ARCHIV » 2011 » Ausgabe 08+09/2011 »

Praxis

Zeitungs-Pioniere auf Facebook

Von Ulrike Langer

In vielen Redaktionen wird Twitter und Facebook noch belächelt. Dabei lassen sich durch soziale Netzwerke neue Themen und Zielgruppen finden, zeigen drei deutsche Regionalzeitungen.

Noch bis vor Kurzem wurden Redakteure der „Rhein-Zeitung“ („RZ“), die sich intensiv mit Twitter und Facebook beschäftigten, von Social-Media-resistenten Kollegen belächelt. Inzwischen sind auch Skeptiker bekehrt. Denn immer mehr Themenideen, Recherchen und letztlich auch Beiträge im Blatt sind auf Kontakt und Dialog mit Nutzern im sozialen Netz zurückzuführen. Ein aktuelles Beispiel: Von der geplanten Schließung des Oberlandesgerichts Koblenz erfuhr die Zeitung zuerst über eine Facebook-Gruppe zum Thema anstatt über klassische journalistische Quellen. „Wir haben einen unheimlichen Wissensvorsprung vor unseren Wettbewerbern, wir erfahren inzwischen vieles früher“, sagt Lars Wienand, Social-Media-Redakteur der „Rhein-Zeitung“.

„RZ“: Erfolg auf Facebook

Für die „RZ“ beginnt sich die Experimentierfreude im sozialen Netz auszuzahlen. Vor rund zwei Jahren brach die Koblenzer Regionalzeitung, die im nördlichen Rheinland-Pfalz und somit im vorwiegend konservativen und ländlich strukturierten Raum erscheint, mit viel Verve auf, um in neuen digitalen Gefilden neue Zielgruppen zu erobern. Inzwischen twittert die „RZ“ über mehr als 40 redaktionell definierte Twitter-Accounts mit mehr als 30.000 Followern. Allein der Hauptaccount hat rund 11.000 Nutzer. Für die Zentrale und jede Lokalausgabe gibt es eine eigene Facebookseite mit insgesamt mehr als 5.000 Fans. Hinzu kommen die Auftritte jeder Lokalredaktion beim regionalen Netzwerk WerKenntWen.de (die im vergangenen Jahr aufgrund der Nutzerabwanderung zu Facebook allerdings an Bedeutung verloren haben).

Immer häufiger bekunden Fans und Follower, die früher nach eigenen Angaben nie etwas mit der „RZ“ anfangen konnten, ihre neugewonnene Sympathie für das regionale Medium, sie informieren von sich aus die Zeitung per Twitter oder Facebook über interessante Entwicklungen in der Region und mitunter verkünden dort auch Nutzer öffentlich ihren Status als Neuabonnenten der Zeitung. Diese konnte ihre Auflage (202.000 Exemplare laut IVW 1/11) durch ihr Engagement im sozialen Netz bisher zwar nicht steigern, doch sie stagniert immerhin nur, während andere Regionalzeitungen zum Teil deutlich an Auflage verlieren.

Was macht die „Rhein-Zeitung“ mit ihrer Social-Media-Strategie anders und wahrscheinlich auch besser als viele andere Regionalblätter? Es ist ihr gelungen, den eigenen Leuten zu vermitteln, dass Twitter, Facebook und Co. kein schmückendes Beiwerk sind, dem man sich widmen kann, wenn die „richtige“ Arbeit getan ist und das ansonsten den Redaktionspraktikanten überlassen bleibt. „Weil sie von oben gefördert wird, ist es eine Kultur, die alle erreicht“, sagt Wienand. Beide Chefredakteure der „RZ“ gehen mit gutem Beispiel voran und sind intensiv auf allen relevanten Plattformen unterwegs. Die Redakteure dürfen ruhig mal einen Leitartikel oder eine Reportage weniger schreiben, wenn sie sich dafür darum kümmern, ihre Facebookseite mit Leben zu befüllen. Twitter-Follower aus der Region werden zu Follower-Abenden eingeladen, Blattkritik von Nutzern wird bei Youtube hochgeladen. Angehende Journalisten haben in Koblenz nur noch eine Chance auf ein Volontariat, wenn sie ihre Affinität zum Webfilmen, Bloggen, Twittern und Facebooken schon bei der Bewerbung unter Beweis stellen können. Und über allem steht die Aussage des Verlegers, dass zumindest in den kommenden drei bis vier Jahren noch keine Renditeerwartungen mit dem Social-Media-Engagement verbunden sind. Die Redaktion darf im Wandel vieles einfach ausprobieren.

Privates Facebook

Auch bei der „Sindelfinger Zeitung/Böblinger Zeitung“ hat man die Chancen für regionale Medien im sozialen Netz erkannt und in der Redaktionskultur fest verankert. Für Hans-Jörg Zürn, Chefredakteur und Redaktionsleiter der „SZ/BZ“, sind soziale Plattformen mittlerweile lokaljournalistisch unverzichtbar: „Facebook ist ein virtueller Marktplatz, und eine Lokalzeitung muss auf dem Marktplatz präsent sein.“

Eine „Cheftaste“ (ein Klick darauf täuscht auf dem Bildschirm intensive Arbeit vor, wenn der Vorgesetzte den Raum betritt) ist hier überflüssig. Die Journalisten der „SZ/BZ“ dürfen unbeschränkt das soziale Netz nutzen, auch für private Zwecke. Dafür kümmern sich einige von ihnen auch abends und am Wochenende freiwillig um die „SZ/BZ“-Profile im Netz, wenn die Redaktion nicht besetzt ist. Die „SZ/BZ“ ist seit zwei Jahren bei Twitter vertreten, verweist dort ihre nur rund 240 Follower allerdings fast ausschließlich mit Links auf eigene Onlinebeiträge.

Anders „Der Westen“, das Onlineportal der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“, das seit Herbst 2008 vor allem auf Twitter setzt (25.000 Follower bei Twitter gegenüber 7.300 Facebook-Fans). Das schnelle Twitter eignet sich nämlich sehr gut, um Echtzeitnachrichten mit Servicecharakter oder Spaßfaktor gemeinsam mit den Nutzern zu erstellen. Wenn Staus oder Unfälle zu vermelden sind oder die Redaktion dazu aufruft, bei Schneefall Fotos mit dem Stichwort #weisserwesten hochzuladen, ist der Beteiligungsgrad in der Regel hoch. „Der Westen“ twittert in Schichten von 6 bis 23 Uhr und meldet sich mit freundlichem Gruß an die Follower täglich an und ab. Dass Twittern eine Form verkürzter Kommunikation sei, die nun mal nicht jedem Journalisten liege, bezweifelt Katrin Scheib, Chefin vom Dienst: „Gestandene Redakteure mit journalistischem Sachverstand sind nach Einweisung in der Lage, Tweets angemessen und auf den Punkt zu texten.“ Die „SZ/BZ“ engagiert sich seit Anfang 2010 vor allem bei Facebook im Dialog mit den Nutzern. 18 Redakteure sind Administratoren der Seite mit vollen Zugriffsrechten auf alle Funktionen, 80 Prozent der Verlagsangehörigen vom Redakteur bis zum Anzeigenleiter – und keineswegs nur die jungen Mitarbeiter – liefern Inhalte und beteiligen sich an Diskussionen. Ein strategisches Konzept für den Auftritt gebe es nicht, sagt Zürn: „Wer Lust hat, macht mit. Und wer etwas Spannendes sieht, postet es einfach.“ Dass der Dialog mit den Nutzern Spaß macht, erwünscht ist und mittlerweile zum Aufgabenfeld von Journalisten gehört, vermittelt nicht zuletzt der Chef selbst mit seinen Auftritten bei Workshops und Konferenzen, bei denen er von der Erfolgsgeschichte der „SZ/BZ“ im sozialen Netz erzählt. „Wir sind mit den Menschen im Gespräch und versuchen bei Facebook vor allem auch diejenigen zu treffen, die uns nicht abonniert haben“, so Zürn. Der Kontakthof Facebook ermögliche auch unmittelbare Recherchen: „Früher hätten wir recherchieren müssen, welche Menschen in der Region am 29. Februar Geburtstag haben, heute stellen wir die Frage einfach bei Facebook.“ Dass der Nutzerschwarm Antworten parat hat, wenn die „SZ/BZ“ einfach mal ins Blaue fragt, liegt natürlich auch daran, dass die Zeitung bei Facebook mehr als 2.200 Fans hat. Damit liegt sie deutschlandweit vorne beim Verhältnis Facebook-Fans zu Printlesern, denn das baden-württembergische Regionalblatt hat nur eine Auflage von täglich 12.000 Exemplaren. Zum Vergleich: Der nach Auflage 17-mal so große Wettbewerber „Stuttgarter Zeitung“ zählt bei Facebook nur doppelt so viele Fans wie die kleine „SZ/BZ“ (letztere ist dort allerdings auch erst seit dem 1. März 2011 aktiv).

Mehr Geld durch Facebook

„Gewinnbringend“ nennt Zürn das Facebook-Engagement nicht nur, weil es Recherchen und den Dialog erleichtert, sondern er meint das durchaus auch monetär. Im März 2011 verzeichnete die Webseite der „SZ/BZ“ „rund 100.000 Visits, davon kamen bereits 10 Prozent der Besuche über Links aus Facebook“. Vor einem Jahr, als die „SZ/BZ“ gerade erst be
i Facebook gestartet war, waren es nur halb so viele Visits. Und auch bei der „Rhein-Zeitung“ macht sich der Social-Media-Effekt bei den Online-Zugriffen bemerkbar: Bei manchen regionalen Themen wie beispielsweise dem Erdbeben in Japan kommen bereits mehr Besucher per Twitter und Facebook als über die „RZ“-Homepage.

Erschienen in Ausgabe 08+09/2011 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 122 bis 122 Autor/en: Ulrike Langer. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

;