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„Bist du wahnsinnig? Die sägen dich doch ab!“

Von Michael Fleischhacker

Michael Fleischhacker, Chefredakteur der „Presse“, ist gerade aus der Väterkarenz zurück.

Als unser Sohn etwa zehn Monate alt war, erzählten wir einem befreundeten, älteren Paar von dem Plan, dass ich nach Arthurs erstem Geburtstag die Möglichkeit einer zweimonatigen Väterkarenz in Anspruch nehmen wollte. „Bist du wahnsinnig?“, entfuhr es daraufhin unserem Freund. „In zwei Monaten sägen die dich doch ab.“

Daran hatte ich, ehrlich gesagt, noch nicht gedacht. Man wird wohl nachlässig mit der Zeit. Aber es stimmt natürlich: Wenn man einen Betrieb, für dessen Funktionieren man verantwortlich ist, für zwei Monate verlässt, stellt sich möglicherweise heraus, dass dieser Betrieb sehr gut auch ohne einen funktioniert. Andererseits: Wenn der Betrieb, für dessen Funktionieren man verantwortlich ist, nicht zwei Monate ohne einen funktionieren kann, wäre das erst recht ein Grund, den Verantwortlichen „abzusägen“. Wie man es also macht, ist es falsch.

Ich habe die spontane Reaktion meines Freundes nach einem kurzen Moment der Verstörung als Echo einer Haltung interpretiert, deren Tenor, wie ich fürchte, noch nicht allzu lange verklungen ist: Wenn einer, ein Mann nämlich, signalisiert, dass ihm, wenn auch nur für zwei Monate, sein Kind wichtiger ist als seine Firma, hat er seinen Anspruch auf eine Führungsrolle in dieser Firma verwirkt.

Dass wir hier nicht über die Mythen einer urvordenklichen Zeit sprechen, zeigten mit auch die vielen positiven, ja euphorischen Reaktionen auf die nun doch wieder nicht so sensationelle Tatsache, dass der Chefredakteur einer Tageszeitung zwei Monate in Väterkarenz geht. Man beglückwünschte meine Frau und lobte mich für meine sprichwörtlich vorbildliche Entscheidung: Es sei wichtig, hieß es, zu zeigen, dass man das auch in einer Führungsposition machen könne. Obwohl ich für Lob und den Verdacht, etwas Besonderes zu sein, überdurchschnittlich empfänglich bin, war mir dabei nicht ganz behaglich. Das würde doch bedeuten, dass Männer, die sich dafür entscheiden, sich für einige Monate nicht ihrem Job, sondern ihrem Kind zu widmen, in ihrem Unternehmen ernsthafte Probleme bekommen können.

Apropos „dem Kind widmen“: Ich denke, dass es darum nur am Rande geht. Die wirkliche Bedeutung einer Väterkarenz liegt nicht in der Beziehung zwischen Vater und Kind, sondern in der Beziehung zwischen Mutter und Vater. Natürlich ist es schön und auch anspruchsvoll, für einige Zeit die ganze Verantwortung für den Alltag eines Kleinkindes zu übernehmen. Aber der entscheidende Wert eines solchen Modells liegt im Suchen und Finden von Wegen, die Lasten und Einschränkungen der persönlichen Freiheit, die Elternschaft eben auch bedeutet, so zwischen den Eltern auszutarieren, dass auch das Glück, das ein Kind bedeutet, sich über beider Elternteile Alltag verteilt.

Ich habe nicht den Eindruck, dass das der österreichische Gesetzgeber auch so sieht. Dass er das neue, sogenannte „gehaltsabhängige“ Karenzmodell mit besonders strengen Zuverdienstgrenzen versieht, deutet eher darauf hin, dass der Gesetzgeber meint, es solle zwölf Monate die Mutter das Kind hüten und sonst nichts tun, damit dann zwei Monate lang der Vater das Kind hütet und sonst nichts tut, jedenfalls nichts Erwerbsmäßiges.

Ja, ja, ich weiß, es geht um das Hintanhalten von Missbrauch, und noch dazu schafft die Administration des Hintanhaltens des Missbrauchs Arbeitsplätze. Vielleicht denkt ja doch noch irgendwann einmal jemand in diesem Staat darüber nach, dass es effizienter wäre, den Menschen weniger Steuern abzuknöpfen, als ihnen einen Bruchteil ihrer Steuerleistung unter den wachsamen Augen einer kostspieligen Missbrauchshintanhaltungsapparatur als Gnadenakt zurückzugeben.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Geschichte einer Väterkarenz selbst ist auf sehr unspektakuläre Weise lehrreich und deshalb zur Nachahmung sehr zu empfehlen. Vor allem für Männer, die in ihrem beruflichen Alltag darüber zu entscheiden haben, welche Chancen auf Führungspositionen und die entsprechenden Einkommen sie berufstätigen Müttern einräumen.

Erschienen in Ausgabe 10+11/2011 in der Rubrik „Rubriken“ auf Seite 20 bis 21 Autor/en: Michael Fleischhacker. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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