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Praxis

Es wird schriller

Rom. Kürzlich am Zeitungskiosk: „Mo‘ tocca a Emma“ („Jetzt ist Emma dran“), sagt der Verkäufer und deutet auf die Titelseite der Zeitung „Il Giornale“. Tatsächlich: Am dritten Tag in Folge ätzt „Il Giornale“ gegen Emma Marcegaglia, die Vorsitzende des italienischen Industriellenverbandes. Die Zeitung greift dabei in die Vollen: Unvorteilhafte Fotos, polemische Kommentare. Mit allen Mitteln gegen „Emma“.

Jetzt also ist Emma Marcegaglia dran. Seit einigen Wochen schafft es die Vorsitzende des italienischen Industriellenverbandes wieder auf die Titelseite der Mailänder Zeitung „Il Giornale“. Allerdings nicht zu ihrem Vorteil: Das Foto kürzlich etwa zeigte die an sich sehr attraktive Frau mit müdem Gesicht und wirren Haaren, darunter: ein polemischer Artikel über ihren jüngsten Auftritt.

Warum es „Il Giornale“ derzeit auf Emma Marcegaglia abgesehen hat? Weil sie Silvio Berlusconi öffentlich getadelt hat. Und in solchen Fällen reagiert „Il Giornale“ sofort: Die Zeitung, die mit einer Auflage von 294.000 Exemplaren die viertgrößte Italiens ist, gehört Silvio Berlusconis Bruder Paolo. Und der schießt scharf, wenn jemand die Politik seines Bruders kritisiert.

Wenn also „Il Giornale“ wieder eine Hetzkampagne gegen einen missliebigen Politiker startet – vor Marcegaglia zuletzt etwa gegen Wirtschaftsminister Giulio Tremonti, dann springt das ganze Medienimperium Berlusconis auf: Das zweitgrößte Wochenmagazin „Panorama“ und natürlich die drei privaten Fernsehkanäle Berlusconis, Italia 1, Canale 5, Rete 4. Man kann sagen: Je mehr Silvio Berlusconi seinem politischen Ende entgegensteuert, je größer seine Skandale und je geringer sein weltweites Ansehen ist, desto schriller wird die Verteidigung durch seine Medien.

Das Rad von Attacken und Gegenattacken „linker“ und „rechter“ Medien und Politiker dreht sich immer schneller, je mehr Silvio Berlusconi unter Druck gerät. Morgen stürzt sich „Il Giornale“ wieder auf das nächste Opfer. Und alle hinterher.

Die Autoren dieser Kolumne sind Mitglieder von www.Weltreporter.net. e-Mail: cvd@weltreporter.net

Erschienen in Ausgabe 10+11/2011 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 119 bis 119. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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