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Beruf und Medien

Türkei: „Es gibt eine Art Selbstzensur“

Von Hermine Schreiberhuber

Rober Koptas hat 2010 die Chefredaktion der türkisch-armenischen Wochenzeitung „Agos“ übernommen. Er musste in große Fußstapfen treten. Denn er folgte Hrant Dink nach, der 2007 ermordet wurde. Kürzlich war er auf Einladung des Vienna Institute for International Dialogue and Cooperation in Wien.

Als armenischer Journalist in der Türkei hat Rober Koptas kein leichtes Leben. Dennoch ist der 35-jährige Chefredakteur der türkisch-armenischen Wochenzeitung „Agos“ überzeugt, dass die Situation der Presse heute generell besser sei als vor zehn, 20 Jahren. Seit den Terroranschlägen von 9/11 habe der Westen große Vorurteile. Doch unter den kemalistischen Vorgänger-Regierungen der jetzigen islamisch orientierten AKP-Führung „war es härter“, meint Koptas.

Rober Koptas hat im Juni 2010 die Chefredaktion der Zeitung übernommen. Er musste in große Fußstapfen treten, als er dem „Agos“-Gründer Hrant Dink nachfolgte, der im Jänner 2007 von einem ultranationalistischen Jugendlichen in Istanbul erschossen wurde. Dink war ein Wegbereiter für die ethnische Aussöhnung in der Türkei, welche die Massaker an den Armeniern von 1915 nicht als Völkermord wahrhaben will. Koptas: „Er wollte eine offene Diskussionsplattform für politische und historische Fragen schaffen.“

„Als sich die Todesnachricht verbreitete, schrieb ich an der Uni gerade eine Klausur“, erinnert sich Koptas. „Ich habe die Prüfung abgebrochen.“ Dink wurde vor der Redaktion im Istanbuler Bezirk Osmanbey ermordet. Für das „Agos“-Team folgte eine schwere Zeit. Etyen Mahcupyan, Dinks engster Freund und Mitstreiter, führte die Zeitung weiter. „Er half ‚Agos‘ zu überleben. Die Chefredaktion übernahm er nur aus Verantwortungsgefühl.“ Im Vorjahr übergab der angesehene Kolumnist das Ruder an Koptas, der früher Bücher verlegte und daneben Beiträge für „Agos“ verfasste.

Mahcupyan stehe ihm weiter beratend zur Seite, unterstreicht Koptas. Die 1996 gegründete Zeitung mit einer Auflage von 5.000 Stück ist zweisprachig; 20 Seiten erscheinen jeweils auf Türkisch, eine vierseitige Beilage auf Armenisch. Das Dutzend „Agos“-Journalisten sei gemischt, halb armenisch, halb türkisch einschließlich Kurden. 60 Prozent der Leser sind laut Koptas Armenier, 40 Prozent Türken. Jüngst wurde eine Website geschaffen. Ein Internet-Auftritt ist gerade für das Sprachrohr einer Minderheit wichtig. „Wir hoffen auf eine große Leserschaft.“

Eine Zensur gebe es a priori nicht, beschreibt Koptas die Situation in dem Land, wo Dutzende Journalisten inhaftiert sind oder Strafverfahren am Hals haben. Reporter ohne Grenzen setzte die Türkei im Vorjahr auf Rang 138 von 178 Staaten. „Aber es gibt eine Art Selbstzensur, wegen bestehender Ängste.“ Bestimmte Artikel im Pressegesetz bewirkten eine Schere im Kopf der Journalisten. Kritik an Staat, Armee, Republikgründer Atatürk oder Nationalflagge sei tabu.

„Journalisten müssen gegen die rote Linie ankämpfen“, so das Resümee des Chefredakteurs. Bei der AKP ortet Koptas eine konservative Einstellung in Glaubensfragen, andererseits konzediert er der Partei, die schon die dritte Legislaturperiode am Ruder ist, auch Weltoffenheit. Außenpolitisch agiere die Regierung proaktiv und verfolge eine neo-osmanische Linie.

Der türkische Staat operiere zwar mit Lügen und wolle Ereignisse wie den Armenier-Völkermord totschweigen, trotzdem sei er demokratischer geworden, ist Koptas optimistisch. Von echter Demokratie werde man allerdings erst sprechen können, wenn Geschehnisse beim Namen genannt werden dürften. Den Türken könne man dies gar nicht vorwerfen, denn in den Schulbüchern kämen diese Gräuel gar nicht vor. „Bis zu einer Anerkennung des Genozids (von 1915) wird es noch einige Generationen dauern.“

Sicherheit ist für die Minderheiten eine Überlebensfrage. „Ich persönlich fühle mich nicht bedroht“, sagt Koptas, der in türkischen Dokumenten nicht Rober, sondern Murat heißt. „Ich habe eine Herausforderung und Freunde, die mich ermuntern.“ Seit Hrants Ermordung passiert der Besucher beim Eintreten in die Redaktion Überwachungskameras und eine schusssichere Türe. Der türkische Staat stellte eine Polizeiwache zur Verfügung. „Wir selbst haben nicht um Polizeischutz angesucht. Denn die Gefahr geht oft von staatlichen Stellen aus.“

Erschienen in Ausgabe 10+11/2011 in der Rubrik „Beruf und Medien“ auf Seite 70 bis 71 Autor/en: Hermine Schreiberhuber. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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