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Praxis

Der Terrorist von Oslo bombte Redaktion in die Zukunft

Von Interview: Engelbert Washietl

Bernt Olufsen ist Chefredakteur der norwegischen Tageszeitung „Verdens Gang“. Am Tag des großen Attentats von Oslo führte er den integrierten Newsroom ein.

Das Blutbad, das Anders Breivik am 22. Juli in und bei Oslo anrichtete, führte zu einem innovativen Kraftakt in Ihrer Redaktion. Ein integrierter Newsroom ist angesichts eines Ausnahmezustands unentbehrlich, andererseits aber erscheint eine Zeitung zumeist an völlig normalen Tagen. Bewährt sich Ihr Newsroom auch unter unaufgeregten Standardbedingungen?

Bernt Olufsen: Der Prozess der Integration fing schon einige Monate vor dem „Big Bang“ an. Die Print- und Online-Kultur besteht in Norwegen ja schon mindestens seit zehn Jahren. Aber für die Journalisten war es eher unüblich, daraus ein kombiniertes Arbeitsmodell abzuleiten. Der Terrorakt und die Berichterstattung der Zeitung darüber machten es für die Leute evident, dass eine Einheit hergestellt werden muss. Der Ausnahmezustand förderte das Verständnis für die neue Notwendigkeit.

Sie bewährt sich noch immer?

Die Journalisten sehen, wie effektiv es ist, und stellen dies auf allen Ebenen fest.

Beim Zeitungs-Weltkongress in Wien hat Ihr Kollege von „El Tiempo“ (Kolumbien), Generaldirektor Roberto Pombo Holguin, ein noch umfassenderes Modell der Integration vorgestellt. Es bezieht mehrere Zeitungen seines Unternehmens ein. So wollen Sie Integration nicht verstehen?

Ich glaube, wir brauchen Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten. Es gibt welche, die in Windeseile Hintergründe aufdecken, und andere, die länger überlegen. Wir müssen die Diversität der Organisation von News, die wir schon immer haben, ausbauen. Es geht darum, auf allen Plattformen präsent zu sein. Die journalistische Basis ist dieselbe. Aber wir brauchen mehr Reporter, die bereit sind, auf digitaler Ebene aktiv zu werden. Wir empfehlen den Mitarbeitern, 10 Prozent ihrer Arbeitszeit für Social Media aufzuwenden, dort einzutauchen und Informationen zu sammeln.

Mehrere Zeitungen von Schibsted werden also nicht gepoolt?

Nein, wir glauben an die Unabhängigkeit der Redaktionen. Die Rolle der Journalisten ist eine unabhängige. Das ist ein fundamentales Prinzip bei Schibsted. Die Unabhängigkeit der verschiedenen Medien der Gruppe muss erhalten bleiben. Sie unterscheiden sich voneinander und organisieren sich unterschiedlich. Wir lernen voneinander, haben aber auch unterschiedlich ausgerichtete Redaktionskonzepte. In Schweden erscheint unser sozialdemokratisches „Aftonbladet“, in Norwegen haben wir das eher konservative „Svenska Dagbladet“. Das sind somit auch verschiedene politische Standpunkte.

Ist Ihre Zeitung „VG“ noch immer die größte in Norwegen?

Das hängt davon ab, wie man es sieht. „VG“ hat die größte Leserschaft, aber die gedruckte Auflage ist nicht mehr die höchste, sie ist zurückgegangen, „Aftenposten“ hat eine höhere Druckauflage. Das ist aber keine wichtige Sache, denn es geht um gemeinsame Publizität von Print und Online. Es ist altmodisch, nur über die gedruckte Auflage zu reden.

Sie bemühen sich um einen einheitlichen Brand für Druck und Online?

Wir hatten bis vergangenes Frühjahr zwei Linien, nämlich „VG“ und VGnet. Diese wurden zusammengeführt, lediglich finanziell-administrativ gelten sie als zwei Einheiten.

Der Rückgang der Druckauflage könnte ja darauf hindeuten, dass die Gemeinsamkeit auf Kosten der gedruckten Zeitung geht?

VGnet wurde 1995 gegründet, und wir gestatten ihm, die Druckauflage zu kannibalisieren. Wir haben VGnet zur größten Online-Site in Norwegen ausgebaut. Das schadet dem Geschäft nicht. Wesentlich ist, dass die Zeitung den 1. Platz online errungen hat. In meinen Augen ist das ein hoher Wert.

Was ist die Erfolgsstrategie dabei?

Wir verstehen darunter eine geplante Form der Publizierung. Wir planen, auf welcher Plattform und zu welcher Zeit welche Story veröffentlicht wird, in welcher Form sie woanders erscheinen soll. Es geht darum, den journalistischen Markt zu dirigieren. Eine Story kann also als „breaking news“ mobil oder im Web starten und in unterschiedlicher Form von Storytelling in der Printausgabe am nächsten Morgen weitergespielt werden. Darauf können wieder Diskussionsforen im Internet tätig werden. Das ist die Strategie.

Sie erwähnten, dass am Tag des Attentats 34 Prozent der Kommunikation im Netz Ihrer Zeitung mobil erfolgte. Das war ein außerordentliches Phänomen?

Für Norwegen war es der Durchbruch der mobilen Plattform. Es war Freitag, das Wochenende nahte, die Menschen waren über das Land zerstreut und nutzten das Handy, um zu erfahren, was los war. Ähnliches beobachtete „Aftonbladet“ in Schweden, als sich die Nachricht herumsprach, dass die Kronprinzessin schwanger sei. Die mobile Plattform macht jetzt einen wesentlichen Durchbruch.

Der „Newspaper World Trends“-Report gibt den Gratiszeitungen wenig Zukunft, Ihre Gratisblätter in Spanien und Frankreich wirken jedoch sehr stabil. Gibt es ein geheimes Schibsted-Rezept, wie man erfolgreiche Gratiszeitungen macht?

Die Konkurrenz ist in beiden Ländern hart und die Frage ist offen, ob so viel Platz für so viele Player ist. Der Schlüsselfaktor des Erfolgs ist journalistische Qualität. Es genügt nicht, Material aus dem Netz zu sammeln und neu zu drapieren. Auch Gratiszeitungen müssen mit Eigenberichten gefüllt werden, und damit ist Schibsted sowohl in Spanien als auch in Frankreich bisher gut gefahren.

Es gibt unter den europäischen Medienunternehmen die Befürchtung, dass „Big Brothers“ wie Google und andere zu viel Einfluss bekommen und zu viel Geld abschöpfen. Halten Sie es für möglich, dass sich die europäischen Zeitungshäuser auf eine Plattform verständigen, von der aus sie ihre Unabhängigkeit besser verteidigen können?

Unsere Zeitungsunternehmen sind völlig unabhängig. Aber wir müssen das Faktum akzeptieren, dass Google und Facebook existieren. Entsprechend müssen wir handeln. Ich glaube nicht, dass eine Interessensgemeinschaft mit anderen Medienhäusern notwendig ist. Wir können vorhandene Organisationen und Treffen für diese Zwecke nützen. An diesen Diskussionen nehmen wir teil.

Wird Schibsted seine Aktivitäten in Europa verstärken, oder ist diese Zeit fürs Erste vorbei?

Wir waren sehr aktiv im Online-Anzeigengeschäft und es gibt eine Menge Aktivitäten außerhalb Europas. Eine verlegerische Expansion gab es vor Kurzem im Baltikum in Form einer Investition in Online-Newsservices. Aber in den Jahren fallender Ergebnisse im Anzeigengeschäft ist es nicht leicht, Neues anzufangen. In Norwegen haben wir den Plafond des rechtlich Zulässigen erreicht – Schibsted repräsentiert ein Drittel des norwegischen Zeitungsmarktes.

Info

„Verdens Gang“

Die norwegische Zeitung „Verdens Gang“ („VG“) hat eine 150-jährige Tradition. Das heutige Massenblatt entstand aus der Wiedergründung der Zeitung 1945. „VG“ erscheint im Tabloidformat in einer Auflage von 233.000 Exemplaren. Sie verlor 2010 den Platz als auflagenstärkste Zeitung an „Aftenposten“.

Bernt Olufsen ist seit 1994 Chefredakteur.

Erschienen in Ausgabe 10+11/2011 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 102 bis 103 Autor/en: Interview: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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