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Praxis

Jawohl, Herr Kollege Major!

Von Sophia-Therese Fielhauer-Resei

Drei Journalisten haben beim Bundesheer viel fürs Leben gelernt, ein hauptberuflicher Presseoffizier setzt auf eine gemeinsame Sprache und ein Fotograf wurde Rekrut wider Willen. Eine Leistungsschau.

„Das Bundesheer steht daher nicht vor dem Abgrund, wie es ein Pessimismus verbreitender Heeresgewerkschafter formuliert hat, sondern vor einer Richtungsentscheidung …“, schrieb Norbert Darabos, Bundesminister für Landesverteidigung, in einem „Standard“-Kommentar am 27. Oktober. Doch wohin es gehen soll, wissen auch Journalisten, die Milizoffiziere sind, nicht zu sagen.

Durchhalten für den Journalismus

„Standard“-Innenpolitikjournalist Conrad Seidl, 53, ist 1976 direkt nach der Matura eingerückt und hat „als Gefreiter abgerüstet“. Der Journalist, aufgewachsen im 1. Bezirk in Wien, kam in der damaligen Heeresaufklärungsabteilung im Weinviertel „mit ganz anderen Schichten in Kontakt“ und „lernte viel fürs Leben“. Mütterlicherseits stammt Seidl aus einer Offiziersfamilie: „Ich wollte meine vaterländische Pflicht erfüllen, aber keine Berufslaufbahn als Offizier einschlagen.“ Sein Bruder schlug den anderen Weg ein. „Er musste noch eine Gewissensprüfung machen. Im Zivildienst hat er mit behinderten Menschen gearbeitet und daraufhin sein ganzes Leben umgestellt.“ Über den Zivildienst kann sich Conrad Seidl ärgern, denn „dort, wo billige Zivildiener sind, herrscht enorme Lohndrückerei. Mein Bruder ist nebenbei Taxi gefahren, um sich das Leben im sozialen Bereich leisten zu können.“ Als Journalist hat Seidl Teile der Unteroffizier- und Offiziersausbildung nachgeholt. „Weil ich über das Bundesherr schreibe, habe ich mich in solche Kurse einschleusen lassen und eine Durchhalteübung des Heeres absolviert.“ Die einwöchige Übung geht an körperliche Grenzen: u. a. Gepäck- und Nachtmärsche, 90-Kilometer-Marsch, Gefechtseinlagen, Talüberquerung mit einer Seilrutsche. Seidl, Vater einer Tochter und eines 17-jährigen Sohnes, hält den Wehrdienst „für eine vernünftige Sache, weil du viel mitbekommst, was du beim Zivildienst nicht erlebst“. Wie sich sein Sohn entscheidet, ist noch offen. Die Orientierung im Gelände und die automatische Reaktion gegen einen Angriff haben Seidl im zivilen Leben genutzt. Während der Intifada 1990 wurde der Journalist auf dem Weg von Jerusalem nach Eilat in Hebron von Palästinensern angegriffen: „Ich wusste, wie ich rauskomme: aufs Gas steigen und nicht nachdenken.“

Das Berufsheer hält Conrad Seidl „für eine machbare Sache. Es hat große Vorzüge, wenn es richtig gemacht wird, aber es ist teuer. Minister Darabos behauptet, man könnte das Berufsheer zu gleichen oder niedrigeren Kosten machen, doch so bringt man es nie zur nötigen Effizienz. Mit 1,2 bis 1,3 Prozent des BIP kannst du ein wunderschönes Berufsheer machen.“ Dass das Militär keine Lebensstellung ist, davon ist Conrad Seidl überzeugt: „Nach 35 ist der Höhepunkt der körperlichen Leistungsfähigkeit überschritten, deshalb ist das Militär kein Lebensjob und das ist auch das Problem.“

Österreichs militärische Zukunft: „Wozu hat man ein Heer? Damit einem niemand in die Suppe spucken kann. Innerhalb der EU haben wir einen Teil der Souveränität aufgegeben, das halte ich für gut und richtig. Aber damit haben wir die Union auch zu verteidigen und das tun wir nur halbherzig. Die Neutralität ist eine Fiktion, denn wo sind wir denn bitte neutral? Ehrlichkeit ist in der Politik nicht gefragt.“

Major und Korrespondent

Als ORF-Balkan-Korrespondent kennen ihn alle. Doch Christian Wehrschütz, 50, ist auch Major. Der gebürtige Steirer ist nach der Matura 1980 in die Grazer Kirchnerkaserne eingerückt, hat sich für die Einjährig-Freiwilligen-Ausbildung (EF) entschieden, wurde in Klosterneuburg zum Pionieroffizier. „Nachdem ich Jus fertig studiert habe und Journalist wurde, hatte die Pionierausbildung keinen Sinn mehr.“ Wehrschütz wurde Pressereferent des Militärkommandos Niederösterreich. In einem Seminar mit Journalisten wurde 1988 der spätere Jugoslawien-Krieg durchexerziert: Christian Wehrschütz fungierte als Verteidigungsminister, der ehemalige ORF-Nachrichtensprecher Hans Georg Heinke, Oberst der Miliz, gab den Bundeskanzler. „Ich dachte nicht, dass ich später am Balkan landen würde“, bekennt Wehrschütz, der am Institut für Slawistik auch Russisch studiert hat, später Ukrainisch lernte. Seine unvollendete Doktorarbeit hat der Korrespondent ebenfalls über die Ukraine geschrieben. Drei Monate lang hat sich Wehrschütz 1992 beim Bundesheer zum Begleitsprachmittler ausbilden lassen. Beim Besuch des ukrainischen Verteidigungsministers durfte der Korrespondent u. a. daraufhin das Damenprogramm begleiten. Keine einfache Übung: „Die sind in der Übersetzung schwieriger als das Hauptprogramm.“ Christian Wehrschütz spricht vier slawische Sprachen, zu den genannten noch Serbisch und Slowenisch. Derzeit übt sich der Journalist, der seit 2000 in Belgrad lebt, auch noch in Bulgarisch. „Für mich war das Bundesheer, gemessen am Einsatz und was es mir gegeben hat, die Institution, von der ich am meisten profitiert habe.“ Das Führungstraining kann Wehrschütz heute als Leiter des Korrespondenten-Büros in Belgrad nutzen und weiß, wie er in ein Krisengebiet hineinkommt, recherchiert und überlebt. „Du planst und überlegst anders, doch gegen Scharfschützen und Zufall kann sich niemand wehren.“ Obwohl der Balkan-Korrespondent das Militär schätzt, ist er strikt gegen „embedded journalism“: „Das ist ein reines Propagandainstrument.“ Mit dem Dienstgrad Major kann Wehrschütz freilich anders mit den Kollegen beim Bundesheer sprechen als Journalisten, die davon keinen Schimmer haben. „Mit manchen der Soldaten vom Camp Casablanca im Kosovo war ich zur gleichen Zeit eingerückt.“ Die Debatten ums Bundesheer verfolgt Wehrschütz aus der Ferne, dazu fällt ihm vor allem Qualtinger ein: „Der Wilde mit seiner Maschin. Zwar hab ich ka Ahnung, wo ich hinfahr, aber dafür bin i g‘schwinder durt! Wir haben begonnen, über ein Berufsheer zu diskutieren, bevor wir definieren, was wir eigentlich vom Heer wollen. In der jetzigen Situation fällt es mir schwer, einem jungen Mann zum EF zu raten. Denn ich weiß nicht, wie viele Entwicklungsmöglichkeiten er derzeit noch hat.“ Dem Assistenzeinsatz im Burgenland kann Wehrschütz rein gar nichts abgewinnen, den Einsatz im Balkan findet der Korrespondent sinnvoll: „Es ist unsere Nachbarregion, unsere Sicherheitsinteressen sind berührt, wenn etwas passiert, und außerdem gehört Österreich zu den größten Investoren.“

Gemeinsame Sprache

Gerald Gundl, 36, ist Hauptmann beim Militärkommando Salzburg, Stabsabteilung für Öffentlichkeitsarbeit. „Die einen bringen sich ein, die anderen machen ihre Übungstage und rüsten ab“, weiß Gundl, „doch eine überschaubare Zahl von rund 30 bis 50 Journalisten in Österreich sind Milizsoldaten. Zwischen ihnen und dem Bundesheer herrscht eine Win-win-Situation.“ Für Gerald Gundl, gebürtiger Salzburger, war klar, dass er nach der Matura zum Bundesheer geht und ein EF absolviert. „Viel Sport, viel Abenteuer und großartige Führungsoffiziere. Ich habe den sogenannten ‚Anzipf‘ nicht erlebt.“ Vier Jahre Militärakademie, Ausbildungsleiter der Sanitäter in Salzburg und seit drei Jahren Presseoffizier. „Die Kunst ist, was militärisch gelernt wird, ins zivile Leben zu transferieren. Etwa das verantwortungsvolle, koordinierte Führen von Menschen in Extremsituationen.“ Die Gabe der Presseoffiziere: „Wir sind Sprachrohre nach außen, transportieren militärische Botschaften in verständlicher Sprache. Es ist wichtig, eine gemeinsame Sprache zu finden.“

Oberleutnant Lang

Der Chefredakteur der APA, Michael Lang, 47, hatte sein EF erst nicht geplant, doch sämtliche Einrücktermine waren bereits vergeben. „Ich wollte mit dem Bundesheer fertig
sein und dachte mir, ein freiwilliges Jahr kann interessant sein.“ Eine „ausgesprochen umfassende, körperlich herausfordernde Ausbildung“ vom Funken bis zu Führungsaufgaben. „Die Sehnsucht, Befehle zu empfangen, ist dem Menschen nicht immanent. Aber in Strukturen und Hierarchien zu denken ist auch in der Privatwirtschaft für das Verständnis von Teamarbeit hilfreich.“ Regelmäßige Übungen finden heute aus budgetären Gründen nur noch selten und deutlich verkürzt statt. „Das traditionelle Manöver mit Schlamm und Schlafentzug ist für die meisten Milizoffiziere Vergangenheit. Bei meinen Einberufungen arbeite ich als Presseoffizier des Militärkommandos und versuche meine zivilen Erfahrungen ins Militärische einzubringen. Der APA-Chefredakteur muss sich nicht den Kopf zerbrechen, ob er seinen Kindern zum Bundesheer rät es sind drei Töchter. „Die Aufgabenstellung des Heeres hat sich 30 Jahre nach meinem Freiwilligenjahr deutlich geändert. Die Frage ist, welche Aufgabenstellung gibt die Politik den militärischen Streitkräften.“

Bundesheer abgelichtet

Der Aufmacher im Album des „Standards“ vom 22. Oktober titelte: „Einer schreit: Tagwache!“ Die Geschichte des Wiener Fotografen Severin Koller, 26, als Wehrdiener. Zitat: „Nach der Angelobung haben sich alle aus der Kompanie fotografieren lassen … Ich wollte mich nicht fotografieren lassen und habe mich gefragt, worauf hier alle stolz sind. Wir haben nichts geleistet und werden es auch nicht. Wir werden keine Soldaten werden.“ Weshalb Koller 2007 überhaupt eingerückt ist, erklärt sich durch eine Verkettung unglücklicher Umstände: „Das war ein formales Missverständnis.“ Den ersten Stellungstermin 2004 verhinderte ein Handgelenksbruch, zweiter Termin im Oktober 2005. Koller beantragte mit der Studienbescheinigung einen Aufschub. Was Koller nicht wusste: „Er war nicht gültig, da ich schon 2004 hätte Student sein müssen.“ Im Glauben eines Aufschubs, kümmerte sich der Fotograf nicht weiter um einen Zivildienstplatz. Überraschung: Anfang 2007 wurde er für den 7. Mai einberufen. „Ich war gerade im dritten Semester auf der Bildenden und musste mein Studium unterbrechen.“ Statt am Wochenende „die Tristesse mit Alkohol zu betäuben“, scannte Koller seine Bilder und stellte sie als kleine Fotostorys online. „Das war meine Kommunikation nach außen. Damals gab es weder Facebook noch Twitter. Die Reaktionen waren damals schon sehr positiv, aber es herrschte international Verwunderung, dass es in Österreich immer noch die Wehrpflicht gibt.“ Koller versteht seine Wehrdienst-Fotos nicht als „geleistete Aufklärungsarbeit, sondern viel eher als Tagebuch eines Rekruten“. Weil ein deutsches Magazin Bilder abdrucken wollte, hat er mit dem Bundesheer Kontakt aufgenommen. „Die Reaktion war durchaus positiv, da die Bilder ja nicht das Ziel haben, das Heer schlechtzumachen. Mir wurde aber etwa abgeraten, Bilder von schlafenden Rekruten zu zeigen.“ Die Erfahrung als Rekrut wider Willen bereut Koller nicht, denn „ich bin prinzipiell nicht dagegen, dass Menschen jeden Alters auch in unangenehme Lebenslagen geraten – das ist eben Teil des Lebens. Doch es zahlt sich nur aus, wenn etwas Produktives dabei herauskommt.“ Statt Wehrpflicht und Zivildienst wünscht sich der Fotograf, „dass junge Menschen ein Jahr ihres Lebens dazu verpflichtet sind, dem (Sozial-)Staat zu dienen. Das Ganze muss mit einer sinnhaften Aufgabe und einer garantierten finanziellen Absicherung verbunden sein. Da sehe ich beim Zivildienst viel eher die Möglichkeit, anderen Menschen zu helfen, als beim Heer. Einen Katastrophenschutz könnte man genauso dort einrichten, dazu braucht es kein Militär. Die Pflicht sollte natürlich auch für Frauen gelten.“ Das Bundesheer würde Koller „auf nationaler Ebene generell abschaffen“ und plädiert für die Einführung eines Europäischen Heeres. „Wir müssen uns ja nicht gegen Frankreich oder Deutschland verteidigen. In einer idealen Welt gäbe es gar keine Waffen.“ Die Bundesheerfotos von Koller: www.severinkoller.com/context.

Erschienen in Ausgabe 10+11/2011 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 114 bis 117 Autor/en: Sophia-Therese Fielhauer-Resei. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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