ARCHIV » 2011 » Ausgabe 08+09/2011 »

Praxis

Statistik für Blattmacher

Von Peter Plaikner

Das Internet ist das Schlaraffenland der Statistik-Freaks. Die in Massenmedien zitierten Erhebungen sind dennoch meist zweite Wahl – aufbereitet durch die Öffentlichkeitsarbeit für Politik und Wirtschaft. Statistik pur bleibt zugleich Lieb- wie Stiefkind des Journalismus.

So pünktlich wie am späten Montagmorgen der Newsletter der Statistik Austria die Arbeitswoche eröffnet, so verlässlich beendet die Eurostat-Vorschau für die folgenden Veröffentlichungen am frühen Freitagnachmittag den Datenversand der Ämter und Institutionen zwischen Wien und Brüssel. Wirkliche Freunde der zwar strategisch sortierten, aber kaum kommentierten Zahlenkolonnen würzen den Ausschuss noch mit exotischerem Material wie von Istat, den beziffernden Chronisten von Berlusconien und seinen Vorgängergebilden. Anhänger der nördlicheren Gründlichkeiten setzen eher auf destatis, wie sich überraschend unverstaubt das Statistische Bundesamt Deutschland online nennt. Hinter www.as.llv.li verbergen sich dessen Kollegen aus dem Fürstentum Liechtenstein, jene aus dem Großherzogtum Luxemburg haben das Kürzel Statec und residieren unter www.statistiques.public.lu.

Gemeinsam sind den anonymen Erbsenzählern Homepages aus einer Ära jenseits der grafischen Selbstvermarktung. Design folgt hier nicht der Funktion, es versteckt sich nahezu unauffindbar dahinter. Daten mögen geschönt werden, schön dargestellt werden sie nicht. Content counts – selbst in Luxemburg, das eine französische und englische, aber keine deutsche Ausgabe bietet. Press room inklusive. Die Schweiz dagegen bedient auch unter www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index.html gleichermaßen deutsch, französisch und italienisch.

Der Output der verschiedenen Ämter gehorcht einem geradezu antijournalistischen Prinzip. Die immer gleichen Themen werden auf die immer gleiche Art erfasst. Da lauert auch die Sensation im Gewand der Überraschungslosigkeit. Jedes Marktforschungsinstitut wäre pleitegefährdet durch solch einschläfernde Selbstvermarktung. Doch Marketing ist kein Freund dessen, was das Lexikon als Möglichkeit definiert, eine „systematische Verbindung zwischen Erfahrung (Empirie) und Theorie herzustellen“. So steht’s in Wikipedia. Doch die „Lehre von Methoden zum Umgang mit quantitativen Informationen (Daten)“ ist dem guten, alten Brockhaus näher, für den Inhalt alles, Aufbereitung bloß Zwang und Tempo ein Fremdwort war.

Der Vergleich macht sie unsicher

Das erklärt auch, warum die Statistiker im journalistischen Sektor am ehesten bei den Nachrichtenagenturen direkte Abnehmer finden. Unspektakuläre unter sich. Dabei schlummert im sturen Rhythmus der Datenerfasser mehr Brisanz als in den meisten sorgsam verkürzten Excel- und Powerpoint-Darstellungen von PR-Aufbereitern, die vielfach wenig hinterfragt Eingang in die Tagesberichterstattung finden. Eurostats jährlicher Vergleich der Bruttosozialprodukte der 271 europäischen Regionen birgt – entsprechend aufbereitet – mehr Explosivität als fast alle Muskelspiele der jeweils heimischen Wirtschaftspolitiker. Denn ein Nachbar ist fast immer besser, und das kann nicht sein, wo Identität sich immer mehr aus Landeszugehörigkeit nährt.

Heruntergebrochen von den neun NUTS-2- auf die 35 österreichischen NUTS-3-Regionen (Systematik der Gebietseinheiten) gibt es dann vollends Stoff für Kantönligeist à l’Autriche. Linz-Wels kontra Klagenfurt-Villach, das ist Brutalität, die den Innerkärntner Eishockeyvergleich locker übertrifft. Denn zwischen der ökonomisch produktivsten und der wirtschaftlich am wenigsten erfolgreichen Stadtregion liegt ein Unterschied von 11.500 Euro pro Person und Jahr. Das ergibt im negativen wie positiven Sinn Stoff für Storys zuhauf – wütende Proteste von Kammern inklusive.

Vom gemeinsamen Regio-BIP zusammengespannter, aber intern heftigst konkurrierender Bezirke über die Forschungsquote bis zur Nächtigungszahl, vom verfügbaren Einkommen der Privathaushalte über die durchschnittlichen Arbeitnehmerentgelte bis zur Forschungsquote, von der Bildungsbeteiligung der Jugendlichen über den Migrationshintergrund der Bevölkerung bis zur Forschungsquote der einzelnen Länder reicht allein das Standardangebot der Statistik Austria, die mittlerweile auch schon ihren 290. wöchentlichen Newsletter verschickt hat. Daneben lockt ein Archiv mit schier unerschöpflichen Download-Möglichkeiten. Von der mittleren Jahresbevölkerung seit 1870 über Einbürgerungen, Scheidungsfälle und Erwerbsvorhersagen bis zur Bevölkerungsprognose für das Jahr 2075 reichen die Artikel-Anregungen.

Recherche diesseits von Leaks

Sollten Journalisten so etwas wie selektiv-dynamische Geschichtsschreiber sein, dann liefern die Statistiker eine umfassend-statische Grundlage für solche Artikel. Jedes Story-Telling über etwas, das geschieht, profitiert durch die Aufzeichnung dessen, was schon war. Die Statistiker sind die besten Verbündeten der Archivare. Sie liefern die Würze für den Eintopf von Schnellschüssen, für den immer weniger darauf zurückgegriffen wird, was zum Beispiel im „Spiegel“ die Schlagader für die Redaktion darstellt – die Dokumentation. Die Aufregung um WikiLeaks erscheint unverständlich, solange die längst frei verfügbaren Datenbestände kaum genutzt werden. Fact-Checking ist kein Controlling für nachlässige Rechercheure, sondern Grundlage für Artikel mit Mehrwert.

Doch so wie die Zahl jener, die WikiLeaks als direkte Recherchequelle nutzen, überschaubar bleibt, weil die Hauptbeschäftigung von Nachrichten- bis zu PR-Agenturen, von Kommunikationsabteilungen bis zu Stabsstellen für Öffentlichkeitsarbeit darin besteht, selten absichtslose Vorauswahlen zu treffen, so bleibt die Nutzergruppe der öffentlich zugänglichen Statistiken auf allen Ebenen überschaubar. Kaum eine größere Stadt, kaum ein Land, das nicht seine Wahlergebnisse seit 1945 online stellt. Die Zeitreihen für Tourismus und andere Wirtschaftszweige reichen vielfach schon weit vor den Durchbruch des Internets Mitte der 1990er-Jahre zurück. Wirtschafts- und Arbeitskammer, die österreichischsten Ausprägungen der amerikanischen Think Tanks, übertreffen sich gegenseitig mit Datenangeboten.

Dazu kommen noch Markt- und Meinungsforscher, die Auftrags- und andere Arbeiten zusehends zwecks Selbstvermarktung online archivieren. Von Sora bis Market, von Ifes bis Imas, von GfK bis OGM, von Gallup bis Karmasin: Die üblichen Verdächtigen für Studien aller Art stellen zumindest Kurzfassungen davon durchwegs ins Netz – und das sind noch weit mehr als jene Untersuchungen, die es infolge Agenda Settings der Agenturen und ihrer Auftraggeber über Funk und Fernsehen immer öfter im Blätterwald rauschen lassen. Die Umfrage ist neben dem Experten schließlich der Aufsteiger schlechthin in der Medienbeachtung.

Quellenskepsis und kritische Würdigung sind dabei durchwegs so angebracht, wie sich die Kriterien der amtlichen Statistiker hinterfragen lassen. Da wird vieles so gemacht, weil es immer so war und sich dadurch besser fortschreiben lässt. Methodenänderung ist der Gräuel aller Zeitreihen, weil die Vergleichbarkeit über viele Jahre plötzlich abbricht. Ein Ende mit Schrecken, dem allzu oft der Schrecken ohne Ende vorgezogen wird – same procedure as every year. Doch die Vorbehalte gegenüber Statistik sind enden wollend angesichts der üblichen Medienpraxis mit Meinungsforschung. Da wird regelmäßig auf Basis von 500 telefonisch Befragten das aktuelle Wahlverhalten der Bevölkerung behauptet. Dass bei Berücksichtigung der Schwankungsbreiten meistens zumindest drei Parteien auch gleichauf liegen könnten, schreibt niemand. Das ist zwar unseriös, wirkt aber sexy. Die MaFo ist das Vorbild für der Statistik neue Kleider.

Erschienen in Ausgabe 08+09/2011 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 124 bis 125 Autor/en: Peter Plaikner. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

;