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Special Steiermark

Styria: Synergien gesucht

Von Engelbert Washietl

Qualität sichern und sparen, lautet das Motto. Es kann durchaus sein, dass es im Styria-Medienkonzern bald Aufregungen gibt. Im Oktober tagen erstmals alle Chefredakteure aller Styria-Medien in Zagreb.

Am 30. September jährt sich der aufsehenerregende Wechsel im Vorstandsvorsitz der Styria Media Group. Mit diesem Tag des vorigen Jahres legte Horst Pirker den Vorsitz „wegen unterschiedlicher Auffassungen über die zukünftige Ausrichtung der Unternehmensgruppe Styria“ zurück. Die beiden Vorstände Wolfgang Bretschko und Klaus Schweighofer übernahmen zunächst interimistisch Pirkers Agenden und wurden im März dieses Jahres vom Aufsichtsrat bis Ende 2014 verlängert. Der Aufsichtsratsvorsitzende Friedrich Santner bestätigt den beiden, dass sie ihren Job „gut machen“ und das Unternehmen weiterentwickelt hätten (siehe Interview Seite 66).

Was heißt das für die Medienlandschaft allgemein und für rund 2.900 Mitarbeiter des internationalen Konzerns? Dieser macht ja immerhin einen Umsatz von 457 Millionen Euro (2010) und ist stolz auf sein Unternehmensprofil: „Zur Styria gehören unter anderem neun Tages- und mehr als 20 Wochenzeitungen, 14 Magazine, 13 Kundenmagazine (Styria Multi Media Corporate), über 40 Magazine in Kroatien, Slowenien und Serbien (Adria Media), zwei Supplements, 22 Online-Dienste, zwei Radio- und zwei TV-Sender und sieben Buchverlage.“ Expansion steht nicht mehr im Vordergrund, weder geografisch noch produktbezogen. In jedem Einzelfall wird nachgerechnet, ob eine Investition sinnvoll ist und sich in angemessener Zeit auch rechnet. Das Gratisblatt „Il Friuli“ in Udine wurde abgestoßen, andererseits wurde in Kroatien soeben das neue Wirtschaftsmagazin „Forum“ auf den Markt geworfen. Am Werk sind dabei Journalisten der kroatischen Styria-Zeitungen wie „Vecernji list“, „24 sata“ sowie die Wirtschaftszeitung „Poslovni dnevnik“. „Forum“ ist ein vorläufig wenig aufregender Testfall, wie die im Verlag schon vorhandenen Potenziale zusätzlich mobilisiert werden können.

Die Wirtschaftsberichterstattung sei ausbaufähig, sagt der für den Zeitungsmarkt zuständige Vorstandschef Klaus Schweighofer. „Forum“ solle die Spannung in der Republik Kroatien reflektieren. Darüber hinaus entsteht im Styria-Medienzentrum der kroatischen Hauptstadt eine Art Wirtschaftsagentur, die zu allen Medienprodukten des Unternehmens Contents zuliefert. Ähnlich würden auch Supplements von einem gemeinsamen Pool bedient, nicht nur in Kroatien, sondern auch in Slowenien und übrigens auch schon zwischen den beiden in Wien erscheinenden Tageszeitungen „Die Presse“ und „Wirtschaftsblatt“. Diese sind ja in einem Verlagshaus Nachbarn geworden. Die von Journalisten bereits geäußerte Sorge, die Nachbarschaft könnte eines Tages zur Fusion der Wirtschaftsredaktionen beider Zeitungen führen, lässt Schweighofer nicht gelten. Solches sei nicht geplant, der Wirtschaftsressortleiter der „Presse“, Franz Schellhorn, sei eine markenbildende Persönlichkeit und deshalb besonders wertvoll. Oder übersetzt: Es wäre kontraproduktiv, ihn einzuschmelzen.

Dennoch, das Schlüsselwort „Synergie“ ist wirksam – in Wien, Graz, Laibach und Zagreb. Es wird definitiv danach gesucht, welche Aktivitäten man an einer Stelle konzentrieren könnte, um Kosten zu sparen. Solche Möglichkeiten werden in der technischen Dimension journalistischer Arbeit entdeckt, weil dort viele „Parallelitäten“ entstanden seien, die man verringern könnte. Aber es dürfte in absehbarer Zeit auch versucht werden, da oder dort die eigentliche journalistische Arbeit zu poolen. Zum Spareffekt fügt Schweighofer den Qualitätseffekt hinzu. „Qualität wird den Wettbewerb entscheiden“, sagt er, also müsse sich Styria auch im Bereich Ausbildung anstrengen und die Kräfte in diese Richtung mobilisieren. Davon wird beim erstmals veranstalteten Styria Editors Forum in Zagreb viel geredet werden. „Die Zeiten werden schärfer. Wir kritisieren viel, also dürfen wir nicht selbst angreifbar sein.“

Synergie ist selbstverständlich auch im digitalen Bereich angesagt. Für diesen ist Wolfgang Bretschko zuständig. Er ließ eine Dachstrategie für alle offensiven Maßnahmen im Onlinebereich entwickeln.

Das Kooperationsmodell reicht an einigen Stellen sogar über die Konzerngrenzen hinaus. In der Regionalmedien Austria (RMA) als Joint Venture aller Gratiswochenblätter von Styria und der Tiroler Moser Holding ist es bereits wirklich und offenbar erfolgreich. Auch die Standardisierung schreitet bei RMA voran – seit diesem Sommer erscheinen die Blätter in einem einheitlichen Layout.

Die große Fusion zwischen der Moser Holding und Teilen von Styria ist zwar gescheitert, aber auf unterer Ebene liefern tastende Versuche erste Teilergebnisse der ursprünglichen Pläne. Die beiden Medienhäuser sind dabei, ihre regionalen Magazine und Magazinbeteiligungen zu bündeln. Die „Tirolerin“, „Oberösterreicherin“, „Salzburgerin“ sowie der „Steirer Monat“ und der „Kärntner Monat“ werden in einer Gesellschaft unter Alleingeschäftsführer Andreas Eisendle zusammengefasst. 74,9 Prozent der Anteile werden bei der Moser Holding liegen, 25,1 Prozent bei Styria. Die Eigentümer versprechen den nationalen Anzeigenkunden ein „noch nie dagewesenes Reichweiten-Paket“ für die Leserinnen im Frauen- und Lifestylesegment.

Die Errichtung des Styria-Medienhauses in Graz scheint nach langer Verzögerung nun doch in die Phase der Verwirklichung zu treten. 18.000 Quadratmeter Bürofläche inklusive eines Newsrooms von 2.000 Quadratmetern sind die aktuelle Messlatte, von der die „Kleine Zeitung“, die Onlinedienste und die „Antenne“ profitieren werden. Bis Ende dieses Jahres sollen die Redaktionen ihre Vorstellungen von ihrem künftigen Arbeitsbereich präzisieren.

Um zu zeigen, dass das Styria-Management die Leistungskraft der Cashcow „Kleine Zeitung“ besonders schätzt, wurden im ersten Halbjahr alle ihre Mitarbeiter mit einer Bonuszahlung unterhalb von 1.000 Euro bedacht. Innere Synergien werden bei der „Kleinen“ schon seit Langem gepflegt. Die Zeitung hat im vorigen Jahr unter Aufbietung ihres journalistischen Potenzials die Stadtzeitung „G7“ für junge Menschen in Graz und Umgebung gestartet, Anfang 2011 kam die „Kleine Kinderzeitung“ für Steiermark, Kärnten und Wien auf den Markt (siehe Seite 100). In der Lade des Chefredakteurs Hubert Patterer liegen noch Nullnummern für mindestens ein weiteres Medienprodukt. Am Ausbau der Sonntagsausgabe der „Kleinen Zeitung“ wird intensiv gearbeitet, auch wenn das ursprüngliche Projekt eines bunten Hochglanzmantels zunächst gestoppt wurde.

Die Styria Media Group hat in Österreich und im südosteuropäischen Raum durch ihre Unternehmenspolitik, den journalistischen Auftritt auf allen Plattformen und die Vielfalt ihrer Aktivitäten eine gewisse Leitfunktion sowohl in verlegerischer als auch journalistischer Hinsicht. Da wirkt auch das Erbe des früheren Vorstandschefs und mehrjährigen Präsidenten des Zeitungsverbandes Horst Pirker nach, der bei allen Aufgaben versuchte, scharf analytisch ans Werk zu gehen und allfällige Konflikte nicht zu meiden. Diese spitzten sich in einem Fall bis zu einer arbeitsgerichtlichen Auseinandersetzung zu, hinter der die Frage steckte, welche Rangordnung der journalistischen Leistung innerhalb der modernen Medienverlage zukomme.

Weder an der Weiterentwicklung ihrer medialen Plattformen noch am unternehmerischen Ehrgeiz hat sich bei Styria etwas verändert. Die gegenwärtige, nach dem Wunsch des Aufsichtsrates eher auf Konsolidierung denn auf Expansion gerichtete Phase der Unternehmenspolitik fokussiert sich derzeit wieder auf ein Schlagwort, hinter dem viel ambivalente Wirklichkeit steckt. Was bei Pirker die „Content Engine“ war, ist jetzt ein mit ihr entfernt verwandter Prozess der „Synergien“. Um solche kommt kein Ver
lagshaus herum. Es könnte sich allerdings in manchen Redaktionen die Diskussion über Ausmaß und Grenzen der aus Gründen der Sparsamkeit angestrebten Synergien ergeben wie einst: Wo sind sie sinnvoll, wo müssten sie bei weitsichtiger Unternehmenspolitik an Grenzen stoßen? Was ist journalistische Leistung wert, wo könnte andererseits ihr Profil durch zügig vorangetriebene Ersatzteilgeschäfte beschädigt werden?

Die Medienwelt ist voll spannender Herausforderungen.

Erschienen in Ausgabe 08+09/2011 in der Rubrik „Special Steiermark“ auf Seite 96 bis 97 Autor/en: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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