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Praxis

Wo „Heute“ die „Krone“ übertrifft, welche Journalisten bettnässen und wie Dörfler ORF-Landeschefs bestellt.

Wer schreibt die schönsten Leserbriefe?

Dr. Media: Nicht wer, sondern wo. „Heute“ hat die „Krone“ mit ihren legendären Leserbriefen (u. a. Franz Weinpolter) überflügelt. Zwar meist nur wenige Zeilen lang, haben Wut und Lob dort ein Gesicht (die schauen übrigens nicht so grimmig wie ertappte „Österreich“-Leser). Die drei besten Leser-Werke im August/September tippten allerdings keine Unbekannten: Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner ist über „Häme und Kritik“ am Spritpreisrechner wenig amüsiert, was ihm recht viele Zeilen wert ist. Richtig außer sich ist Leserbriefschreiber Armin Wolf. Der stv. Chefredakteur des ORF züchtigt „Heute“-Chefredakteur Wolfgang Ainetter. Letzterer forderte im Kommentar zum ORF-„Sommergespräch“ mit Bundeskanzler Faymann: „Herr Wrabetz, lassen Sie Thurnher nur noch das Wetter moderieren – dann hat auch sie einmal ein Hoch. Und holen Sie nächstes Jahr einen Profi: Armin Wolf!“ Doch Herbeigesehnter verlangt bloß „Fakten“, „Grundrespekt vor der Person“ und rügt die „volle Häme“. Da trieft Honig ums Maul, doch harsche Worte sind die Ernte. Ein Beweis, wie kollegial der ORF tickt. Neuester Leserbrief-Höhepunkt: Max Edelbacher, Ex-Leiter des Wiener Sicherheitsbüros, der sich über fehlenden „politischen Anstand, ethische und moralische Verantwortung“ in Sachen jüngster Korruptionsskandale großräumig auslässt. Vorschlag: „In der Monarchie wussten Versager, was zu tun ist, und richteten sich selbst.“ Nicht auszudenken, welch Gemetzel dieser kleine Wink mit dem Doppeladler zeitigt.

Warum outet „Österreich“ Bettnässer?

Dr. Media: Wer die Erfolgszeitung „Österreich“ täglich liest – und wer tut das nicht im Land –, erkennt die Leidenschaft ihres Herausgebers Wolfgang Fellner zur Transparenz. An einem Tag im Hochsommer muss er lange nachgedacht haben, bis er die Komponenten zu seiner Kolumne „Journalistische Bettnässer“ beisammen hatte. Er zielte mit diesem Attribut auf „Kurier“ und „Kleine Zeitung“, während er in ungewohnter Großzügigkeit drei Zeitungen, von denen zwei unangenehme Mitbewerber am Boulevard sind, in die Liga der Guten einreihte und in Schutz nahm: „Krone“, „Heute“ und natürlich „Österreich“. Die Bettnässer seien abhängig, entweder von Kirche oder Raiffeisen, die Guten hingegen „von niemand anderem abhängig als von unseren Lesern“. Wobei hinzuzufügen wäre, dass die Mehrheit der „Österreich“-Leser für das bedruckte Papier nichts bezahlt und die „Heute“-Leser die kostbare Lektüre sowieso gratis genießen. Erst jetzt leuchtet ein, dass laut Fellner nur Pharisäer der Meinung sein können, dass Regierungsinserate und unabhängiger Journalismus nicht zusammenpassen. Von irgendwo muss die Marie ja herkommen. Somit kann man über eine ÖVP, die offenbar noch immer zu wenig Regierungsinserate in „Österreich“ bucht, nach Wolfgang Schüssels Abgang nur das Kreuz machen. Man sieht ja, wohin die notige Einstellung von Politikern führt: „Schüssel hinterlässt nur einen Scherbenhaufen.“

Wer kennt sich bei „Madonna“ noch aus?

Dr. Media: Die Cross-Media-Aktivität des Verlagskonzerns „Österreich“ wird allmählich unübersichtlich. Es kommt vor, dass den Abonnenten der Frauenzeitschrift „Madonna“ die Zeitung „Österreich“ unter dem knalligen Titel „Madonna mit Österreich“ ins Haus flattert. Wer hier wen einwickelt, ist nur haptisch zu erkunden: „Madonna“ liegt der Tageszeitung bei, auch wenn es außen oben andersherum steht. Dr. Media – immer im Dienste der Leser – verrät als Service den Preis eines samstäglichen Jahresabos für das Frauenmagazin im Tageszeitungswickel: 56,50 Euro. Wer es bekommt, freut sich schon außen über das, was innen steht, beispielsweise „Madonna: Faltenfrei mit 53“. Ups, das ist jetzt eine andere Madonna, nämlich die Entertainerin. Aber eigentlich stimmt auch das – es ist sowieso alles „Österreich“.

Was folgt auf den Hund?

Dr. Media: Zum einen Schande. Mit „Sag mir, wo die Pudel sind“ ( www.heute.at/news/politik/Sag-mir-wo-die-Pudel-sind;art422,566755) brachte Christiane Tauzher viele Menschen (nicht bloß Hundefreunde) in Rage. Tauzher, Ex-Gesellschafts-Redakteurin des „Kuriers“, Ex-Society-Chefin von „News“, nun „Heute“-Kolumnistin, forderte im Juni: „Alles haben wir im Griff – von der Ghettoisierung der Raucher bis zur korrekten Krümmung der Banane. Gegen die Killerhunde tut keiner etwas. Einschläfern! Geben wir dem Pudel eine neue Chance. Damit unsere Parks und unsere Sofas wieder sicher werden.“ Es folgte die Facebookseite „Christiane Tauzher – Schande für den Journalismus“, die wiederum am 17. Juni plötzlich von Facebook gelöscht wurde. Weil sich die Anti-Tauzher-Community Zensur verbietet, gibt es jetzt die Facebook-Version „Christiane T. – Schande für den Journalismus“. Abseits von Pudeln und der Entsorgung anderer Vierbeiner schafft es Tauzher in ihren Kommentaren, älter als Herr Staberl zu wirken. Dem Hund kann jedoch auch ein Schriftsteller folgen. Im „Freizeit-Kurier“ vom 23. Juli verkündete Christian Seiler den Tod seines Hundes Barolo ( www.mein-hund-barolo.com) und damit das Ende seiner „Hund & Herrl“-Kolumne (mehr als 700). Im August ist die Fußballer-Autobiografie „Der feine Unterschied“ (Verlag Kunstmann) über Philipp Lahm erschienen, Seiler findet sich darin unter „Mitarbeit“. Nun, das Ex-Herrl wird nicht bloß mitgearbeitet haben. Nachfolger in der „Freizeit“ ist der deutsche Autor Joachim Lottmann, der in ersten Schritten Selbstdarstellung keineswegs scheut. Das wiederum eint „Wunder Welt“ mit dem Vorgänger.

Was haben Stephansplatz und Tahrir-Platz gemeinsam?

Dr. Media: Nichts! Bloß nicht beim „Weekend Magazin“. Dort kommentiert Chefredakteurin Brigitte Biedermann Pfarrer Helmut Schüllers Ungehorsam unter dem Titel „Wien kann Kairo werden“ (Ausgabe 2./3. September 2011): „Warum soll diesmal nicht Österreich der Ursprung von Veränderung sein? Der Wiener Stephansplatz das Gegenstück zum Tahrir-Platz in Kairo, wo die nordafrikanische Revolution seinen Ursprung nahm! Warum eigentlich nicht?“ Wien darf nicht Chicago oder Istanbul werden, waren Wahl-Forderungen von Rechtspopulisten. Das Ende von 30 Jahren Mubarak-Regime am „Platz der Befreiung“ im Vergleich zur geforderten Priesterinnenweihe und dem gewünschten Ende des Zölibates hinkt etwas. Dass Wien jetzt Kairo werden kann, ungehorsame Katholiken von Panzern, Militär und Schlägern bedroht und ermordet werden, ist auszuschließen. Zur Erinnerung: der sogenannte arabische Frühling startete übrigens in Tunesien.

Hofft der ORF auf ein Mondfenster?

Dr. Media: Das ist sehr wahrscheinlich. Die ORF-Führung muss ja die äußerst lästigen Sparappelle im neuen ORF-Gesetz möglichst bald ausradieren, aber das geht nicht ohne Nationalratsbeschluss. Wie bringt er die Parlamentarier dazu, sich schon wieder legislativ und nicht nur via Intervention mit dem ORF zu befassen? Kundige entdecken ein Mondfenster, das sich Anfang nächsten Jahres wegen der Neuwahl des Publikumsrates öffnen könnte. Die merkwürdige Wahlordnung für dieses Gremium einschließlich der Strapazierung aller im Land vorhandenen Faxgeräte hat schon beim letzten Wahlgang ein Heer von Kritikern aufmarschieren lassen. Noch im Herbst will der Verfassungsgerichtshof die Wahlordnung prüfen. Gut möglich, dass er sie über den Haufen wirft. Dann muss rasch eine
Novelle zum ORF-Gesetz her. Und wenn bei der Gelegenheit der nach Ansicht des ORF völlig unnötige Auftrag, „Strukturmaßnahmen zur mittelfristigen substanziellen Reduktion der Kostenbasis“ durchzuführen, möglichst unauffällig aus dem Text gestrichen würde – dann wäre doch das Leben auf dem Küniglberg und in allen Landesstudios gleich wieder erträglicher, oder?

Gehen Dörfler und Wrabetz Hand in Hand?

Dr. Media: Gibt es noch ein zweites Land, in dem die Wirklichkeit so pünktlich jedes Kabarett übertrifft wie in Österreich? Unmöglich, wozu vor allem auch der politisch unabhängige ORF einiges beiträgt. Dort teilt der SPÖ-Stiftungsrat Niko Pelinka mit, dass ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz ihn immer um seine Meinung frage, wer in der Diskussionssendung „Im Zentrum“ auftreten solle. Worauf sofort größte Betriebsamkeit einsetzt, um den Schaden wahrer Äußerungen zu minimieren. Wenig später lässt der Kärntner Landeshauptmann über den Landespressedienst verkünden: „Landeshauptmann Gerhard Dörfler und ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz haben sich heute, Dienstag, endgültig auf eine neue Führung des ORF-Landesstudios geeinigt.“ Was nichts anderes heißt als: Dörfler hat seine Kandidatin Karin Bernhard durchgesetzt. In Tirol, wo Landeshauptmann Günther Platter ebenfalls dezidierte Vorstellungen von der Unabhängigkeit des Landesstudios Innsbruck hat, läuft es ebenso, allerdings sagt es Platter nicht so laut. Der ORF-Redakteursrat kann sich über geglückte Versuche politischer Einvernahmen noch so sehr aufregen und die Schuld außerhalb des ORF suchen. Dr. Media muss die Redakteure leider enttäuschen. Narren und Dörfler sagen manchmal die Wahrheit, und gäbe es den strukturellen politischen Einfluss nicht, wäre Alexander Wrabetz nicht Generaldirektor und hätte sich von Dörfler nicht über den Tisch ziehen lassen.

Erschienen in Ausgabe 08+09/2011 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 144 bis 145. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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