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Globalität der Welt jeden Tag sehen

Von Theresa Steininger

Wie haben Sie das Erdbeben im Osten des Landes erlebt? Inwiefern geht man in der Türkei anders mit einer solchen Situation um?

Die Menschen in der Türkei werden immer wieder mit der Gefahr von Erdbeben konfrontiert. Die Erinnerung an die letzte Katastrophe von 1999 sitzt tief. Andererseits ist es nicht möglich, ständig an das Schlimmste zu denken. Deshalb wird auch viel verdrängt. Ein großflächiges Programm zur Sanierung baufälliger Gebäude, das 1999 angekündigt wurde, konnte bisher nicht einmal in Ansätzen umgesetzt werden. Entsprechend groß ist jetzt die Sorge: Was geschieht, wenn wieder der Ballungsraum Istanbul von einem heftigen Beben getroffen wird?

Wann hat es sich im letzten halben Jahr außerdem schon als sinnvoll erwiesen, ein eigenes Büro in Istanbul zu haben?

Der Umbruch in einigen arabischen Ländern hat gezeigt, dass sich die politische Landschaft rund um Europa gerade dramatisch verändert. Die Türkei entwickelt sich zu einem der wichtigsten Akteure in dieser Region. Deshalb war es in den letzten Monaten wichtig, – und wird es noch wichtiger werden –, diese Veränderungen auch aus der Sicht der Türkei zu beleuchten. Die Frage, ob es der Türkei gelingt, mit einer neuen Verfassung zu einer Demokratie ohne Anführungszeichen zu werden, wird auch die Entwicklung in den Nachbarländern nachhaltig beeinflussen. Auch im Iran, den ich mit betreue, wären wir gerne mit einem eigenen Stützpunkt präsent, denn dort wird sich in den nächsten Jahren sehr viel tun, doch bisher war es für uns nicht möglich, dort ein Arbeitsvisum zu bekommen. Aber wir arbeiten daran.

Warum haben Sie sich nach 13 Jahren als Korrespondent und 16 Jahren im ORF-„Innendienst“ nun wieder für ein Korrespondentenbüro begeistern können? Und warum für Istanbul?

Was in der Welt vorgeht, hat mich immer begeistert. Auch wenn die Welt heute so eng verknüpft ist, dass internationale Entwicklungen vor der eigenen Haustür spürbar sind, wollte ich doch wieder aus nächster Nähe erleben, was sich anderswo tut: dort, wo sich Gesellschaften und Staaten gerade neu erfinden. Die Türkei ist so ein Ort und Istanbul eine Stadt, in der man die Globalität der Welt jeden Tag sehen kann. In all meinen Korrespondenten-Jobs hat mich stets der Alltag interessiert: Wie spiegelt sich das, was wir Geschichte nennen, im Leben der Menschen.

Erschienen in Ausgabe 10+11/2011 in der Rubrik „Rubriken“ auf Seite 10 bis 10 Autor/en: Theresa Steininger. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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