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Praxis

Junge Redaktionen für alte Leser

Von Peter Plaikner

Langfristig entscheidet die Altersfrage, ob die dominierenden Medien der Zweiten Republik auch das Web 2.0 überstehen und als führende Informations- und Kommunikationsplattformen die Konvergenz 2.1 vorantreiben können. Das Alter des Publikums wird zum Totengräber von Zeitung und Fernsehen, wenn es nicht ausreichend Jugend umfasst. Doch der Redaktionshang zum günstigen Junior entspricht nicht dem Bevölkerungstrend zum wertvollen Senior.

„Nun sag, wie hast du’s mit dem Alter?“ ist die Gretchenfrage für alle traditionellen Nachrichtenanbieter. Sendungen wie die „Zeit im Bild“ haben zwar immer noch mehr als eine Million Seher, doch es sind im Durchschnitt 60-Jährige. Das lange gut gehütete Geheimnis ist längst keines mehr, auch wenn kein Verantwortlicher es offiziell gesagt haben will. Doch da geht es dem ORF nicht anders als ARD und ZDF mit ihren Informationsangeboten. Auch deren täglicher Polittalk leidet wie das heimische „Im Zentrum“ daran, dass das Studiopublikum auch dem „Seniorenclub“ entstammen könnte. Die Gegensteuerung führt dann zum spätabendlichen Schulklasseneffekt.

Die schreibende Konkurrenz der TV-Information registriert dies durchaus mit Genugtuung – und beruhigt sich am errechenbaren Alter der größten Bäume im Blätterwald. 48 Jahre ist der durchschnittliche Leser der 15 an der Media-Analyse (MA) teilnehmenden Tageszeitungen. Das älteste Publikum (49) haben die ältesten Titel. Dass „Heute“ (42), „Der Standard“ (43), „Österreich“ (44) und das „WirtschaftsBlatt“ (45) die einzigen deutlichen Ausreißer nach unten sind, liegt vor allem an ihrer späteren Gründung 1989, 1995, 2004 und 2006. Die Mitbewerber bauen großteils seit 1945 Abonnenten auf, die vielfach noch heute den Kern der Stammleserschaft bilden.

Angesichts des viel beschworenen Drittels der Wählerschaft im Seniorenalter scheint das kein besonderes Problem zu sein. Wenngleich das Durchschnittsalter der Österreicher mit 41,6 Jahren (1961 lag es noch bei 36,4) deutlich unter jenem des Zeitungspublikums liegt. Ein Umstand, der allerdings an der Miteinbeziehung der noch kein Blatt lesenden Kinder unter 14 liegt. Das wiegt die Redaktionen jedoch in trügerischer Sicherheit. Denn die MA-Werte gelten für das jeweils gesamte Produkt: Der Seniorengrad für die klassischen Informationselemente und vor allem die Politikberichterstattung darf getrost wesentlich höher angesetzt werden. Journalistisch zugespitzt hieße das: Die unter 50-Jährigen schreiben die Zeitungen für die über 50-Jährigen. „OÖN“-Chefredakteur Gerald Mandlbauer ist da genauer: „Die Redaktion der, Oberösterreichischen Nachrichten‘ ist mit einem Durchschnittsalter von rund 42,5 Jahren knapp fünf Jahre jünger als der Schnitt unserer Leserschaft. Große Probleme sehe ich daraus keine entstehen, weil sich aus diesem Altersunterschied keine großen Unterschiede in den Ansprüchen an eine Zeitung ergeben.“

Die MA-Berechnung ergibt zwar für die „OÖN“-Leser schon das Durchschnittsalter 49, doch Mandlbauer sieht die Herausforderung umfassender: „Wie kriegen wir junge Leser in ausreichender Zahl zur Zeitung? Wie gehen wir damit um, dass die Gesellschaft in unzählige Teilinteressensgruppen zerfällt/fragmentiert? Es ist heute immer schwieriger, es allen recht zu machen, das gilt auch für Zeitungen.“ Bei einer Umfrage in den Chefredaktionen reagiert Antonia Gössinger von der „Kleinen Zeitung“ in Klagenfurt mit dem größten Problembewusstsein: „Die Altersunterschiede zwischen Medien-Konsument und Medien-Macher sind jetzt schon ein großes Problem und dürften ein noch größeres werden. Denn die Lebensrealitäten entfernen sich auch immer weiter voneinander. Den ganz jungen Redakteuren kommt die soziale Kompetenz abhanden, weil sie die Internet-Generation sind, im Internet recherchieren, im Internet vernetzt sind. Sie sind es nicht mehr gewohnt bzw. werden nicht mehr dazu angehalten, vor Ort zu recherchieren, überall hinzugehen, persönliche Kontakte zu knüpfen – auch außerhalb ihrer Dienstzeit.“

Jugendsuche und Altersverständnis

Claudia Grabner von der „Kärntner Tageszeitung“ dagegen antwortet, dass sie „in der, KTZ‘ immer wieder das gegenteilige Problem diskutieren: Wie erreichen wir die junge Leserschicht? Wie schreiben wir Mittel-Altrige für die Jugend? Mit welchen Themen können wir sie wo in ihren Interessen und Sorgen und Fragestellungen abholen, ohne platt zu sein? Und vor allem: Mit welcher Sprache?“ Sie sagt: „Themen der älteren Generation greifen wir sehr oft und sehr selbstverständlich auf. Das obliegt offensichtlich einer Gewissensfrage oder Solidarität. Man glaubt zu wissen, welche Anliegen älteren Menschen am Herzen liegen.“ Schließlich bemerkt sie im Vergleich zur Jugend-Problemstellung: „Das ist nun wirklich paradox, zumal man selbst ja noch nie in diesem Alter gewesen ist.“

Während Seminare über „Angebote für junge Leser“ überraschend junge Teilnehmer haben, muss das Kuratorium für Journalistenausbildung Fortbildungen zu „Schreiben für die Generation 40plus“ wegen mangelnder Anmeldungen absagen. Die Kernleserschicht scheint den Redaktionen hinreichend bedient. Martina Salomon erläutert das mit der Personalstruktur des „Kuriers“: „Das Durchschnittsalter unserer Redaktion trifft sich offenbar mit jenem der Leser, sagt unser langjähriger Chef vom Dienst Herbert Gartner. Im, Kurier‘ herrscht nämlich erfreulicherweise etwas, das sich andere Firmen erst mühsam erarbeiten müssen: Diversität. Es gibt nicht nur starke Männer, sondern auch viele starke Frauen. Und genauso Junge wie Ältere. Daher haben wir in authentischer Weise den Lesern aller Altersgruppen etwas zu bieten.“ Otto Ranftl, der Leserbeauftragte des „Standards“, sieht das noch gelassener: „Für uns stellt sich diese Frage offenkundig nicht. Unsere Leserschaft ist jünger als der Durchschnitt der österreichischen Leserschaft, damit begegnen wir unseren Leserinnen und Lesern auch in dieser Hinsicht auf Augenhöhe.“

Diese Selbstvermarktung kann nur der Chefredakteur der Tageszeitung mit dem jüngsten Durchschnittspublikum noch toppen. Wolfgang Ainetter erklärt über die Situation bei „Heute“: „Laut MA 10/11 sind 435.000 unserer 921.000 Leser – also beinahe die Hälfte – jünger als 39 Jahre! Das Durchschnittsalter unserer Redakteure beträgt geschätzte 30 Jahre. Das heißt, dass knapp die Hälfte unserer Leser altersmäßig in einer ähnlichen Lebenssituation ist wie unsere Redakteure. In der Praxis stellen wir uns oft die Frage: Was machen wir für unser junges Publikum? Oder: Sind wir für unsere jungen Leser interessant? Konkrete Antwort auf die Frage: Keine Probleme.“

Antonia Gössinger dagegen sieht die Schwierigkeiten am anderen Ende der Altersskala: „Ein aktuelles Beispiel, an dem mir das auffällt, ist die Pensionsdiskussion. Es wird abstrakt darüber geschrieben. Was man nicht liest, sind die Reportagen aus dem Pensionistenleben. Denn es gibt nicht nur die Hofratswitwen, sondern auch die Mindestpensionisten. Oder auch die jungen Menschen ohne Perspektive. Die wenigsten jungen Redakteure haben Interesse an solchen Sozial- oder Milieustudien.“

Die stellvertretende Chefredakteurin der „Kleinen Zeitung“ in Kärnten ortet darüber hinaus grundsätzliche Verständigungsprobleme zwischen Absender und Empfänger: „Auch in der Sprache wird die Kluft zwischen Medien-Macher und Medien-Konsument immer größer. In den Medien hält der Internet- und Business-Jargon Einzug, ohne Rücksicht darauf, dass gerade die Zeitungskonsumenten älter sind und nicht vorausgesetzt werden darf, dass sie alle diesen Jargon verstehen.“ Gössingers Schlussfolgerungen sind weniger optimistisch als jene ihrer Kollegen: „Meiner Ansicht nach ist auch das ein Grund dafür, dass Zeitungen Leser verlieren. Das Zitat einer – mittelalterlichen – Leserin bestärkt mich in der Ansicht. Sie hat über die Artikel eines Redakteurs gesagt:, Den lese ich gar nicht mehr, denn dafür brauche ich ein Englisch- und ein Fremdwörter-Lexikon. Das tue ich mir gar nicht mehr an.‘ Ich bin der Meinung, gerad
e die Zeitungen sollten wieder bürgernäher, menschlicher, sozial engagierter werden. Und sich darin von den schnellen, oberflächlichen Internet-Medien deutlich unterscheiden. Medien, die über beide Plattformen verfügen, sollten dies klar trennen.“

Die größten Nischen im Internet-Angebot bestehen noch für die Generation 50plus. Sie hat mittlerweile die höchsten Zuwachsraten bei den Neuankömmlingen im Web. Sie drängt bereits am vehementesten ins Facebook. Auch sie wird schwer beim Papier zu halten sein.

Erschienen in Ausgabe 10+11/2011 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 96 bis 97 Autor/en: Peter Plaikner. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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