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Beruf und Medien

„Mein Platz ist hinter dem Vorhang“

Von Katy Walther

Der Pressesprecher des Jahres in Deutschland ist ein Österreicher. Christoph Sieder hat wilde Jahre hinter sich. Im wilden Osten verdiente er sich seine Sporen, in der Scheinwelt der Formel 1 übernahm er sich. Angekommen ist er erst bei Bayers Resterampe, wie Lanxess einst verspottet wurde.

Es ist der erste Knick in einer bis dato makellosen Karriere: Als Christoph Sieder Infineon 2004 nach nur zweijähriger Amtszeit als Kommunikationschef wieder verlässt, kolportieren die Medien, Sieder sei gemeinsam mit zwei weiteren Gefolgsleuten des geschassten Vorstandsvorsitzenden Ulrich Schumacher „unter Aufsicht von Sicherheitskräften von ihren Arbeitsplätzen abgeführt“ worden. Außerdem sei den Betreffenden jeglicher Kontakt zu anderen Mitarbeitern untersagt gewesen. „Alles Quatsch“, sagt Sieder. Für die Medien sei es eine „sexy Story“ gewesen, für ihn ein unaufgeregter und normaler Abschied, bei dem sich das Unternehmen fair verhalten habe: „Als Kommunikator ist man seinem Chef loyal und in 1.000-prozentigem Vertrauen verbunden. Sonst könnte man den Job gar nicht machen.“ Anders als die Demission Schumachers sei seine Trennung von Infineon in der Folge absehbar gewesen: „Das ist wie im Fußball. Wenn der Trainer gehen muss, wechseln auch die Stäbe.“

Sieders nächste „Stabsstelle“ steht bei seinem Abgang bereits fest: Als sein Vertrag mit Infineon am 30. Juni 2004 offiziell endet, hat er schon einen neuen in der Tasche: als Senior Vice President Corporate Communications des Bayer-Spin-offs Lanxess: „Ein 140 Jahre altes Start-up, das weltweit neu positioniert werden muss, mit neuer Mannschaft, losgelöst von der Muttergesellschaft, mit Standorten rund um den Globus, das Ganze verbunden mit einem Börsengang – ein Traumjob für jeden Kommunikationsprofi“, findet Sieder heute noch. Markenbildung und Investor Relations sind aber nur ein Teil seines neuen Jobs. War Sieder bei Infineon zuvorderst angetreten, den kommunikativen Scherbenhaufen von CEO Ulrich Schumacher zusammenzukehren (Stichwort „Loser-Direktive“) und den Boden für einen kommunikativen Neustart zu bereiten, galt es bei Lanxess, den Bayer-intern zwar angesehenen, der Außenwelt bis dato aber weitgehend unbekannten Axel C. Heitmann als CEO in der Öffentlichkeit zu positionieren. Und die Mission ist gelungen, wie Heitmanns Auszeichnungen zeigen. 2007 wählen die Leser von „Euro“ und „Euro am Sonntag“ ihn zum „Unternehmer des Jahres 2006“, eine Umfrage des US-Wirtschaftsverlags „Institutional Investor“ unter Analysten, Investoren und Fondsmanagern beschert dem Vorstandsvorsitzenden der „Bayers Resterampe“, wie die „FAZ“ anlässlich des Börsengangs titelt, im selben Jahr einen Platz unter den besten fünf CEOs Europas in der Kategorie Basic Materials, Sektor Chemicals. 2009 wird Heitmann der „Econ-Award“ von „Handelsblatt“ und Econ Verlag als „Persönlichkeit des Jahres“ verliehen, und als ob das nicht schon genug wäre, vor einigen Wochen der Titel „Stratege des Jahres 2011“ in der Kategorie Mittlere Unternehmen von „FTD“, Bain & Company und WHU. Lanxess verlängerte Heitmanns Vertrag kürzlich um weitere fünf Jahre. Das ist auch Christoph Sieders Verdienst, der von Kommunikationslorbeeren allerdings nichts wissen will. Das macht den gebürtigen Salzburger bei Deutschen ebenso sympathisch wie sein immer noch durchscheinender österreichischer Akzent oder die Bescheidenheit, mit der er 2005 den „Young PR Award“ seines Ausbildungsinstituts, des Hochschullehrgangs für Öffentlichkeitsarbeit an der Uni Wien, entgegennimmt.

Lehrgangsleiter Klaus Lojka spricht bei der Preisverleihung von Sieders beruflichem Lebenslauf als „Wirtschaftszeitung mit Top-Kommunikationspositionen in Weltkonzernen“ und hat damit nicht ganz unrecht: Wer sonst hat schon während des Studiums einen Fulltime-Job im Osteuropa-Verbindungsbüro von Ford in Wien oder kann sich mit gerade einmal 24 Jahren „Leiter Öffentlichkeitsarbeit Osteuropa“ eines Weltkonzerns wie Ford nennen? Für Sieder sind diese ersten Jahre „im wilden Osten“, „im Boommarkt“, „ohne Kommunikationsstrukturen und mit der Notwendigkeit, Klinken zu putzen“, prägend: „Da habe ich den Job, wie man es immer tun sollte, von der Pike auf gelernt.“ 1996 dann der Umzug in die neue Regionalzentrale nach Budapest mit direkter Anbindung und Chef in Detroit, 1998 der Wechsel als Leiter Produktpresse zur Ford-Werke AG nach Köln. Da ist Sieder 27, hat zehn Mitarbeiter unter sich und kommuniziert den Wechsel von Escort auf Focus. 1999 wechselt Christoph Sieder dann als Manager Public Affairs zur Premier Automotive Group (PAG) nach London, wo er mit Wolfgang Reitzle („Luxus schafft Wohlstand“) zusammenarbeitete und wenig später obendrein noch die Pressebetreuung von Jaguar-F1-Teamchef Niki Lauda übernimmt, Formel-1-Zirkus und Jetset-Leben inklusive – eine von ganz wenigen beruflichen Entscheidungen, die Sieder rückblickend anders treffen würde: „Tolle Autos, Reisen, Promis – als 30-Jähriger war das faszinierend und man kann sich eine Zeitlang auch sehr gut selbst betrügen, was die physische und psychische Leistungsfähigkeit betrifft. Irgendwann kommt aber der Punkt, wo’s schwer wird.“ Aus heutiger Sicht würde sich Sieder für eines der beiden Kommunikationsmandate entscheiden. Zwei Herren mit aller Kraft zu dienen, sei einfach zu viel des Guten.

Kreativ mit leerer Kasse

Über die Station als Direktor Public Affairs von Fiat in Wien geht’s für Sieder 2002 weiter zu Infineon und von dort aus direkt zu Lanxess. Hier heißt es kreativ sein, denn die Kasse ist leer. Während Börsengänge anderswo von riesigen Marketingkampagnen flankiert werden, startet die neue Firma mit mehr als 1 Milliarde Euro Schulden in die Selbstständigkeit. Keine üppigen Werbeetats also, sondern „Trüffelsuche“ und „absolute Offenheit und Transparenz“ (O-Töne Sieder), wie sich Marketing und Kommunikation des Spezialchemie-Konzerns auch heute noch charakterisieren lassen. Den größten Trüffel findet Lanxess 2008 mit der Köln-Arena: Der Erwerb der Namensrechte am „Henkelmännchen“ vorerst für zehn Jahre und die Umbenennung in „Lanxess arena“ erhöhen den Bekanntheitsgrad des Leverkusener Unternehmens schlagartig. Genauso wie im „Lanxess-Look“ gestaltete Loks oder Gondeln von Bergbahnen beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Neben Politikern und Wirtschaftsführern hat Christoph Sieder, ganz Marketingmann, auch die Wirtschaftspresse im Visier, weshalb Lanxess seit diesem Jahr unter anderem auch den Austausch zwischen Kölner Journalistenschule und Moskauer Higher School of Economics sponsert.

„Mein Platz ist hinter dem Vorhang und nicht auf der Bühne“, sagt Sieder über seine Rolle als Kommunikationschef. Ein Credo, das sich privat nicht immer durchhalten lässt. Spätestens seit seiner Hochzeit mit Ralph-Siegel-Tochter Marcella im Juli 2008 ist der 41-Jährige auch für die Klatschpresse interessant. Und so erfahren die Leser von „Bunte“ & Co. schon im Jänner vom im Sommer bevorstehenden „Babyboom“ im Hause Sieder (die Zwillinge Moritz und Kilian kommen Ende Juni zur Welt). Schon vor Geburt seiner Kinder hat Christoph Sieder versucht, sein Privatleben in Köln so gut es geht vor der Öffentlichkeit abzuschirmen. Anders als Giulia Siegel, die durch Dschungelcamp, Kuppelshow oder „Playboy“-Shooting immer wieder in die Medien drängt. Ein PR-Ratschlag für die berühmte Schwägerin ist Sieder trotzdem nicht zu entlocken: „Das eine ist Beruf, das andere privat. Das halten wir strikt getrennt. Ich glaube auch nicht, dass Giulia meine Ratschläge notwendig hätte. Sie ist eine starke Frau, die selbstbewusst durchs Leben geht, das eine ganz andere Welt ist als meine. Mich interessiert die Welt der globalen Ökonomie, des globalen Handelns, einer globalen Marke – die Welt von Lanxess eben.“

Erschienen in Ausgabe
10+11/2011 in der Rubrik „Beruf und Medien“ auf Seite 52 bis 53 Autor/en: Katy Walther. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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