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Praxis

Abbas redet, „Haaretz“ druckt

Tel Aviv. Während seiner Rede zur Eröffnung des Oktoberfestes in Taybeh bei Ramallah wird die Stimme des Bürgermeisters der kleinen Stadt im Westjordanland immer lauter: „Wir wollen endlich unseren eigenen Staat in den Grenzen von 1967 und mit Al Quds (Jerusalem) als Hauptstadt“, dröhnt die Stimme von Bürgermeister David Khoury aus den Lautsprechern über den Festplatz. „63 Jahre Besatzung sind genug!“ Jetzt schreit Khoury ins Mikrofon. Zwar wiederholt er nur die Kernpunkte der Rede, die Palästinenserpräsident Mahmud Abbas eine Woche zuvor in New York gehalten hat. Aber die palästinensischen Festgäste sind so begeistert, als hörten sie dies alles zum ersten Mal. Frenetisch klatschen sie Beifall.

Die Rede des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu allerdings, die sich am selben 23. September unmittelbar an die von Mahmud Abbas anschloss, wurde in den Palästinensergebieten nicht einmal übertragen. Die Palästinenser wollten sich bei den Jubelfeiern zu ihrer eigenen politischen Performance in New York nicht stören lassen. Das israelische Fernsehen dagegen hat beide Reden übertragen. Zuerst die von Abbas, dann die Netanjahus. Und die Online-Ausgabe der liberalen Tageszeitung „Haaretz“ hat den vollständigen Redetext der Rede von Abbas publiziert. Für jedermann zum Nachlesen. Abbas’ Rede hat bei vielen Israelis Wut hervorgerufen. Israel sei kein einziges Mal erwähnt worden, hieß es. Wer im Redetext nachliest, sieht sofort, dass Abbas Israel mehrfach erwähnt hat. Dass er der israelischen Regierung und dem israelischen Volk ausdrücklich die Hand entgegengestreckt hat, um „gemeinsam unseren Kindern eine Zukunft in Frieden, Sicherheit und Wohlstand“ zu ermöglichen. Aber diese Passage ging in der Wahrnehmung der Israelis unter in der langen Rede über das Leiden der Palästinenser unter Besatzung und „Apartheid“. Den Israelis fehlte eine klare Anerkennung des Staates Israel und Verständnis für ihre Sicherheitsinteressen. Sima Kadmon, Kommentator der meistverkauften Zeitung in Israel, „Yedioth Achronoth“, bescheinigte Netanjahu, er sei ein Demagoge, der einen Oscar verdiene und keinen Friedensvertrag. Er resümierte, die Palästinenser wollten einen Staat, seien aber nicht bereit, Frieden mit dem israelischen Volk zu schließen, und die Israelis wollten Frieden, seien aber nicht bereit, den Palästinensern einen eigenen Staat zu geben.

Das ist eine recht wohlmeinende Interpretation der Haltung der derzeitigen israelischen Regierung. Die will nämlich keinen Frieden, sondern lediglich Ruhe, wie es der frühere Leiter des Government Press Office, Daniel Seaman, einmal pointiert formulierte. Beide Redner, Abbas und Netanjahu, haben sich wohl in erster Linie an ihre eigene Klientel gewandt und versucht, deren Erwartungen zu bedienen.

Die ganze Rede: http://bit.ly/qMiUwR

Die Autoren dieser Kolumne sind Mitglieder von www.Weltreporter.net. e-Mail: cvd@weltreporter.net

Erschienen in Ausgabe 10+11/2011 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 118 bis 118. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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