ARCHIV » 2011 » Ausgabe 10+11/2011 »

Praxis

Ein Korken im Niagara-Strom

Von Stephan Russ-Mohl und Kate Nacy

Die Mitschuld der Medien an der Finanzkrise ist noch wenig untersucht. Ein Buch aus den USA stellt neue Thesen auf und legt die Fehler der Journalisten offen.

Ist das Schulden- und Bankenschlamassel auch Indiz für eine Krise des Wirtschafts- und Finanzjournalismus? Welche Mitschuld am Meltdown der Banken und der Finanzmärkte trifft möglicherweise die Medien und den Journalismus – trotz oder gerade wegen der überbordenden Nachrichtenflut im 24/7-Takt? Dieser Frage spürt Anya Schiffrin (Columbia University) nach. In dem von ihr herausgegebenen Büchlein „Bad News“ lässt sie von allen möglichen Seiten ausleuchten, was schiefgelaufen ist. Kess fragt sie im Untertitel danach, wie es passieren konnte, dass „Amerikas Wirtschaftspresse die Geschichte des Jahrhunderts verfehlte“.

Geschwächte Journalisten

Zu den weiteren Autoren zählt viel Prominenz, darunter Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz, die Harvard-Medienexperten Bob Giles und Barry Sussman sowie Dean Starkman vom „Columbia Journalism Review“. Schiffrin sieht das partielle Versagen des Wirtschafts- und Finanzjournalismus in einem engen Zusammenhang mit der Abwärtsspirale, in welche die Redaktionen in den letzten Jahren geraten sind: Der amerikanische Journalismus sei bereits vor der Finanzkrise von 2008 „implodiert“, etwa ein Drittel aller Jobs in den Newsrooms verschwand in wenigen Jahren. „Die Erlöse aus dem Anzeigengeschäft“, so Schiffrin, „kollabierten – und das geschah bereits vor der Krise, wurde durch sie aber nochmals verstärkt. Die darauffolgende Kürzungs- und Kündigungswelle ließ die Journalisten um ihre Jobs zittern. Viele hatten wohl auch deshalb Angst, sich dem Herdentrieb entgegenzustellen.“

Es gebe bisher kaum Forschung darüber, wie Wirtschaftsjournalisten in Krisenzeiten agierten. Die wenigen vorhandenen Studien bestätigten aber, dass unter Bedingungen der Unsicherheit Journalisten noch stärker von ihren Quellen abhängig würden. „Das Tempo, in dem sich die Geschichten entfalten, bedeutet, dass Reporter einfach keine Zeit haben für breit angelegte, investigative Recherchen.“

Starkman identifiziert in seiner Inhaltsanalyse, die im Zeitraum von Anfang 2000 bis Mitte 2007 die neun wichtigsten Wirtschaftsmedien der USA erfasst, immerhin 730 Beiträge, in denen vor der Krise gewarnt wurde. Gemessen an den 220.000 Artikeln, die allein das „Wall Street Journal“ in diesem Zeitraum veröffentlicht habe, sei das aber eben wie „ein paar Korken, die auf einem Nachrichtenstrom von der Größe der Niagara-Fälle daherkommen“.

Intransparente Redaktionen

Thematisieren Chefredakteure solche Probleme und Schwächen journalistischer Berichterstattung im Dialog mit ihren Publika? Oder bleibt das Metier für Leserinnen und Leser eine „blackbox“, ein Buch mit sieben Siegeln? Die amerikanischen Medienforscher Norman P. Lewis, Jeffrey Neely und Fangfang Gao haben dieser Frage im „Newspaper Research Journal“ (Vol. 32, No. 2 Spring 2011) nachgespürt. Sie finden kaum Anhaltspunkte dafür, dass Journalisten in Leitungsfunktionen redaktionelle Entscheidungen für ihre Leser transparent machten. Von 280 untersuchten amerikanischen Tageszeitungen hatten ohnehin nur 39 Blogs leitender Redakteure in ihrem Angebot. Die meisten von ihnen werden nur sporadisch aktualisiert. Von insgesamt 621 Einträgen, die die Forscher analysiert haben, beschäftigten sich ganze 34 mit redaktionellen Entscheidungen. Von diesen 34 wiederum befassten sich 25 mit Berichterstattungsfehlern, nur fünf Einträge deuteten Gewissensbisse an.

Wenn leitende Redakteure die eigene Zeitung thematisieren, tun sie das, um Neuerungen oder technische Informationen mitzuteilen – ansonsten gehe es in solchen Blogs oftmals um „politische Grübelei, Familienangelegenheiten und Ähnliches“. Man könne eher erfahren, auf welches College die Verfasser „ihr Kind senden würden“, als dass gegenüber Leserinnen und Lesern transparent würde, weshalb „eine bestimmte Story gegenüber einer anderen bevorzugt wurde“, klagen die Autoren. Es ist das alte Lied, jenseits wie diesseits des Atlantiks: Von anderen fordern Journalisten tagtäglich Transparenz ein, sie selbst lassen sich indes nur sehr zögerlich in die Karten gucken.

Erschienen in Ausgabe 10+11/2011 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 126 bis 127 Autor/en: Stephan Russ-Mohl und Kate Nacy. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

;