlich den Diskutanten vorzutragen. Dabei kann sich auch die eine oder andere brenzlige Situation ergeben. Sandra Mrkwa von Puls 4 berichtet: „Als der deutsche Islam-Prediger Pierre Vogel zu Gast war, standen nach der Sendung Fans und Kritiker vor der Tür, was seine Bodyguards wahnsinnig nervös gemacht hat.“

Bleibt eine Frage: Gibt es zu viele Talkshows? Natürlich nicht, sind sich die Macher einig. „Man muss ja nicht alle schauen“, meint Thomas Schmidle von ServusTV. „Es gibt auch Zigtausend Käsesorten und jeder Käseliebhaber findet irgendwann seinen Favoriten – manchmal auch zwei oder drei.“ ORF-Mann Robert Stoppacher sagt: „Das Angebot bedient offensichtlich eine Nachfrage.“ Alexander Rosenberg (ATV) sagt: „Unsere Zuschauer haben sich noch nicht darüber beklagt!“ Und Sandra Mrkwa von Puls 4 ist sich sicher: „Es gibt immer noch nicht so viele Talkshows, wie es Themen gibt!“

Erschienen in Ausgabe 08+09/2011 in der Rubrik „Beruf und Medien“ auf Seite 60 bis 60 Autor/en: Martin Langeder. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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