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Beruf und Medien

Das Löwinnen-Prinzip

Von Interview: Astrid Kuffner

Martina Haas, selbstständige Beraterin und Coach, präsentiert auf dem 13. Österreichischen Journalistinnenkongress sieben Karriere-Stellschrauben für Frauen. Wiewohl strukturell einiges zu tun ist, sind Frauen auch selbst für ihr Fortkommen verantwortlich. Das ist harte Arbeit und geht nicht ohne Konflikte ab.

Ist der Name Löwinnenprinzip nicht eine Themaverfehlung? Die Löwinnen jagen, aber der dominante Löwe frisst zuerst …

Martina Haas: Die Löwinnen haben erkannt, dass sie gemeinsam besser vorankommen und nur im Rudel überleben können – mit Mut, Umsicht, klarer Arbeitsteilung und einer klugen Strategie unter Verbündeten im Team. Dass der Löwe zuerst frisst, lassen sie aus gutem Grund zu, denn er schützt das Territorium und das Rudel.

Kann man denn jederzeit Karriere machen?

Es ist nie zu spät für eine Karriere, wird mit zunehmendem Alter aber schwieriger. Je früher man sich vorbereitet, desto mehr Vorlauf hat man und kann sich dann auch eher Fehler erlauben. Die sieben Aspekte greifen ineinander. Es sind Stellschrauben, an denen jede Frau drehen kann. An jeder mit unterschiedlicher Intensität aufgrund unterschiedlicher Notwendigkeiten. An meinen Seminaren nimmt eine Mischung aus ganz jungen Frauen und vielen Frauen über 45, die wieder einsteigen oder durchstarten wollen, teil. Damit hatte ich bei der Konzeption nicht gerechnet. Viele Frauen vernachlässigen leider das Strategische, weil sie denken: viel arbeiten und einen guten Job machen reicht aus. Mit einer Strategie wird das Leben einfacher. Eine IBM-Studie hat schon vor Jahren gezeigt: Erfolg im Beruf besteht nur aus 10 Prozent Leistung, 30 Prozent des Erfolgs basieren auf guter Eigen-PR und 60 Prozent auf guten Beziehungen.

Haben Sie Einblick in die Situation in Verlagshäusern und Medien. Wovon sind Journalistinnen besonders betroffen?

Journalistinnen sind relativ schlecht bezahlt für ihre anspruchs- und verantwortungsvolle Arbeit. Aber das ist ein Branchenproblem. Wie in der Gesamtgesellschaft gibt es nur wenige Frauen in Führungspositionen. Meine These ist: Frauen sitzen auf den Fleißposten. Oft haben sie nicht das Wissen, was für Benefits es neben dem Gehalt gibt. Das hat mir die Gleichbehandlungsbeauftragte eines großen Senders bestätigt. Da gibt es ein Gehaltsschema, doch in den Zulagen ist zusätzliches Geld zu holen. Hier sind Männer oft besser informiert und offensiver beim Fordern.

Da stecken wir mitten im Thema Frauen und Geld …

Wir müssen uns unserer Kompetenz bewusst sein. Sie ist Basis für unseren Marktwert. Männer kennen ihren Marktwert besser, weil sie mehr Menschen kennen, die ihnen dazu direkt oder indirekt Auskunft geben. Männer überwinden die Scham, über Geld zu sprechen, eher. Wer nicht über Konditionen spricht, kann den eigenen Wert nicht bemessen. Untersuchungen aus den USA mit Studierenden im ersten Einstellungsgespräch zeigen: 90 Prozent der Männer verhandelten ein höheres Gehalt, während die Frauen das Angebotene nahmen, weil sie sich über die interessante Aufgabe freuten. Männer gehen immer davon aus, dass noch mehr drin ist, und versuchen es – ohne Angst vor einem Nein. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Frauen ein Nein persönlich nehmen und Männer eher spielerisch.

Kompetenz muss kommuniziert werden, ist eines Ihrer Credos. Kommunizieren Frauen ihren Marktwert besonders schlecht und warum?

Frauen denken schnell, sie geben an, wenn sie über ihre Kompetenzen sprechen. Das kommt schon aus der Kindheit mit dem Spruch im Poesiealbum: „Sei wie das Veilchen im Moose, sittsam, bescheiden und rein. Nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein.“ Wenn ich vorankommen will, muss ich diese Erziehung hinter mir lassen. Männer haben diese Sorge nicht und trauen sich oft mehr zu, als sie dürften. Sie sind der Meinung: andere kochen auch nur mit Wasser und mit Learning by Doing meistert man den Rest. Um aus der Bescheidenheitsfalle zu kommen, hilft es, von anderen Frauen und Männern ein Feedback zu erfragen. Das rückt das Selbstbild gerade. Das Fremdbild ist in der Regel viel besser. Holen Sie Referenzen ein und Sie werden staunen, wie positiv Sie gesehen werden. Das tut richtig gut.

Everybody’s Darling oder Arbeitsbienchen zu sein sind keine Strategien, um voranzukommen?

Beide bleiben in der Sackgasse. Das Arbeitsbienchen lässt man nicht weg, weil es gut arbeitet – ideal für Chefs. Das Modell Everybody’s Darling kann bis ins mittlere Management kommen. Wer aber keine schwierigen Entscheidungen treffen oder unangenehme Botschaften überbringen will, wird dort stehen bleiben. Nicht falsch verstehen: Sympathisch und charmant zu sein ist wichtig – im Umgang, aber in der Sache der Situation angemessen, gegebenenfalls auch hart. Karriere machen heißt, immer viel arbeiten zu müssen. Zeit und Energie muss aber nicht nur ins Fachlich-Sachliche fließen, sondern auch in die Strategie. Erste Fragen dazu sind: Will ich Karriere machen? Was kann ich besonders gut – im Sinne einer Profilierung? Wo sind die Fische, die ich fangen will? Wie bringe ich meine Kompetenz den richtigen Leuten zur Kenntnis? Wer kann mich unterstützen?

Was ist denn in Gesprächen wichtig – im Job-Interview, in Sitzungen oder bei Gehaltsverhandlungen?

Dass man gut vorbereitet sein muss, steht außer Frage. Aber man muss auch wissen: Der erste Eindruck zählt. Wie Sie ein Büro, einen Konferenzsaal betreten, entscheidet oft über Sein oder Nichtsein. Menschen sind nun mal keine rationalen Wesen. Doch wir haben in der Hand, wie die Gesprächsatmosphäre ist. Dazu muss man sich spontan mit dem Gegenüber auseinandersetzen und das können Frauen in der Regel sehr gut. Ich halte viel von Small Talk, er zielt auf die Beziehungsebene. Manche Menschen kommen zu schnell zum Geschäft. Das Persönliche ist aber unverzichtbar. Das vermeintliche Geplänkel am Anfang von Sitzungen nervt viele Frauen. Sie verkennen dabei: Männer klären damit ihre Rangordnung ab.

In Ihrem Buch geht es auch um das „Wie“ im Umgang mit Männern. Woher wissen Sie da Bescheid?

Mit 51 habe ich eine Menge Lebenserfahrung und bin eine sehr gute Beobachterin. Ich habe viel von Männern gelernt. Auch daraus, dass sie die Dinge oft ganz anders anpacken, dennoch zum Ziel kommen oder gar besser. Man sollte andere nicht kopieren. Anregungen darf man sich aber holen. Frauen müssen im Hinterkopf haben, dass Männer anders denken, agieren und auch kommunizieren. Im eigenen Interesse heißt es, sich darauf einzustellen. Mein Tipp: Nicht zu viele Botschaften in den Schriftverkehr packen. Bei einem Ranking die wichtigste, die man durchsetzen will, weit vorne. Klare Botschaften, knapp gefasst, reichen aus. Mehr stört Männer oft schon. Frauen brauchen eine andere Ansprache, ein bisschen mehr Small Talk „zum Anwärmen“. Wir legen großen Wert auf Harmonie. Das ist einerseits positiv, andererseits der Karriere oft hinderlich.

Was charakterisiert denn ein gutes Netzwerk?

Dass es sehr viele unterschiedliche Menschen umfasst nach Alter, Beruf, Geschlecht und auch Herkunft. Ich finde es schön, wenn es zudem international ist. Das wird meines Erachtens in der globalisierten Welt immer wichtiger. Wichtig ist, dass eine vertrauensvolle Atmosphäre herrscht.

Beim Beziehungenpflegen macht man uns Frauen doch so schnell nichts vor. Oder doch?

Ja und nein. Privat stimmt das uneingeschränkt. Aber im beruflichen Kontext tun Frauen sehr oft zu wenig und führen gerne das Zeitproblem an. Wir haben alle wenig Zeit und die verwenden wir oft falsch oder verplempern sie sogar. Meine Erfahrung ist: Männer sind oft besser organisiert, antworten rascher, wenn auch nicht besonders ausführlich. Sie setzen andere Prioritäten. Vielleicht warten Frauen zu oft, bis sie die perfekte Antwort haben. Sie stecken in einer Zeit- und Perfektionsfalle. Menschen vergessen oft, dass Kontakte knüpfen nicht reicht – man muss sie auch pflegen. Das kostet Zeit, lohnt aber.

Da fällt mir Frauen und Familie ein. Kinder sind (auch) ein Zeitfaktor mit jeder Menge Potenzial für Unvorhergesehenes. Ist die Löwenmama da besser dran?

Frauen müssen einfordern und zulassen, dass Männer die Familienarbeit mit ihnen teilen. Die Herren-Löwen sind sich im Übrigen nicht zu s
chade, während der Jagd auf den Nachwuchs aufzupassen. Da gibt es eine Arbeitsteilung. Sie geben den Jungen oft großzügiger Beute ab als die Löwinnen.

Das klingt, als würden Sie der ehemaligen Chefredakteurin der „taz“, Bascha Mika, recht geben. Sie wird auf dem Kongress zum Thema Fehleranalyse mitdiskutieren und diagnostiziert bei gut ausgebildeten Frauen Angst vor Konflikten, Feigheit im Sinne von „nicht über den eigenen Schatten springen wollen“ und Bequemlichkeit.

Bascha Mika wird oft falsch verstanden, dabei stößt sie uns nur auf Schwachstellen. Wir brauchen strukturelle Veränderungen – u. a. leistbare, hochqualitative Kinderbetreuung. Dennoch müssen Frauen sich in ihrem Verhalten auch an der eigenen Nase nehmen. Die Doppelbelastung ist da, aber die Prioritäten für unsere Zeit und Ziele setzen wir immer noch selbst. Einmal bis zweimal im Monat kann jede Frau am Abend Zeit finden für wichtige Veranstaltungen. Frauen können gut viele Dinge im Auge behalten und müssen dabei nur noch diesen Perfektionismus ablegen: Man weiß dank Herrn Pareto: Mit 20 Prozent Aufwand ist 80 Prozent des Erfolges zu schaffen.

Was halten Sie vom Namen „Medienlöwin“ für die Auszeichnung, die auf dem Kongress verliehen wird?

Wunderbar! Die Namensgeber hatten sicherlich ähnliche Assoziationen wie ich. Die Löwin ist ein großartiges Bild für Mut, Klugheit und Ausdauer gepaart mit einem Hauch von Freiheit und Abenteuer. Davon sollten wir ein wenig mehr in unser Leben lassen.

Zur Person

Martina Haas,

51, ist Juristin und war fast zehn Jahre Führungskraft in einem internationalen Banken- und Immobilienkonzern. Zuletzt war Haas Prokuristin sowie Geschäftsführerin diverser Tochtergesellschaften. 1999 gründete sie gemeinsam mit Peter Seiler die Rechtsanwaltskanzlei Seiler & Haas. Seit 2004 berät und coacht sie mit ihrer Agentur Konzept und Innovation.

Sie arbeitet an einem zweiten Buch über Karrierestrategien und Networking.

www.konzept-innovation.de

Erschienen in Ausgabe 10+11/2011 in der Rubrik „Beruf und Medien“ auf Seite 58 bis 58 Autor/en: Interview: Astrid Kuffner. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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