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Special

Betriebs-Caritas nötig

Von Interview: Elisabeth Horvath

Caritas-Präsident und ORF-Stiftungsrat Franz Küberl über das CSR-Konzept, auf freiwilliger Basis soziale und Umwelt-Belange nachhaltig in der Medienbranche zu integrieren.

Wie sollen CSR-Prinzipien in den Medien Platz greifen?

Franz Küberl: Sie sollten in den Medienunternehmen – ich betone: Unternehmen – eine Grunddimension werden. CSR ist mehr als Sponsoring. Die sozialen und ökologischen Belange sollten nicht, wie in Österreich und überall anderswo üblich, dem Sozialstaat anheimgestellt werden, sondern zur Kultur eines Unternehmens gehören. Die CSR-Unternehmen legen sehr viel mehr als andere Unternehmen Wert darauf, dass ihre Mitarbeiter auch über Sozialkompetenz verfügen.

Ist in der Berichterstattung selbst das Soziale, Ökologische in Verbindung mit der Ökonomie ausreichend thematisiert?

Ja, durchaus. Aber das muss man trennen: Die Unternehmen selbst sind natürlich in besonderer Weise gefordert. Die CSR-Prinzipien gehen ja weit über einen Codex hinaus. Ich nehme an, dass man in Zukunft in jedem Unternehmen, ich meine jetzt nicht nur Medienunternehmen, so etwas wie eine Betriebs-Caritas brauchen wird. Damit Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die in einer schwierigen Situation sind, nicht außen vor gestellt werden, sondern Solidarität im Unternehmen erfahren. Das ist ein klassisches Beispiel dafür, wie man mithelfen kann, dass CSR auch zu einem Symbol für Solidarität innerhalb eines Betriebes wird. Und dass dies nicht nur Sache des Staates ist. Dafür muss man vorsorgen und eine entsprechende Struktur schaffen, etwa einen Krisenfonds.

Aber ist in den Medienunternehmen heute nicht fast das Gegenteil Realität? Einerseits werden junge Journalisten kaum mehr angestellt, das heißt, sie leben in ständiger Unsicherheit und verstärkter Abhängigkeit vom Medieninhaber. Andererseits, so oft die Klage, werden sie ausgepresst und dann abserviert. Selbst wenn dies übertrieben sein soll, kann man sich da noch innermediale Solidarität vorstellen?

Auch mir ist vieles bekannt. Aber es gibt schon noch Unterschiede zwischen den Medien. Und es gibt Unterschiede zwischen dem, wie sich die Unternehmen intern verhalten, und was sie schreiben bzw. publizieren. Es gibt ja auch einen Grund dafür, dass in Österreich auf den Medienseiten und in den Medienjournalen nie vom eigenen Medienunternehmen die Rede ist, sondern immer nur von den anderen. Ein ORF-Mitarbeiter ist also gut bedient, wenn er die Medienseiten der Zeitungen liest, um Internes zu erfahren. Und umgekehrt, ein „Krone“- oder „Kurier“-Redakteur wird vielleicht eine andere Zeitung lesen müssen, um aus dem eigenen Unternehmen etwas zu erfahren. Und das halte ich – pardon – für die zweitbeste Lösung. Einzige Ausnahme war bisher der Styria-Verlag, der in seinen Blättern „Presse“ und „Wirtschaftsblatt“ selber über die Absetzung ihres Generaldirektors Pirker berichtet hat. Doch normalerweise ist das ein Ding der Undenkbarkeit, wiewohl das eigentlich ganz normal sein sollte. Ich staune immer wieder, wie es die Medien schaffen, den eigenen Leuten als Letzte Internes zu erzählen. Das muss man erst zusammenbringen. Da sind die Medien kirchlicher, als sie glauben.

Wie meinen Sie das?

Na ja, die Kirche handelt ja auch so. Da liest man in allen Zeitungen, was sich in der Kirche tut, lange bevor man es in der eigenen Kirchenzeitung zu lesen bekommt. Die andere Frage ist jene, die die jungen Leute angeht. Das ist nicht nur eine ORF-Frage, das gilt für alle Medien. Man braucht junge Leute, damit neue Ideen kommen.

Eben. Und warum geht man dann so mit Ihnen um?

Ich bin jetzt doch schon länger mit Journalisten in Kontakt. Und mich fasziniert immer wieder, wenn ich dann lese oder höre, was sie schreiben beziehungsweise berichten. Und was sie alles wissen und wie gescheit sie das machen. Also Gott sei Dank gibt es solche. Daher ist es eine spannende, medienunternehmerische Frage: Habe ich genug junge Leute, ist genug Experimentierpotenzial da und wie gehe ich mit ihnen um? Das ist, unabhängig jetzt von CSR, eine Überlebensfrage.

Kommen wir zum ORF. Dort ist ja auch die Berichterstattung mit Blick auf CSR durchaus okay, doch wie schaut es innerbetrieblich mit den CSR-Prinzipien aus?

Ja, die Berichterstattung ist okay. Oder auch wenn ich mir „Licht ins Dunkel“ oder „Nachbar in Not“ ansehe, wie viele Techniker und Redakteure – auch in den Landesstudios – nicht auf die Stundentafel schauen. Da gibt es schon ein beachtliches Engagement. Andererseits ist bei CSR die spannende Frage, ob das Unternehmen Interesse daran hat, dass seine Mitarbeiter auch im sozialen Kontext ausgebildet sind bzw. sich ausbilden lassen. Und was die Ökologie angeht, so ist alleine das Thema Küniglberg und Ökologie – ich meine das Gebäude – eine Wissenschaft für sich. Und es geht zunächst einmal auch um den Umgang miteinander.

Wohl allein schon deshalb, weil sich der Umgang miteinander auch auf das Produkt niederschlägt. Immerhin arbeitet man besser und effizienter, wenn man ordentlich behandelt wird.

In dem Sinne ist zum Beispiel das Mobbing ein klassisches Verhalten, das den CSR-Prinzipien widerspricht. Und ich betone bei vielen Caritas-Veranstaltungen immer wieder, dass Solidarität und Mitmenschlichkeit ganz leise beginnt, also am Sonntagnachmittag, wenn man beim Kaffee über Abwesende anständig spricht. Oder im Unternehmen – ich sage das nicht nur für den ORF – beim gemeinsamen Kaffeetrinken über Abwesende halbwegs anständig redet.

Sie werden im November dem ORF-Stiftungsrat über Ihr ausgearbeitetes Konzept zum Corporate Governance Codex berichten. Ich weiß, Sie werden vorweg natürlich über keine Details berichten, aber hat dieser Codex teilweise nicht auch mit CSR zu tun?

Man kann es auch mit CSR in Verbindung bringen. Jedenfalls beruht der CGC-Generalentwurf auf Freiwilligkeit, den jedes Unternehmen auf die eigenen Verhältnisse anpassen soll. Vor ein paar Wochen hat der Bund in Vollziehung einer EU-Vorgabe einen diesbezüglichen Entwurf für staatsnahe Unternehmungen ausgearbeitet. Der ORF ist zwar keine AG, sondern eine Stiftung. Doch er hat viele Aspekte, die einer Aktiengesellschaft nahekommen, und daher ist es gescheit, dass man so etwas macht.

Können Sie konkreter werden?

Zum Beispiel gibt es im ORF sehr wohl im Gesetz definierte Informationsrechte und -pflichten der Geschäftsführung gegenüber den Aufsichtsorganen, also dem Stiftungsrat. Doch erstaunlicherweise kann man diese nach dem Schema des Corporate Governance Codex durchaus noch einmal präzisieren. Weiters gibt es in dem Codex eine Regel, die weder mir noch, glaube ich, Leuten im ORF bewusst ist. Nämlich, dass Aufsichtsräte von jenen Unternehmen, denen sie aufsichtsrätlich gegenübersitzen, keine Kredite nehmen dürfen sollen.

Ist das im ORF überhaupt schon vorgekommen?

Meines Wissens nicht. Weiters werden Regelungen vorgeschlagen, die allfällige Geschäftsbeziehungen zwischen Aufsichtsräten und dem Unternehmen transparent machen sollen.

Welche da wären zum Beispiel?

Ein Beispiel war Fritz Muliar, der leider schon verstorben ist. Wir sind jahrelang nebeneinandergesessen im Stiftungsrat. Es ist gescheit, dass so jemand drinnen sitzt, aber natürlich ist das gleichzeitig jemand, der unter Umständen eine Geschäftsbeziehung mit dem ORF hat.

Ist das nicht sowieso unvereinbar?

Nicht so dezidiert. Natürlich kann es Geschäftsbeziehungen geben, sie müssen nur transparent sein. Und da ist die Frage, wie sind sie transparent zu machen. Da geht es auch um eine gewisse Diskretion. Es soll ja keine Person vorgeführt werden. Transparenz soll also nicht heißen, dass man das in jeder Zeitung lesen kann.

Also keine Veröffentlichung?

Nein, sondern zunächst einmal gegenüber der Institution. Es geht also vor allem um Transparenz zwischen dem einzelnen und dem gesamten Stiftungsrat.

Eine ganz andere Frage: Wie fühlen Sie sich eigentlich im Stiftungsrat als Nullgruppler unter so vielen Parteigängern?

Ich bin ja Vertreter der Kirchen- und Religionsgemeinschaft
en. Ich habe also schon auch auf deren Anliegen Bedacht zu nehmen. Aber nicht nur. Mein Verständnis als Stiftungsrat ist eben auch, dass ich zum Gesamtwohl des ORF beitrage. So steht es ja auch im Gesetz. Und es ist mir wichtig, dass man nicht meint, es reiche oder wäre vernünftig, sich nur dann zu melden, wenn sich etwas im Religions- bzw. Kirchenbereich tut. Man muss das Gesamte im Auge haben. Das Zweite ist: Ich fühle mich sehr wohl im Stiftungsrat. Ich habe mit sehr vielen Leuten eine sehr gute Gesprächsbasis. Natürlich hängt das auch von den Themen und den Abstimmungen ab, aber im Grunde ist es inzwischen registriert, dass es eben auch Leute wie mich gibt, die sich dem ORF verpflichtet fühlen. Und damit habe ich eh schon genug zu tun.

Ich nehme an, es gibt immer wieder auch Themen, bei denen Einstimmigkeit herrscht. Welche waren denn aber für Sie schwierige Abstimmungen? Und jetzt frage ich Sie nicht nach der Wahl des ORF-Generaldirektors.

Zum Beispiel die Oberhauser-Abstimmung. Das war für mich nicht leicht, weil er ja als Direktor und zweitwichtigster Mann des ORF fünf andere Möglichkeiten gehabt hätte, das Drama, das er zur Sprache bringen wollte, zur Sprache zu bringen. Die Tatsache, dass ich die Form, die er gewählt hat, nicht gutgeheißen habe, hat mir eine schwere Verkühlung seitens des Oberhausers eingetragen. Aber ich werde sie mit Fassung tragen. Es gibt also auch Abstimmungsvorgänge, nach denen Leute über Jahre hindurch schwer angekränkelt sind. Das müssen gar nicht Leute im Stiftungsrat sein. Mit dem muss man halt auch leben. Das Entscheidende ist das Mitdenken und dass man mit vielen Stiftungsräten, aber auch mit Leuten des ORF redet. Man braucht zur eigenen Meinungsfindung das gesamte Meinungs- und Ideenspektrum.

Weil man ja nie allein alles wissen und bedenken kann.

Man kann aber durchaus auch sagen, dass auch bei von Parteien nominierten Stiftungsräten fallweise die Tendenz herrscht, sich eine Spur freizuspielen. Da hat sich in den letzten Jahren etwas entwickelt. Andererseits habe ich im Laufe der Jahre natürlich eine ganze Reihe von parteipolitischen Spielchen erlebt. Eines der beliebtesten ist, dass man vor Abstimmungen schaut, ob die eigenen Hühner noch im Stall sind.

Das beobachten Sie gewissermaßen von außen.

Und ich habe auch schon erlebt, dass mir Stiftungsräte sagen: „Mein Gott, könnte ich mich so verhalten wie Sie.“ Das sage ich jetzt durchaus mit Respekt. Natürlich bildet man sich die Meinung immer mit anderen, das geht auch mir so. Doch ich behalte mir eben vor: wenn eine bestimmte Tonlage von irgendwoher gesungen wird, dass ich da eben nicht automatisch mitsinge.

Deshalb werden Sie ja auch fallweise beneidet …

Ja, von manchen. Und ich habe ja auch schon gesehen, dass Leute, die sich nach Meinung der sie entsendeten Parteien zu selbstständig verhalten haben, dann nicht mehr da sind. Nicht selten waren es die Gescheitesten, die ich hinunterschwimmen gesehen habe. In Wirklichkeit sind halt alle Parteiführer nur davon beseelt, so oft wie möglich vorzukommen. Dass deswegen ein Parteiführer nicht erfolgreich sein muss, selbst wenn er oft vorkommt, hat die Geschichte allerdings schon mehrfach bewiesen. Und es hat exzellente Parteiführer gegeben, die nicht sehr oft vorgekommen sind. Denn die Frage ist ja, mit welchen Anliegen er vorkommt. Hab ich was, was die Leute mitreißt?

… und wie argumentiert und erklärt wird.

Es gibt heute schon einen Grund, warum die „ZIB 1“ zwar immer noch gut gesehen wird, aber natürlich weit weniger als vor 20 Jahren: Das hat eben manchmal auch mit den Politikern und ihren Einflüsterern zu tun. Aber das hören die Politiker nicht gern. Weil sie ja immer glauben, wenn sie aus dem Kastl schauen, dann warten die Leute schon drauf. Aber es warten halt nur mehr 25 Prozent der Leute drauf, oder 28. Und die anderen …? Das Problem ist eben, dass die einzelnen politischen Personen halt gewogen und für nicht so schwer gefunden werden, dass man sich das im ORF gibt.

Erschienen in Ausgabe 10+11/2011 in der Rubrik „Special“ auf Seite 72 bis 77 Autor/en: Interview: Elisabeth Horvath. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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