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Die Jagd nach Ostermayers Millionen

Von Johann Oberauer

200 Millionen Staatsgeld muss neu verteilt werden und es ist nicht egal, wem „Heute“ gehört.

Wien, 27. September 2011, Schauplatz Österreichische Medientage. Veranstalter Hans Jörgen Manstein schießt sich ein. Auf korrupte Politiker, auf Gauner in der Wirtschaft. Auch deren Handlanger, die Lobbyisten, nennt Manstein, und dann noch die Medien, die stillen Nutznießer, die sich seit Jahren kräftig mit Staatsanzeigen füttern lassen. Die knapp 100 Besucher, die sich im riesigen Saal der Wiener Stadthalle verloren haben, sind nun hellwach. Einige wundern sich über Mansteins Extra-Angriff auf „Österreich“. Hatten die nicht gerade das Frühstück spendiert? Manstein endet. Betroffenheit. Etwas später, gegen Mittag: Die Scheinwerfer richten sich jetzt auf Josef Ostermayer. Lächelnd, leicht im Schritt, tritt der Medien-Staatssekretär auf die Bühne. Er soll die Lobrede auf Ashwien Sankholkar halten. Der „Format“-Journalist wird heute den Alfred-Worm-Preis 2011 erhalten. Für die beste Aufdeckerstory. Verwirrung im Saal. Einige blicken sich fassungslos an.

Ostermayer? Das ist doch der, der seit Jahren einzelnen Zeitungen Anzeigen zuschiebt. Viele, viele Millionen. Geld vom Staat und staatsnahen Unternehmen. Quasi freihändig, ohne jede Kontrolle, so als wäre es sein eigenes. Jeder weiß es: Hauptempfänger ist neben „Österreich“ und „Kronen Zeitung“ vor allem „Heute“, das noch immer seine Besitzverhältnisse verschweigt. „Sollte rauskommen, dass, Heute‘ der SPÖ gehört, werden dafür einige vor den Richter müssen“, flüstert im Dunkel des Saales jemand. Sein Nachbar nickt. Ostermayer übergibt in diesem Moment einen riesigen Scheck. Applaus. Auf der Bühne lachen jetzt alle. Fürs Foto. Wieder Applaus. Die Zeit vergeht nur langsam an diesem Tag. Eva Dichand sitzt nun am Podium, aufgekratzt wie ein junges Mädchen, sie fuchtelt mit den Händen, unterdrückt mühsam, was sie weiß, aber noch nicht sagen darf: „Heute“ hat wieder bei den Lesern zugelegt. Wie viel, wird man in den nächsten Tagen erfahren, erklärt sie strahlend dem Publikum. Triumphierend lacht sie zu „Österreich“-Geschäftsführer Oliver Voigt, der sich wenige Stühle weiter eingegraben hat. Man redet über Qualität im Journalismus, wie schon die Jahre zuvor auch. Ganz außen sitzt Armin Thurnher. Irgendwann fragt er, wem „Heute“ gehört. „Was macht das für einen Unterschied, wenn ich eh alles bestimme“, antwortet Dichand. Einige lachen, auch Dichand. Sie klingt noch immer aufgekratzt. Wenngleich ein wenig anders.

Wien, 13. Oktober 2011, Schauplatz World Newspaper Congress. „VN“-Chef Eugen Russ sitzt am Podium. Es geht um die Zukunft der Medien. Russ ist auf solche Sitzgemeinschaften abonniert. Er gilt als ein Aushängeschild der Branche, selbst wenn seine Erfolge nun schon etwas länger zurückliegen und mit den Jahren die Flops immer mehr und größer werden. „Was ist mit dem Eugen los?“, fragt im Dunkel des Zuschauerraums eine Stimme ihren Nachbarn. Russ spricht heute noch leiser, die Wörter verlassen ihn kraftlos. Sein Gesicht ist blass, tiefe Falten. „Ein unheimliches Gewitter ist aufgezogen und wir wissen alle nicht, wie es uns treffen wird“, sagt Russ später am Gang. Und dann noch die Sache mit den Staatsanzeigen. „Da stehen 130 Millionen Euro auf dem Spiel, vielleicht sogar mehr, die Anzeigen von den Ländern noch gar nicht mitgerechnet“, sagt Russ besorgt, so als wäre es sein eigenes Geld.

An einer anderen Stelle im selben Raum: „Natürlich haben wir ein Exit-Szenario“, sagt VÖZ-Generalsekretär Gerald Grünberger zum Thema Staatsanzeigen. Nein, er will nicht sagen, wie man aus der Sache wieder herauskommt, die man sich selbst eingebrockt hat. Sonst wäre ja die Überraschung weg. Die Runde wirkt wenig überzeugt, als Grünberger geht. Bei einer Klausurtagung am Arlberg hatten die Verleger dem Kanzler erklärt, dass sie nicht mehr akzeptieren würden, wie die Staatsanzeigen verteilt werden. Zu viel „Kronen Zeitung“; zu viel „Österreich“. „Heute“ bekommt gar jede dritte Anzeige vom Staat oder staatsnahen Betrieben. Macht mir einen Vorschlag, soll Faymann geantwortet haben.

Salzburg, 18. Oktober 2011, Schauplatz „Ehrung Österreichs beste Gratiszeitungen“. „TT“-Chef Hermann Petz ist auf die Festung Hohensalzburg gekommen. Sein Haus nimmt heute die meisten Auszeichnungen entgegen. „Es sind in Wirklichkeit 200 Millionen im Jahr und uns betrifft das kaum, vielleicht mit 2 Millionen“, sagt Petz über die Staatsanzeigen, lächelt und lehnt sich beruhigt zurück. Einer seiner Leute wird an diesem Abend früher aufbrechen, zurück nach Wien, will am nächsten Morgen mit Ostermayer reden, wie man das Geld anders verteilen könnte.

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Erschienen in Ausgabe 10+11/2011 in der Rubrik „Rubriken“ auf Seite 7 bis 9 Autor/en: Johann Oberauer. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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