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Special Steiermark

Kein Kinderspiel …

Von Barbara Haas

Petra Prascsaics ist die „Miss Kinderzeitung“ der „Kleinen Zeitung“. Dass sie selbst Mutter ist, hilft ihr bei dem Job genau gar nicht. Denn das Credo dieser Zeitung lautet: Bloß keine Erziehung, bitte!

Jan ist nicht wirklich begeistert. Denn immerhin ist der siebenjährige Grazer ein echter 99ers, also nicht nur Fan, sondern er spielt auch selbst bei dem Eishockeyverein. Und warum um alles in der Welt seine eigene Mutter in der Kinderzeitung just den Tormann des ATSE covern musste, das verstehe, wer will. Doch Petra Prascsaics (40) macht eben die Inhalte in der „Kleinen Kinderzeitung“ nicht (ausschließlich) für ihr eigenes Kind. Obwohl ihr Chefredakteur, Hubert Patterer, das irgendwie insgeheim zu glauben scheint. „Petra Prascsaics betreibt die Gestaltung der Kinderzeitung mit einer Hingabe und Empathie, als wären es alles ihre eigenen Kinder“, so der Chef des engagierten Projektes der „Kleinen Zeitung“, das seit mehr als einem halben Jahr läuft und das bis jetzt sehr erfolgreich. Von den ursprünglich 6.000 Stück an verkauften Abos, die man kalkulierte, ist man mittlerweile bei mehr als 12.000 Abos gelandet. Jeden Samstag kann man die „Kleine Kinderzeitung“ zur „normalen“ Zeitung bestellen, kostet 4,90 Euro (wenn man schon Abonnent ist, sonst 6,90 Euro). Doch die Kinder mögen den Mix aus Weltnachrichten, Sport und Rätsel offenbar, seit Kurzem gibt es neben der Steiermark und einer Kärnten-Mutation sogar schon eine Wien-Ausgabe. Doch Prascsaics weiß, dass der Erfolg eben genau im Gegenteil davon steckt, was sie zu Hause oft tun muss: Entscheidungen treffen, überstimmen, manchmal bevormunden, manchmal Zeigefinger zeigen – immer gut gewollt, aber Erziehung eben. „Das alles hat in der Zeitung nichts zu suchen, ich möchte die Kinder nicht erziehen, sondern sie gut informieren und sie gut unterhalten“, so die Journalistin, die vor dem Projekt in der Chronik und danach in der Gesundheitsredaktion der „Kleinen Zeitung“ arbeitete. Der gute und genaue Informationswert ist bei einer Kinderzeitung ebenso wichtig wie bei einer „normalen“ – mit dem Unterschied, dass man sich nicht über komplexe Dinge hinwegschummeln kann, sondern tatsächlich Sachverhalte erklären muss. „Das ist nicht leicht. Einen Zugang zu finden, wenn es darum geht: Was macht eigentlich Gadaffi so? Warum wollen die Menschen in Libyen ihn nicht mehr? Oder was sind eigentlich Eurobonds?“ Auf all diese Fragen hat Petra Prascsaics gemeinsam mit Unterstützung der „Kleinen Zeitung“-Redaktion – „ich hab echt tolle Kollegen“ – und mit einer Profi-Layouterin (sie wurde von „Geolino“, dem Kindermagazin von „Geo“, abgeworben) Antworten gefunden. Und die kleine Fangemeinde, von der viele Kommunikationsexperten über Jahre sagten, sie gebe es gar nicht, weil Kinder überhaupt kein Interesse an einer Zeitung haben könnten, gibt ihr recht. „Ich kriege Leserbriefe, gehe in Schulen, die Kinder kommen zu mir in die Redaktion – ich hatte in meiner ganzen journalistischen Laufbahn noch nie so viel Kontakt zu meinen Lesern“, ist die studierte Politikwissenschafterin ganz euphorisch. Wenn junge Leser dann in der Schönaugasse 64 in Graz vorbeischauen, holt aber auch sie die Realität ein. „Die Mädchen wollen alle Shakira interviewen und die Buben alle Lionel Messi – wenn das nicht geht, sind sie traurig, aber nur kurz. Kinder sind schnell kompromissbereit. Wir sind schon mal nach Wien gefahren, haben Mirjam Weichselbraun interviewt oder haben gemeinsam mit der Sportredaktion einen Interviewtermin mit Sturm-Tormann Christian Gratzei organisiert.“ Doch mehr noch als jedes Interview zählt für die Kleinen ein simples Rechteck auf der letzten Seite der 16-seitigen Zeitung. Der Fragebogen. Das ist der Olymp für mittlerweile Hunderte Kinder in der Steiermark, denn wer da drauf kommt, der ist tatsächlich in der Zeitung – der Fragebogen ist ein kleines Element mit Foto, wo sich die Kinder ein bisschen vorstellen können. „Ich kriege die Anträge körbeweise, hier finden sich die Kinder wieder“, weiß Prascsaics, dass Leser-Blatt-Bindung eben auch schon bei den Kleinen enorm wichtig ist. Und so sieht das Ergebnis nach einem halben Jahr Kinderzeitung aus: „Wir lesen immer zuerst den Fragebogen und die Witze durch. Wir finden auch Paulas Tagebuch und das, Neue aus der Welt‘ klasse. Vor allem die ersten Seiten interessieren uns sehr. Wir wussten vorher nicht, z. B. was Hacker sind und was in Ägypten passiert ist. Liebe Grüße, Kathi (10) und Ronja (10) aus Graz.“

Und selbst Chefredakteur Patterer gibt zu, dass ein gewisser Ködereffekt durchaus gewollt ist. „Ja, wir wollen Kinder mit einem intelligenten Produkt an das Medium Zeitung heranführen, aber wir sind auch der Überzeugung, dass Information auch ein Kinderrecht ist.“ Ein schwieriger Spagat zwischen der begehrtesten Zielgruppe der Welt und einem edlen Bildungsansatz – dass zumindest bis jetzt dieser nicht ganz so schlecht geschafft wurde, zeigt die jüngste Auszeichnung des WAN-IFRA – World Young Reader Prize – für das Projekt. Und eben die wachsende Fangruppe zwischen sechs und zwölf Jahren.

Erschienen in Ausgabe 08+09/2011 in der Rubrik „Special Steiermark“ auf Seite 100 bis 101 Autor/en: Barbara Haas. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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