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Beruf und Medien

„Karikaturisten sind Enthüllungsjournalisten“

Von Engelbert Washietl

Gustav Peichls immerwährendes zweites Leben als „Ironimus“. Der Stararchitekt und sein ganzheitlicher Ruhm.

Die einen sammeln Kunstwerke oder malen selbst, andere joggen bloß, Gustav Peichl zeichnet Karikaturen. Was bringt einen Mann, der als gefeierter und mit allen Ehren ausgezeichneter Architekt den Auftrag für die Kunsthalle in Bonn – damals noch Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland – erhielt und verwirklichte, ein arbeitsreiches Leben lang dazu, die politische Welt in spitzen Kurzkommentaren einzufangen? 83 Jahre ist er und zeichnet noch immer dreimal die Woche für „Die Presse“ und einmal für die „Süddeutsche“. So ähnlich geht das seit sechs Jahrzehnten.

Offenbar handelt es sich nicht um ein Hobby, sondern um Streben nach Balance in der Lebensführung, gemischt mit der praktischen Erkenntnis, dass man als „Ironimus“ in den Medien eine öffentliche Präsenz erreicht, die weit über die Anerkennung für Kunsttempel und ORF-Landesstudios hinausgeht. Handgeld kommt auch herein. Ein Teil seiner 14.600 Karikaturen lagert an vornehmen Orten wie der Albertina und der Akademie der Bildenden Künste und dem Karikaturenmuseum in Krems. Will jemand ein Original erwerben, wird er über das von Peichl festgesetzte Nominale von 3.000 Euro verhandeln müssen. Die Tagespresse entlohnt durch Honorare. „Die, Süddeutsche‘ zahlt ja recht gut“, sagt er, „die, Presse‘, na ja, ich habe ein Fixum.“

Kommentierte Karikaturenbände wie „Ironimus – Das wahre Österreich“ (2004) oder das demnächst im Langen Müller Verlag erscheinende „Deutsche, deine Politiker“ positionieren Peichl jenseits der Tagespresse als politischen Kommentator historischer Dimension. Seine große Zeit war die von politischen Persönlichkeiten wie Julius Raab, Leopold Figl, Adolf Schärf, Bruno Pittermann, Nikita Chruschtschow und natürlich Bruno Kreisky. Wer die Bildbände durchblättert, erkennt frappiert, dass diese Figuren zwar auch nur mit dünnen Federstrichen zu Papier gebracht worden waren, aber fleischiger ausfielen als die heutigen. „Das waren halt Typen“, erinnert sich Peichl leicht wehmütig, „aber was fange ich heute mit einem Faymann oder mit der Bildungsreform an? Ja, mit Merkel und Sarkozy, da geht es noch.“

Gedruckt wurden seine Zeichnungen Anfang der 50er-Jahre des vorigen Jahrhunderts in einer Medienwelt, zu der auch der „Bildtelegraph“ und die „Wochenpresse“ gehörten. Das war die Zeit, in der Österreichs Schicksal eine Signalwirkung für die übrige Welt einschließlich der verfeindeten Supermächte USA und Sowjetunion hatte. Das geplatzte Gipfeltreffen Chruschtschows mit dem amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy 1961 als Aufführung von „Einen Jux will er sich machen“ in den Wiener Festwochen darzustellen, das war ein gezeichneter politischer Kommentar. So möchte „Ironimus“ seine Leistung auch definieren: „Die Karikatur macht Ideen, Themen, Charaktere sichtbar. Karikaturisten sind Enthüllungsjournalisten.“ Soeben habe er gezeichnet, wie die Nato den libyschen Machthaber Muammar al-Gaddafi tötet. „Man muss das als Karikaturist sagen.“ Als die Russen 1955 gemäß dem Staatsvertrag aus Österreich abzogen, schaffte es Peichls für die „Presse“ gezeichneter Abschiedsschmerz bis auf die Titelseite der Londoner „Times“. Einmal gewährte die „Süddeutsche“ vermutlich unwissentlich einer „Ironimus“-Karikatur Asyl: Seine Zeichnung über das von Papst Paul VI. 1968 verhängte Verbot der Pille durfte in der von Otto Schulmeister geführten und damals gesellschaftspolitisch mit ultramontanistischer Strenge nach der jeweiligen Vatikan-Linie ausgerichteten „Presse“ nicht erscheinen. Peichls Zeichnungen wirken nicht provokant, sondern einfühlsam, verständnisvoll. Es klingt das Lebensgefühl seiner Anfangsjahre durch, als die Österreicher, ausgestattet mit Steirerhut und einem Weinglas auf oder unter dem Tisch, eine bis zur Selbstgefälligkeit reichende Selbstgewissheit hatten. Die ist inzwischen weg. Der Prozess wachsender nationaler Unruhe begann unter anderem mit der Rundfunkreform Gerd Bachers, der Jahre zuvor als Chefredakteur des „Bildtelegraphs“ Peichls Zeichnungen gedruckt hatte. Jahre später entwarf Peichl als Architekt für Bachers ORF-Reich nach einheitlichem Konzept die Landesstudios.

Der größte Teil der „Ironimus“-Karikaturen wird in seinem Studio am Wiener Opernring gehütet, und zwar in Papierform. Die Blätter wurden bisher nicht digitalisiert. Das Karikaturenmuseum in Krems, das nach Peichls Plänen gestaltet wurde, feiert im September sein zehnjähriges Bestehen. Professor Peichl ist als Architekt, Karikaturist und physisch mitten dabei. Er hat seinen Ruhm ganzheitlich angelegt.

Erschienen in Ausgabe 08+09/2011 in der Rubrik „Beruf und Medien“ auf Seite 70 bis 75 Autor/en: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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