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Special

„Müssen ohne Luxus-PR auskommen“

Von Interview: Johann Oberauer

Eine der größten Baugruben Salzburgs steht mitten in der Stadt. Sigi Kämmerer und Martin Jager müssen beim Kraftwerksbau Lehen die Anrainer bei Laune halten. Journalisten spielen dabei kaum eine Rolle.

Warum fällt es uns mit jedem Jahr schwerer, die Stromwirtschaft zu lieben?

Sigi Kämmerer: Finden Sie? Die Atomkatastrophe in Japan war natürlich für alle ein Schock, auch für uns. Aber sonst? Die Salzburg AG hat alleine in den letzten fünf Jahren acht Wasserkraftwerke gebaut, das größte verwirklichen wir eben inmitten der Stadt Salzburg mit 20.000 Anrainern und wir haben keine nennenswerten Probleme.

Davon sind Sie bei der geplanten Stromtrasse weit entfernt. Erdkabel oder Freileitung ist in Salzburg zum Glaubenskrieg geworden und eine Lösung scheint nicht in Sicht. Selbst Bürgermeister Heinz Schaden will sich nun an Ihre Masten ketten lassen.

Kämmerer: Die 380-kV-Leitung ist ein Thema des Verbundes und da haben Sie bitte Verständnis, dass wir uns dazu nicht äußern können.

Ob das die betroffenen Menschen genauso sehen? Strom ist Strom. Warum wird es bei Infrastrukturprojekten immer schwerer, einen Konsens zu erreichen?

Kämmerer: Da ist in der Vergangenheit sicher in der Kommunikation einiges schiefgelaufen. Infrastrukturprojekte funktionieren heute nur mehr dann, wenn wir frühzeitig mit den Anrainern ins Gespräch kommen, wenn wir bereit sind zuzuhören und auch fähig sind zu lernen.

Und dann kann man den Leuten auch einen Hochspannungsmasten vor die Tür setzen?

Kämmerer: Kommunikation kann nicht alle Probleme lösen und schon gar nicht Projekte managen. Sie kann aber Rahmenbedingungen schaffen und Projekte begleiten. Und leider bleiben dann trotzdem noch Themen übrig, die nur auf demokratischem Weg eine Lösung finden können.

Sie umschreiben damit die Entwertung von Immobilien, die Verschlechterung von Lebensqualität, praktisch eine Rundum-Enteignung.

Kämmerer: Ich spreche davon, dass wir alle Strom brauchen, ebenso wie wir Straßen, Bahnstrecken, Flughäfen benötigen. Und überall treffen wir auf Anrainer, die darüber nicht glücklich sein können. Hier muss eben unsere Gesellschaft Notwendigkeit und Schaden abwägen.

Wir reden hier weitgehend über Kommunikation, aber fehlen uns in Wirklichkeit nicht tragfähige Konzepte für die Weiterentwicklung unserer Infrastruktur? Leiden wir nicht in erster Linie an den Versäumnissen unserer Raumordnung?

Kämmerer: Mag sein. Ich will und kann nur für die Kommunikation sprechen. Und ich sehe bei unserem Kraftwerksbau mitten in der Stadt Salzburg, wie hilfreich persönliche Kommunikation ist. Anstatt uns die Zeitungen zu kaufen, reden wir persönlich mit den Anrainern. Mehr als 10.000 Stunden haben wir alleine beim Projekt in der Stadt in den letzten Jahren dafür aufgewendet. Vor allem unser Ombudsmann hat Enormes geleistet. Das war richtige Knochenarbeit!

Klingt ein wenig danach, dass Sie jetzt ein wenig härter arbeiten müssen, um zu den gleichen Ergebnissen zu kommen.

Jager: Auf keinen Fall! Wir reden nicht nur mehr, sondern suchen zugleich ernsthaft nach gemeinsamen Lösungen. Ein Beispiel: Wir mussten in der Stadt Salzburg große Teile unserer Baustelle mit Stahlplanken absichern. In der ursprünglichen Planung hätte das drei Wochen gedauert und einen Höllenlärm gemacht. Wir haben uns dann mit den Anrainern geeinigt, dass wir für diese Arbeit gleichzeitig mehrere Trupps einsetzen und diese auch länger arbeiten. Die Belästigung war so zwar wesentlich höher, dauerte aber nur eine Woche. Die Leute konnten sich darauf einstellen, viele sind in der Zeit auf Urlaub oder zu Verwandten gefahren. Wir haben also gemeinsam das Beste draus gemacht!

Trotzdem ist der Lärm geblieben.

Jager: Ja, keine Baustelle kommt ohne Belastung aus, aber wir haben gemeinsam mit den Anrainern das Beste geschafft. Früher hat man automatisch 3 Prozent der Investitionssumme für begleitende Kommunikation eingeplant, damit Anzeigen geschaltet und ausreichend Manntage bei einer PR-Agentur gebucht. Die Zeit ist vorbei, wo man sich öffentliche Meinung kaufen konnte. Die Menschen sind heute nicht nur aufgeklärt, sondern extrem gut vernetzt und wir müssen uns in der PR-Branche überlegen, wie wir ohne Luxus-PR auskommen.

Jetzt arbeiten Sie an den Medien vorbei?

Jager: Natürlich nicht, aber wir reden zuerst mit unseren Anrainern und dann erst mit den Medien. Wir wollen ja umgekehrt auch nicht, dass uns die Anrainer über die Medien ausrichten, was sie von uns erwarten.

Und was sagen die Journalisten dazu?

Jager: Am Anfang war das neu für die. Inzwischen verstehen sie es, dass wir ihnen nicht Schlagzeilen liefern wollen, sondern in erster Linie um eine gute Nachbarschaft mit unseren Anrainern bemüht sind.

Was würden Sie tun, wenn die Hochspannungsleitung über Ihr Haus geführt würde?

Jager: Eine schwere Frage.

Erschienen in Ausgabe 10+11/2011 in der Rubrik „Special“ auf Seite 82 bis 85 Autor/en: Interview: Johann Oberauer. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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