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Beruf und Medien

Suche nach einem „gerechten“ Arbeitsmarkt

Von Engelbert Washietl

Den angestellten Journalisten geht es nicht schlecht, den Freien meistens schon. Die KV-Verhandlungen ziehen sich, weil der Ausgleich so schwerfällt.

Journalisten sind keine Metallarbeiter. Das erkennt man daran, dass sie keine Streikaktion vom Zaun brechen und auch gar nicht dazu fähig wären, um in schwerster Wirtschaftskrise eine 4,2-prozentige Lohnerhöhung zu erzwingen. Sie warten stattdessen geduldig auf den in Aussicht gestellten Reform-Kollektivvertrag, der die gröbsten und systematischen Missbräuche in der multimedialen Arbeitswelt abstellen soll. Solche sind hauptsächlich unter den Stichworten „freie Mitarbeiter“ und „journalistisch tätige Online-Mitarbeiter“ zu finden.

Da der Abschluss der Verhandlungen zwischen dem Zeitungsverband VÖZ und der Journalistengewerkschaft nach pünktlichen Verzögerungen zu jedem Quartalsultimo seit 2010 bereits im November 2011 angekommen ist, sollte man sich darauf einstellen, dass die Vorfreude auf das Verhandlungsergebnis über Silvester anhalten wird. Es sei denn – und dieses Weihnachtswunder muss man hypothetisch einkalkulieren –, es erfüllt sich binnen weniger als fünf Wochen das, was Gewerkschaftsverhandler Franz C. Bauer für nicht unmöglich hält: „Wenn der Durchbruch da ist, kann es sehr rasch gehen.“

Je länger das Wunder ausbleibt, desto mehr Fakten werden von außen auf die Tische der Arbeitspartner zugeliefert. Die zeitlich aktuellste Studie stammt von den Kommunikationswissenschaftlern der Universität Salzburg Roman Hummel und Susanne Kirchhoff. Sie trägt den Titel „Medienkarrieren im Umbruch. Arbeitsbedingungen und Berufserwartungen von Journalistinnen und Journalisten“ und stellt gleich eingangs einen „dramatischen Anstieg der Freien“ fest.

Die Studie, die aus Umfragen und 53 „Leitfadeninterviews“ zustande gekommen ist und nicht als repräsentativ einzustufen ist, stützt die auch in Bauers Verhandlungsstrategie durchscheinende Meinung, dass es den Journalisten nicht etwa generell schlecht im ökonomischen Sinn geht, sondern dass ein ungleiches bis ungerechtes System der Einkommensverteilung den springenden Punkt auch in den Kollektivvertragsverhandlungen bildet. Die einen sind etabliert und durch das vom Journalistenkollektivvertrag abgesicherte Anstellungsverhältnis geradezu privilegiert. Hummel spricht ihnen und den selbstständig tätigen Freiberuflern ein Bruttoeinkommen von mehr als 4.000 Euro zu. Auf die Praxis umgelegt heißt das wohl: Wer einmal angestellt ist, der kommt als Einkommensbezieher irgendwann auch auf diesen Level.

Die Autoren ziehen einen für viele Journalisten vermutlich überraschenden Schluss: „Die Durchschnittsgehälter sind rund doppelt so hoch wie für den Durchschnitt der unselbstständig Erwerbstätigen Österreichs.“ So gesehen hätten auch die Arbeitgeber, die den Journalismus fast schon als unfinanzierbar darstellen, ein gewisses Argument für sich. Da die Hummel-Studie von der Journalistengewerkschaft unterstützt wurde, sitzen also Arbeitgebervertreter am Tisch, die genau wissen, dass die gegenübersitzenden Arbeitnehmervertreter wissen, dass beide Seiten wissen, wie die wirkliche Lage ist.

Aber ist es die wirkliche Lage? Die Hummel-Studie hat sich der Adressenliste der Journalistengewerkschaft GPA-djp bedient, also der gewerkschaftlich organisierten Journalisten. Gerade die freien Mitarbeiter sind am Anfang ihrer Karriere fast nie bei der Gewerkschaft. Das heißt, die im „Journalisten“ im September genannten Jahresnetto-Einkommen eines „Trainees“ von 14.000 Euro und eines Mitarbeiters einer Bezirkszeitung von 17.000 Euro dürften höchst selten in das Sample gelangt sein. Auch die von Hummel in seiner Vorgängerstudie „Praktikanten“ genannten 230 in österreichischen Medien tätigen Praktikanten können es nicht sein, denn der Autor beschrieb deren Lage 2007 mit den Worten: „,Der typische Praktikant‘ arbeitet zwei Monate in einer 37-Stunden-Woche und erhält dafür unter 400 Euro pro Monat bezahlt.“ Somit gelangen die Freien und Pauschalisten in der jetzt vorgestellten Einkommenstabelle überraschend zu einem Durchschnittsverdienst von 2.000 bis 2.500 Euro brutto. Damit würden diese Freien gleichauf mit den gültigen Tarifgehältern für Aspiranten behandelt werden. Das ist aber bei namenlosen Einsteigern gewiss nicht der Fall. Hummel teilt dem „Journalisten“ mit, dass bereits eine Anschlussanalyse geplant sei, in der die Mitarbeiter unscheinbarer Blätter berücksichtigt würden, die entsprechend niedrigere Einkünfte beziehen.

Der journalistische Nachwuchs drängt jedoch ungebremst in eine Wirtschaftsbranche, in der offenbar der Traumberuf zu entdecken ist. Die Autoren konstatieren einen „vor dem Hintergrund des Arbeitsmarktes weit überproportionalen Zustrom junger Leute zu diesem Beruf“. Die jungen Leute strömen und strömen und bilden eine zielgerichtete Marschkolonne wie bei der Lachswanderung, die jedem intelligenten Bären zur fahrplanmäßigen Mahlzeit verhilft. Verlagschefs haben ein feines Gespür für die natürliche Entwicklung des Arbeitsmarktes. Sie brauchen sich nicht, wie das in den Technikbranchen der Fall ist, vor den Universitäten aufzustellen und die Absolventen abzufangen, sie müssen auch nicht vor den Toren der relativ neuen Fachhochschulen für Journalismus stehen, sondern die Verhaltenstrends der Bewerber studieren. „Volontariate und freie Mitarbeit sind der Königsweg in den Journalismus. In rückblickenden Erzählungen über den eigenen Werdegang spielt die persönliche Neigung eine wichtige Rolle. Das erste Praktikum oder die erste freie Mitarbeit kommt häufig über persönliche Beziehungen/Netzwerke zustande.“ Das heißt, sie tauchen plötzlich im Betrieb auf.

In Hummels Zufriedenheitsskala sind die typischen Jungjournalisten zwar von Aufstiegschancen, der Zeit für Recherche und Produktion, dem Verhältnis Arbeit/Freizeit und der Einkommenssicherheit wenig begeistert. Ausschlaggebend scheinen allein die Soft Keys zu sein, von denen sie schwärmen: journalistische Unabhängigkeit, inhaltliche Ausrichtung des Mediums, Teamgeist in der Redaktion, Möglichkeit zur Gestaltung von Themen, Medientyp. Auf dieser Basis ergibt sich die spezielle Berufszufriedenheit von Journalisten: „Die Befragten gaben mehrheitlich an, mit ihrer beruflichen Situation zufrieden zu sein. Dies hat vor allem eine Grundlage in der selbstständigen Arbeitsgestaltung (Themenwahl, Arbeitseinteilung), der Unabhängigkeit sowie dem wahrgenommenen eigenen gesellschaftlichen Ansehen.“ Und den in der Hummel-Studie zitierten Ausspruch hat vermutlich fast jeder irgendwann in irgendeiner Form getan oder zumindest gehört: „Also ich mein, nicht dass ich es umsonst machen will, aber Geld ist nicht das Wichtigste für mich, [sondern] dass ich merke, dass ich mit meinen Geschichten was bewegen kann …“

Aus statistischen Erkenntnissen und spontanen Bemerkungen formt sich ein Ermessenspielraum, in dem der Chefverhandler der Gewerkschaft, Franz C. Bauer, dem Chefverhandler der Zeitungsverlage, Moser-Holding-Vorstand Hermann Petz, gegenübertritt. Schlichte Gehaltserhöhungen wie bei Metallern würden der Absicht, einen modernen Kollektivvertrag zu schaffen, nicht genügen. Im Grunde genommen soll „Gerechtigkeit“ geschaffen werden.

In etlichen Verhandlungsrunden wurde bisher ein Unterbau geschaffen, der zwei Hauptprobleme umschreibt: den Kreis der journalistisch Tätigen, die unter den künftigen KV fallen, und eine von beiden Verhandlungspartnern als realistisch akzeptierte Schätzung, wie viele Personen bei Inkrafttreten des neuen Vertrages in diesen einbezogen werden. Diese Zahlen sollen aber nicht den Plafond für künftige Zeiten festschreiben, da die Medienlandschaft ständig in Entwicklung ist. Die Definition des Teilnehmerkreises ist für bisherige freie Mitarbeiter nicht so schwierig, wohl aber für Online-Journalisten. Dabei wird Neuland betreten, denn bisher sind Online-Mitarbeiter größtenteils auf zwei Kollektivverträge aufgeteilt, d
ie mit Journalismus wenig zu tun haben: die KVs für Informationstechnologie und Werbung- und Marktkommunikation.

Derzeit geht es in den Gesprächsrunden um Bestimmungen zur Arbeitszeit, die schon in der Printbranche kaum irgendwo befriedigend geregelt ist. Die Besonderheiten und die Vielfalt des journalistischen Berufes sind mit der Stechuhr nicht kompatibel. Das gilt erst recht für den ewig fließenden Onlinebetrieb, der sich zumindest bei ORF und Austria Presse Agentur auf 24 Stunden erstreckt.

Bauer hat noch immer die Hoffnung, dass es zu einem Verhandlungsabschluss kommt, ehe es zu spät ist. Er begründet seinen gedämpften Optimismus damit, dass ein moderner Kollektivvertrag unternehmerische Entscheidungen berechenbarer machen würde, also ein Vorteil auch für die Arbeitgeber wäre.

Erschienen in Ausgabe 10+11/2011 in der Rubrik „Beruf und Medien“ auf Seite 42 bis 43 Autor/en: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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